Alkohol-Gerüchte Sarkozys bizarrer G-8-Auftritt

Außer Atem, Schluckauf und eine bizarre Mimik: War Frankreichs Präsident Sarkozy, strikter Anti-Alkoholiker, auf dem G-8-Gipfel nach einem Treffen mit Kreml-Chef Putin betrunken? Der Élysée-Palast lehnt jeden Kommentar zu einem Video aus Heiligendamm ab.


Paris - In Frankreich wird die Frage derzeit heftig diskutiert, wenn auch hinter vorgehaltener Hand. Anlass ist ein Video von einer Pressekonferenz, die Sarkozy in Heiligendamm nach einem Treffen mit seinem russischen Kollegen Wladimir Putin gab.

Außer Atem, mit Schluckauf und einer ans Bizarre grenzenden Mimik trat Sarkozy eine halbe Stunde später als angekündigt vor die Kameras. "Ich bitte Sie um Verzeihung für die Verspätung, sie ist dem langen Gespräch mit Herrn Putin geschuldet", sagte er. Dann wechselt sein Gesichtsausdruck mehrfach zwischen breitem Grinsen und angestrengter Konzentration, als habe er Schwierigkeiten, die Fragen zu verstehen. "Sein Zustand war ganz offensichtlich nicht normal, aber er trinkt doch nie", sagt einer seiner ständigen Medienbegleiter am Mittwoch erstaunt.

"Sarkozy und Putin haben nicht nur Wasser getrunken"

Zahlreiche Fernsehsender übertrugen die Pressekonferenz am vergangenen Donnerstag live. Auch wenn mehrere Journalisten den Auftritt merkwürdig fanden, wurde er erst über Umwege zum Thema: Der belgische Sender RTBF strahlte den Beginn der Konferenz am Freitag mit dem einleitenden Kommentar aus, Sarkozy und Putin hätten "offenkundig nicht nur Wasser getrunken". Videos der Sendung tauchten dann bei YouTube und anderen Internet-Plattformen auf. In wenigen Tagen wurden sie von mehr als eine Million Mal angeklickt. Die Titel der Kurzfilme: "Sarkozy betrunken bei G-8" oder "Vodka Sarkoff".

Die französische Presse scheut davor zurück, in die Gerüchte über den womöglich angeheiterten Zustand ihres mächtigen Staatsoberhauptes einzustimmen - aus vorauseilendem Gehorsam? "Wir sind in Frankreich", lautet der vielsagende Kommentar eines hiesigen Kollegen. Als Innenminister ging Sarkozy nach Aussage von betroffenen Redakteuren mehrfach gegen unliebsame Berichterstattung vor. So soll er hinter dem Rausschmiss eines Chefredakteurs des Magazins "Paris Match" stehen, das über eine Affäre seiner Frau Cécilia berichtet hatte.

Der Élysée-Palast lehnt eine Stellungnahme zu dem Video kategorisch ab. "Wir äußern uns aus Gewohnheit nicht zu schlechten Scherzen", sagte Sarkozy-Sprecher David Martinon. Der belgische TV-Moderator Eric Boever sah sich zu einer Entschuldigung genötigt, die er der französischen Botschaft in Brüssel übermittelte.

"Frankreich hat endlich seinen Jelzin"

Einige Zeitungen in Paris haben sich inzwischen getraut, Links zu dem Video in ihren Onlineausgaben zu veröffentlichen; mit äußerst umständlichen Rechtfertigungen. Zunächst habe man von einer Erwähnung des Videos abgesehen, "das nach Ansicht des belgischen Fernsehens einen betrunkenen Sarkozy zeigt", heißt es bei "Liberation.fr". Nach aufmerksamer Analyse könne man sagen, dass Sarkozy "sich nicht wohlfühlte, aber nicht offensichtlich betrunken war". Die Onlineausgabe des Magazins "Nouvel Observateur" nimmt heute die Entschuldigung des belgischen Moderators als Vorwand, auf das Video hinzuweisen.

Über die Frage, ob sich Saubermann Sarkozy im Dienste der Völkerverständigung tatsächlich mit Putin einen Vodka genehmigte, geraten sich Internet-Blogger heftig in die Haare. "Frankreich hat endlich auch seinen Jelzin" schreibt ein Online-Kommentator. "Er hätte in dem Zustand nie vor die Kameras treten dürfen." Ein anderer wirft den französischen Medien Selbstzensur vor. Wäre Ähnliches Sarkozys sozialistischer Kontrahentin Ségolène Royal passiert, "dann wäre sie demoliert worden". Ein dritter beklagt eine hinterhältige Verunglimpfung Sarkozys, der nur an Magenproblemen gelitten habe und wegen seiner Migräne niemals einen Tropfen Alkohol anrühre.

Ein Glas hätte vermutlich ausgereicht, so ist man sich unter Sarkozy-Kennern sicher, um den Asketen ein wenig zum Schwanken zu bringen. Verdächtige Bilder gibt es aber nicht. Und die Erschöpfung nach dem Gipfelmarathon kann ebenso gut für die fahrigen Gesten, die hängenden Schultern, das unangebracht wirkende Lächeln verantwortlich sein. Zumal sich Sarkozy im Laufe der Pressekonferenz fing und konzentriert alle Fragen beantwortete.

Von Tobias Schmidt, AP



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