Von Charles Hawley
Das 1500-Seiten-Manifest des norwegischen Massenmörders Anders Breiviks ist vor allem eines: ausführlich. Seite um Seite skizziert der Text in allen Einzelheiten die ideologischen Grundlagen seiner Weltanschauung - eine Weltsicht, die ihn dazu gebracht hat, 77 Menschen zu töten.
Es ist ein Dokument, das viele an Breiviks Verstand zweifeln lässt. Aber es hat mit seinen Zitaten und Anleihen aus etlichen Blogs, die gegen Einwanderung oder den Islam gerichtet sind, auch deutlich gemacht, wie weit verzweigt das Netzwerk rechtspopulistischer Gruppen und Parteien in Europa tatsächlich ist. Es reicht vom Front National in Frankreich über Vlaams Belang in Belgien bis zur Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ).
Doch Europas rechtspopulistische Parteien wollen mehr - sie haben neuerdings auch Kontakte zu konservativen Politikern in Israel geknüpft. Wichtigste Anlaufstelle bisher ist Ajub Kara, der für die Likud-Partei des israelischen Premiers Benjamin Netanjahu im Parlament sitzt und als stellvertretender Minister für die Entwicklung des Negev-Gebietes und Galiläas fungiert.
Warum ausgerechnet der Brückenschlag nach Israel? "Auf der einen Seite", sagte FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache kürzlich im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, "finden im Nahen Osten große Revolutionen statt. Wir würden uns freuen, wenn daraus überall Demokratiebewegungen entstehen. Aber ganz sicher kann man sich hier nicht sein, ob wir nicht am Ende rund um Israel, aber auch im Vorhof Europas vielleicht erleben müssen, dass dann islamische Gottesstaaten entstehen."
Israel ist für die Rechtpopulisten also die Frontlinie im Kampf, den sie gegen die angebliche schleichende Islamisierung Europas führen.
Israels Interesse an Europas Rechter
In Israel sehen das nicht wenige genauso, zum Beispiel Eliezer Cohen, ein hochdekorierter Oberst der israelischen Luftwaffe im Ruhestand. Früher war er Abgeordneter von Israel Beitenu, der stramm nationalistischen Partei von Außenminister Avigdor Lieberman, die derzeit in einer Koalition mit Netanjahus Likud das Land regiert. "Europäische Politiker vom rechten Flügel des Parteienspektrums sind sensibler gegenüber den Gefahren, die Israel drohen", behauptet Cohen im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Sie sprechen die gleiche Sprache wie der Likud und andere auf der israelischen Rechten. Ich bin zu alt, um lange drumherum zu reden: Wir hoffen, dass sich die Rechte in Europa durchsetzt."
Bei Ajub Kara klingt das nicht anders. "Ich suche nach Möglichkeiten, den islamischen Einfluss in der Welt zu bremsen," sagte der Likud-Abgeordnete der israelischen Tageszeitung "Maariv" im Juni. "Ich glaube, das sind die wahren Nazis unserer Zeit. Mir ist jeder willkommen, der eingesehen hat, dass uns dieser Krieg bevorsteht."
Auf den ersten Blick würde man die Beziehung europäischer Rechtspopulisten zu israelischen Politikern kaum für eine Liebesheirat halten. Beobachter sehen die FPÖ nur einen kleinen Schritt entfernt von den Gruppierungen der extremen Rechten, zu denen die Freiheitlichen Kontakt halten. Letztere sagen zwar, dass sie nicht antisemitisch seien - und Strache behauptet, dass er sich ihre Haltungen gegenüber Israel und den Juden sehr genau ansehe, bevor er eine Partnerschaft eingehe. Doch es ist nicht schwer, an der Basis dieser Gruppierungen das Gift des extremen Antizionismus und Antisemitismus zu finden.
Andreas Mölzer beispielsweise, der für die FPÖ im Europäischen Parlament sitzt, hat erst vor kurzem eine Kehrtwende hingelegt, um nicht Straches Israel-Strategie zu durchkreuzen. Mölzer gibt eine Wochenschrift namens "Zur Zeit" heraus, die man kaum als israelfreundlich bezeichnen würde. Nach dem Einmarsch in den Gaza-Streifen Ende 2008 wütete das Blatt, Israel würde im "Vernichtungswahn" handeln und versuchen, "die Reste dieses hoffnungslos unterdrückten und unterlegenen palästinensischen Volkes...in diesem Freiluftkonzentrationslager Gaza-Streifen endgültig zu vernichten".
Massive Kritik an Ajub Kara
Beobachter deuten die jüngste Sondierungen der FPÖ in Israel als unaufrichtigen Versuch, außenpolitische Glaubwürdigkeit zu gewinnen. Die FPÖ wolle wohl salonfähig erscheinen, kommentiert Heribert Schiedel vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes. "Grundsätzlich gehen wir im Fall der FPÖ nach wie vor von einem ideologischen Primat des (impliziten) Antisemitismus aus."
Das sehen zumindest die Medien in Israel auch so. Als sich Kara in Berlin kürzlich mit dem deutsch-schwedischen Rechtspopulisten Patrick Brinkmann traf, wurde er von der israelischen Presse massiv angegangen. "Stellvertretender Minister trifft Neonazi-Millionär", lautete die Schlagzeile in der israelischen Tageszeitung "Jediot Acharonot". Der Autor stellte fest, dass der angeblich nicht antisemitische Brinkmann einst enge Verbindungen zu den Rechtsextremen in der deutschen NPD unterhalten hatte. Und nach dem Treffen des Likud-Abgeordneten mit FPÖ-Chef Strache forderte Ariel Muzicant, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien, Premier Netanjahu in einem offenen Brief auf, Kara zu feuern.
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