Alltag in Gaza "Der Bürgerkrieg wird alles auffressen"

Es ist ein Leben wie in einem großen Gefängnis: Die 1,5 Millionen Einwohner des Gazastreifens sind eingesperrt in Armut und Hoffnungslosigkeit, die Jugend ist eine verlorene Generation. Die Gewalt zwischen den Palästinensern entspringt nicht nur politischem Zwist, sondern auch der tiefen täglichen Verzweiflung.

Aus Gaza berichtet Ulrike Putz


Gaza-Stadt - Nackte Füße, ein langes graues Nachthemd, Schlaf in den Augen: Hätte sein Onkel nicht gegen die eiserne Haustür gehämmert, hätte Ahmed Kahlout auch diesen Tag verschlafen. So aber hat er sich um halb zwölf aus seinem Bett geschält, die Tür geöffnet und die Besucher hereingebeten. Wie ein alter Mann hat er sich auf die beiden Matratzen sacken lassen, die in seinem Elternhaus als Sofa dienen und neben einem falschen Perserteppich das einzige Wohnzimmermobiliar sind. Da sitzt er nun und erzählt müde eine Geschichte, wie man sie viele hört in Gaza: Von der guten Ausbildung, die er an den von Hilfsorganisationen eingerichteten Schulen genossen hat, von dem Bachelor, den er machen durfte und von der Realität in Gaza, die nach der Uni alle seine Träume zerschlagen hat.

"Ich habe meinen B.A. in Pädagogik gemacht, ich wollte Lehrer werden", sagt der 23-Jährige. Stattdessen ist er arbeitslos und verschläft die Tage. "Ich kann nicht heiraten, weil ich kein Geld habe, eine Familie zu ernähren. Also sitze ich meine Zeit ab." Und das im Halbdunklen: Die Gassen im Flüchtlingscamp Shati im Norden von Gaza-Stadt sind so eng, dass kaum Licht in die Zweizimmerwohnung der Familie fällt. Vor der Tür hockt ein alter Mann und verkauft grün-schimmliges Brot, als Futter für Hühner und Ziegen. Nur ein paar Sträßchen weiter wohnt Ismail Hanija. Dass der Hamas-Führer nicht weggezogen ist aus dem Elendsquartier, nachdem er zum Premierminister gewählt wurde, rechnen ihm seine Anhänger hoch an.

Ahmed Kahlout ist zu apathisch, um radikal zu werden, auch wenn es ihm noch so schlecht geht. Darin gleicht er den allermeisten der 1,5 Millionen Einwohner des Gaza-Streifens: Sie führen ein Leben, das bestimmt ist von Armut und Verzweiflung. Ein Dasein, in dem die blutigen Kämpfe zwischen der radikalislamischen Hamas und der als korrupt verschrienen Fatah nur ein weiteres Unglück sind.

Der Gaza-Streifen - 40 Kilometer lang und im Schnitt zehn Kilometer breit - ist seit Jahren ein Synonym für Elend. Und in diesem Jahr ist es den Leuten hier noch viel schlechter ergangen als sonst. Um das schiere Ausmaß des Elends zu erfassen, muss man John Ging besuchen. Ging ist Direktor der UNRWA, dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, das sich der Palästinenser angenommen hat, seit diese mit der Gründung des Staates Israel 1948 aus ihrer Heimat vertrieben wurden.

Die Statistiken, die der Ire herunterbetet, sprechen für sich: 89 Prozent der Bevölkerung sind arm, sie leben von weniger als zwei Dollar pro Tag. Über 60 Prozent sind arbeitslos, und seitdem nach der Wahl der Hamas-Regierung im Januar die internationalen Hilfsgelder ausbleiben, mit denen die Gehälter des Öffentlichen Diensts bezahlt werden, sind auch Arbeitnehmer in die Armut abgerutscht: 860.000 Menschen in Gaza sind auf die Nahrungsmittel-Pakete der UNRWA angewiesen, das ist über die Hälfte der Einwohner.

"Ein einziges großes Gefängnis"

Das eigentliche Drama aber ist, dass die Palästinenser in Gaza "effektiv in einem einzigen großen Gefängnis leben", sagt Ging. Nach dem Abzug der israelischen Besatzungstruppen im letzten Jahr habe Aufbruchstimmung geherrscht, die jedoch alsbald in Hoffnungslosigkeit umschlug. "Jeder hatte mit einem wirtschaftlichen Aufschwung gerechnet, wenn die Grenze zu Ägypten erst einmal offen wäre."

Stattdessen sei jeder Handel zum Erliegen gekommen, weil die Grenze de facto geschlossen blieb: Auf israelischen Druck sei der Personen-Grenzübergang Rafah nur 14 Prozent der vorgesehen Zeit geöffnet gewesen. Über den Güter-Übergang Karni, über den alles, was nicht in Gaza produziert werden kann, aus Israel importiert wird, kamen 14 statt geplanter 400 Lastwagen täglich.

"Nach dem Abkommen zur Bewegungsfreiheit vom Dezember 2005 ist die Rafah-Grenze passierbar, wenn europäische Beobachter vor Ort sind", sagt Ging. Diese Beobachter lebten jedoch in Israel, die Israelis hinderten sie nach Gutdünken an der Einreise zu ihrem Arbeitsplatz in Gaza. "So macht man eine Grenze dann dicht."

Betroffen seien nicht nur Reisende. Die Bauern Gazas, die früher ihr Obst und Gemüse nach Israel exportierten, blieben nun darauf sitzen. Das ist der alltägliche Irrsinn in Gaza: Dass es auf den Märkten Gazas zwar Tomaten im Überfluss gibt, aber kaum Fisch. Auf das Meer, das vor der Haustür liegt, dürfen die Fischer wegen israelischer Auflagen selten hinausfahren, der Tiefkühlfisch aus Israel kommt nur spärlich über die Grenze.

Niemand hat Geld

Mahmoud Abu Djayab, der auf dem zentralen Markt eine Reparaturwerkstatt für Elektrogeräte betreibt, hat mehr Arbeit denn je, weil die Leute mangels Neuwaren noch den heruntergewirtschaftetsten Gasherd reparieren lassen. "Aber was nützt mir das", sagt der 51-Jährige. "Das einzige, was ich mir verdient habe, ist ein ganzes Buch voller Unterschriften. Alle Welt lässt anschreiben. Es hat ja niemand mehr Geld, um mich zu bezahlen."

Nun ist Ging keiner, der alle Schuld bei den Israelis sucht. Wenn er von der Hamas spricht, packt ihn der Heilige Zorn: "Die Hamas wusste, dass die Hilfsgelder nicht mehr fließen werden, wenn sie die Bedingungen der internationalen Gemeinschaft nicht anerkennt", sagt er. "Sie haben es trotzdem nicht getan, das war unverantwortlich. Die Partei hat in Kauf genommen, dass das Volk leiden wird." Von den internationalen Geldgebern sagt Ging, dass sie natürlich das Recht hätten, ihre Hilfszahlungen einzustellen. "Aber dann darf man sich nicht wundern, wenn aus dem Leidensdruck Gewaltbereitschaft wächst." Es sei nicht berücksichtigt worden, dass die palästinensische Regierung von jeher mit über 70 Prozent von fremder Hilfe abhängig gewesen sei. "Da lösen ausbleibende Hilfslieferungen Chaos aus."

Doch so schlecht die wirtschaftliche Lage auch ist, schlimmer ist der psychische Druck, unter dem die Gazaer stehen. "Früher hat man auf den Abzug der Israelis gehofft, heute ist kein Licht am Ende des Tunnels", sagt Ging. Die Moral sei furchtbar schlecht, die Volkseele geschunden. Hoffnungslosigkeit führt zu Verzweiflung führt zu Gewalt, die Regel gelte auch hier. Was Ging umtreibt ist, dass eine verlorene Generation heranwächst. "Versuchen Sie mal, einen Jugendlichen zum Lernen zu animieren, wenn er weiß, dass nach der Schule absolut nichts auf ihn wartet."

Ahmed Kahlout ist inzwischen ganz wach geworden, hat sich für die Besucher doch noch Hemd und Hose angezogen. Maulfaul ist er geblieben: Nein, er habe keine Ahnung, was er in fünf Jahren machen werde. Nein, er sei nicht politisch und wählen gegangen sei er auch nicht, sagt der junge Mann. "Der Bürgerkrieg wird sowieso alles auffressen." John Ging hat gesagt: "Der Geist der Palästinenser ist noch nicht gebrochen, sie hätten den Willen und die Fähigkeit, ihre eigenen Angelegenheiten zu regeln." Vielleicht war der UNRWA-Mann da etwas zu optimistisch.

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