Tel Aviv Dolce Vita bei Luftalarm

Israel fliegt Hunderte Luftangriffe, die Hamas feuert Raketen auf israelische Metropolen. Erstmals seit Jahrzehnten gibt es wieder Luftalarm in Tel Aviv und Jerusalem. Die Welt schaut gebannt auf den Nahost-Konflikt, doch die Bewohner der Städte geben sich unbeeindruckt. Bis die Sirenen heulen.

Von , Tel Aviv

DPA

Der alte Mann steht am Meer von Tel Aviv und tanzt. Aus den Boxen eines Strandrestaurants hinter ihm ertönt Elvis Presleys Evergreen "All Shook Up". Der Mann zieht sein faltiges Gesicht zu einem Lächeln, wenn der Refrain einsetzt, er zuckt im Takt. Passanten fotografieren ihn, Jogger halten kurz inne, kleine Kinder klatschen vergnügt. Bald schließen sich dem Mann ein paar Tänzer an. Sie lachen alle.

Nur wenige hundert Meter von dem Restaurant entfernt schlug am Donnerstag eine Rakete, abgefeuert im Gaza-Streifen, im Meer ein. Es gab den ersten Raketenalarm in Tel Aviv seit 1991. Die Hamas schoss am Freitag und Samstag weitere Projektile auf Tel Aviv und schickte auch eine Rakete auf Jerusalem.

Die Welt schaut in diesen Tagen gebannt auf den Nahen Osten. Gut 800 Luftangriffe flog die israelische Luftwaffe auf den Gaza-Streifen, mehr als 300 Raketen feuerte die Hamas auf israelisches Gebiet. Das israelische Kabinett erhöhte am Freitag die Zahl der einberufenen Reservisten auf 75.000 und stationierte eine Raketenabwehreinheit des sogenannten "Iron-Dome"-Programms nahe Tel Aviv. Eigentlich sollte diese erst Anfang 2013 in Betrieb genommen werden.

Doch die Bewohner Tel Avivs und Jerusalems lassen sich kaum etwas anmerken. Sie bleiben ruhig und machen das, was sie immer machen. In den Szenevierteln Tel Avivs frühstücken die jungen, hippen Israelis wie jeden Samstagmorgen. In der Nähe des Strandes im Stadtteil Jaffa hört man Trommeln und Singen und Klatschen. Hier feiern äthiopische Juden. Die Anzüge der Männer schimmern silbern, die Frauen tragen bunte Kleider. Sie feiern eine Hochzeit.

"Alles geht seinen Gang"

Nicht weit entfernt von dem älteren Elvis-Tänzer sitzt auf der Strandpromenade das Ehepaar Mor. Sie wohnen nördlich von Tel Aviv und sind an den Strand gekommen, um zu entspannen, zu laufen und nachher zu Mittag zu essen. "Alles geht seinen geregelten Gang", sagt Michal Mor, die Frau. "Die Menschen sind nur ein wenig besorgt, nicht wegen der Raketen, sondern weil die Aussichten für Frieden allgemein so schlecht sind." Ihr Mann sagt, dass er mal ein Linker gewesen sei und Frieden mit den Palästinensern haben wollte. "Aber welcher palästinensischer Politiker sollte diesen Frieden mit uns schließen?", fragt er. Israel müsse sich auch selbst verteidigen dürfen. Die Israelis rückten jetzt zusammen, sagt seine Frau. Ihre Tochter habe etwa eine Familie aus dem Süden bei sich in der Wohnung aufgenommen. Drei kleine Kinder und die Eltern. Sie würden so lange bleiben, bis die Angriffe vorbei sind. Viele würden das gerade so machen, sagt sie.

Allerdings berichten auch einige Tel Aviver von gehässigen Nachrichten auf Facebook. Darin würden die Bewohner des Südens sie verhöhnen. Der Tenor: Jetzt würden sie endlich einmal sehen, wie es ihnen im Süden seit zwölf Jahren mit den ständigen Raketenangriffen gehe - und dass sie in Tel Aviv in einer Blase lebten, die nicht die Realität Israels widerspiegele. Davon lassen sich die Tel Aviver aber nicht einschüchtern. Sie erzählen sich schon Witze: "Viele Raketen haben vor Tel Aviv wieder umgedreht. Denn sie haben gesehen, dass es keine Parkplätze gibt."

Die Sirene heult, die Gäste springen auf

Manchmal zerbricht die betonte Lässigkeit dann aber doch zusammen, binnen Sekunden. Ein Café im Viertel Florentin, Samstagnachmittag. Die Sirene heult durch die Straße, Luftalarm. Der Kellner winkt hektisch. Sie sollen um die Ecke in die Einfahrt einer Tiefgarage laufen. Manche werfen ihr Essen um, Geldbeutel bleiben liegen. Noch im Laufen zücken viele ihre Handys. Sie telefonieren mit Freunden. Die Alarmsirene heult noch immer.

Dann knallt es bedrohlich nah. Die israelische Armee hat die Rakete abgefangen. Erst Samstagmorgen wurde das System dafür installiert. Die Gäste des Restaurants essen weiter. Ihre Stimmen sind genauso laut wie vor dem Alarm. Das bunte Leben geht weiter.

Ortswechsel: Auch in Jerusalem ist man zumindest nicht aufgeregter als sonst. Nach dem Alarm am Freitag legte sich dort die Ruhe des Sabbat über Jerusalem, als sei nichts geschehen: Aus den Synagogen strömen die gläubigen Juden, schieben Kinderwagen vor sich her und unterhalten sich leise. Auf der Haupteinkaufsstraße der Stadt sitzt ein russisches Touristenpaar. Sie haben gar nichts von dem Angriff mitbekommen. "Die Sirene? Das war doch die Sabbat-Sirene", sagt der Mann. Seine Freundin nickt. Jeden Freitag geht 40 Minuten vor Sonnenuntergang eine Sirene los, die den gläubigen Juden signalisiert, dass der Sabbat bald beginnt. "Uns gefällt es hier sehr gut", sagen die russischen Besucher. "Wir werden noch länger bleiben."

Auch Zalmy Kinn hat keine Angst. "Ich bin ein Jude, ich habe nur Angst vor Gott", sagt er. Er hat erst vor ein paar Monaten die Armee verlassen, hat lange im Westjordanland gedient. "Wenn es nach mir geht, sollten wir den Gaza-Streifen wieder besetzen", sagt er. "Wir hatten Ruhe, als unsere Armee dort alles kontrolliert hat." Es gebe eine rote Linie, die die Hamas nicht überschreiten dürfe. Mit den ständigen Raketenangriffen der vergangenen Wochen habe sie den Angriff provoziert. Neben ihm sitzt ein Streuner mit Bierflasche, Schläfenlocken und Schiebermütze. Von Zeit zu Zeit ahmt er das Geräusch einschlagender Raketen nach. Er sagt: "Es ist doch alles Milch und Honig hier. Gott wird mich beschützen."

Mitarbeit: Jan Ludwig

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