Alte Irak-Seilschaft USA setzen auf den Baath-Faktor

Ein Jahr lang versuchten die USA, Herr der Lage im Irak zu werden. Nachdem im Land nun alles drunter und drüber geht, wenden sich die US-Besatzer wieder einem vertrauten Feind zu: Ausgerechnet die Baath-Partei, Saddams Herrschaftstruppe, soll das Chaos im sunnitischen Dreieck abstellen.

Von Claus Christian Malzahn


Razzia in Tikrit: "Energien nutzbar machen"
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Razzia in Tikrit: "Energien nutzbar machen"

Es sind nicht nur Attacken aus dem Hinterhalt, Straßenminen oder Selbstmordattentate, die der US-Armee und ihren Verbündeten zur Zeit im Irak das Leben zur Hölle machen. Manchmal reicht auch ein einzelner Übersetzer aus, um das Chaos ein bisschen zu vergrößern.

"Wenn ein Mitglied der Interimsregierung der Korruption überführt wird, werden wir ihn feuern!", erklärte ein Marine einer Gruppe irakischer Journalisten auf Englisch in Bagdad. Sein Dolmetscher nickte - und übersetzte ins Arabische: "Wer korrupt ist, der wird erschossen." Die Journalisten notierten brav - sie fanden die Strafe offenbar ganz angemessen.

Der jüngst von einem BBC-Reporter beobachtete Vorfall illustriert die Kommunikationsprobleme der Besatzer. Zwar könnte die US-Armee in Bagdad sicher bessere Übersetzer finden als jene Fachkraft, die "feuern" nicht von "erschießen" unterscheiden konnte. Doch ehemalige Beamte mit Fremdsprachenkenntnissen beispielsweise, die in Saddams Apparat tätig waren, kommen als Mitarbeiter der Koalition kaum in Frage, denn als ehemalige Mitglieder der Baath-Partei unterliegen sie heute ähnlichen Restriktionen wie Ex-Mitglieder der NSDAP nach Ende des Krieges in Deutschland.

Kurswechsel im Pentagon

In einigen Teilen des Irak, vor allem im schiitisch dominierten Süden und bei den Kurden im Norden, wurden die zumeist sunnitischen Baath-Mitglieder nach dem Einmarsch der Koalition sofort von Irakern aus ihren Ämtern vertrieben. In Basra, Nadschaf und Kerbela kam es sogar zu politischen Morden. Auch in den sunnitischen Landesteilen wurden Baath-Funktionäre von ihren Posten enthoben, um Saddams Machtstruktur zu zerstören. Doch inzwischen glauben sogar US-Generäle, dass das Pentagon mit seinem rigiden Entbaathifizierungs-Plan im Irak viel zu weit gegangen ist. Denn vor allem im sunnitischen Dreieck kann man gegen die alten Seilschaften offenbar gar nichts erreichen.

So erklärte jetzt der US-Kommandeur für den Nordirak, Carter F. Ham, viele sunnitische Muslime fühlten sich "vollkommen rechtlos", was letztlich einen "destabilisierenden Effekt" auf die Region habe - eine bemerkenswerte Beschreibung des Chaos und der Rechtlosigkeit, in der sich die Menschen dort befinden. Sein Kollege, Brigadegeneral John Batiste von der im Zentralirak stationierten 1. Infanteriedivision, pflichtete ihm bei: Es sei "eine gute Sache", die "Energien" ehemaliger Baathisten "nutzbar zu machen" - als handele es sich beim Aufstand der Sunniten um ein Problem von psychologischer Übermotorik.

Trotz der blumigen Sprache der Militärs ist die Entscheidung der USA, sich im Zentralirak stärker mit ehemaligen Baathisten ins Benehmen zu setzen als bisher, vermutlich richtig. Der Strategiewechsel erfolgt nicht freiwillig: Seit längerem kritisieren vor allem die Briten den Schwarz-Weiß-Kurs der Amerikaner, die nur Freund oder Feind kennen. Die Briten wissen aus ihrer Geschichte, dass "colonial policing" - und nichts anderes geschieht im Irak - oft durch Grauzonen führt.

Auch der neue irakische Innenminister Samir Shakir hält ein Zugehen auf die Träger des alten Regimes offenbar für vernünftig. Man sei sich der Gefahr des Terrorismus wohl bewusst, sagte er kürzlich, dennoch plädiere er dafür den Prozess der Entbaathifizierung "herunterzufahren".

Von Adenauer lernen heißt Siegen lernen

Als großer Fehler entpuppt sich ein Jahr nach der Besetzung des Irak nun auch die Auflösung der Armee. Auch den Amerikanern dämmert langsam, dass es sinnvoller gewesen wäre, die Bestie zu füttern, als sie freizulassen. Was hätte dagegen gesprochen, den Generalstab auszuwechseln, jüngere Offiziere zu befördern und die Soldaten mit ein paar Dollar bei der Stange und vor allem bei Laune zu halten? Der Abzug der Spanier und anderer Nationen, die noch folgen werden, wäre nicht halb so schlimm, könnte man heute auf eine irakische Ordnungsmacht zurückgreifen. Die irakische Polizei erfüllt diese Aufgabe noch lange nicht.

 Saddam Hussein nach der Festnahme: "Destabilisierender Effekt auf die Region"
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Es war wohl von vornherein ein Trugschluss zu glauben, man könne den neuen Irak ohne die alten Eliten aufbauen. Die Deutschen wissen am besten, dass so etwas nicht gelingen kann. Die Frage ist, welche Regeln und Vorschriften man den alten Seilschaften setzt. Der amerikanische Präsident hätte hier von Adenauer einiges lernen können: Der machte zwar den tief ins NS-System verstrickten Juristen Globke zum Staatssekretär im Kanzleramt. Doch wer sich in der rheinischen Demokratie zur NS-Ideologie bekannte, flog raus, wurde abgestraft und zur Persona non grata. In dieser Hinsicht galt ein klares Sprechverbot. Adenauers "Teile und Herrsche" funktionierte - wieso soll das nicht auch im Irak klappen?

Dass George W. Bushs Kampagne nun bei einer Erkenntnis ankommt, wo schon der Krieg seines Vaters zum Stehen kam, ist dennoch eine Bankrotterklärung. Vater Bush entschied sich 1991 für einen Abzug und gegen einen Sturz des Baath-Regimes, weil man Husseins Blutgesellen wenigstens kannte. Alte Schurken sind einem eben immer lieber als neue, auch wenn Hans Magnus Enzensberger lieber "neue Probleme als alte Schweinereien" im Irak will. Dass ohne die Baathisten im sunnitischen Dreieck nichts geht, erfahren jetzt offenbar auch die Offiziere, die nicht mit dem Rechenschieber im Pentagon sitzen, sondern im Irak täglich Formulare auf Leichensäcke kleben müssen.

Washingtons strategische Wende, die in Uno-Kreisen begrüßt wird, kommt aber möglicherweise zu spät. Denn ein Jahr nach dem Einmarsch haben sich viele Positionen verhärtet - und die jüngste Aktion der Amerikaner, eine Kollektivstrafe in Falludscha zu exekutieren, macht neuere Friedensangebote nicht gerade glaubhaft.



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