Regierungskritische türkische Zeitung "Cumhuriyet" erhält Alternativen Nobelpreis

Es ist ein Signal an den türkischen Präsidenten Erdogan: Die regierungskritische Zeitung "Cumhuriyet" zählt zu den Ausgezeichneten beim diesjährigen Alternativen Nobelpreis. Die Geehrten im Überblick.

Protestierende Journalisten mit einer Ausgabe von "Cumhuriyet"
AFP

Protestierende Journalisten mit einer Ausgabe von "Cumhuriyet"


Mit dem Alternativen Nobelpreis wird im Jahr des gescheiterten Putschversuchs der Kampf für Meinungsfreiheit in der Türkei gewürdigt: Der Right-Livelihood-Award geht an die regierungskritische Zeitung "Cumhuriyet". Auch die anderen drei Preisträger erhalten die Auszeichnung, weil sie "grundlegende menschliche Werte im Angesicht von Kriegs und Unterdrückung" verteidigen, heißt es in der Begründung der Stiftung mit Sitz in Schweden.

Die vier diesjährigen Preisträger teilen sich das Preisgeld in Höhe von drei Millionen Schwedischen Kronen (315.000 Euro) zu gleichen Teilen. Hier sind die Ausgezeichnete im Überblick:

"Cumhuriyet", unabhängige türkische Zeitung:

Can Dündar, Ex-Chefredakteur von "Cumhuriyet"
DPA

Can Dündar, Ex-Chefredakteur von "Cumhuriyet"

Die Auszeichnung für die Tageszeitung "Cumhuriyet", deutsch: "Republik", ist nicht nur eine Anerkennung für ihren zurückgetretenen Chefredakteur Can Dündar und Erdem Gül, den Ankara-Büroleiter des Blattes. Sie wurden zu mehreren Jahren Haft verurteilt, weil sie über Waffenlieferungen des türkischen Staates an Extremisten in Syrien berichtet hatten. Der Preis ist vor allem eine Auszeichnung der gesamten Redaktion, die auch den Mut aufgebracht hat, Anfang Januar Mohammed-Karikaturen des Pariser Satiremagazins "Charlie Hebdo" nachzudrucken. Sie ist aber auch eine Würdigung stellvertretend für all jene Journalisten, Schriftsteller, Wissenschaftler in der Türkei, die es wagen, die autoritäre Politik des Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan zu kritisieren.

"Cumhuriyet" wurde 1924 gegründet und ist damit nur ein halbes Jahr jünger als die Republik Türkei. Sie hat alle möglichen redaktionellen Wendungen durchgemacht, gilt nun aber als regierungskritisch, links-kemalistisch, intellektuell. Mit einer Auflage von 75.000 Exemplaren ist es eine eher kleine türkische Zeitung, wird aber in einflussreichen Kreisen gelesen und zieht mit ihrer Berichterstattung große Aufmerksamkeit auf sich.

Ihre Journalisten zahlen dafür einen hohen Preis. Dündar steht derzeit dafür im Rampenlicht, er entging nach einer Gerichtsverhandlung einem Mordanschlag und ging aus Angst vor Verfolgung ins Exil. Aber die Zeitung hat allein seit Ende der Siebzigerjahre bis Ende der Neunziger sieben Journalisten und Autoren verloren - sie alle wurden Opfer von Attentaten. Seit die AKP seit 2002 an der Macht ist, erleben die Schreiber immer wieder Gängelung durch die Regierung.

Der Alternative Nobelpreis sei eine Ehrung von mutigen Reportern, "für ihren unerschrockenen investigativen Journalismus und ihr bedingungsloses Bekenntnis zur Meinungsfreiheit trotz Unterdrückung, Zensur, Gefängnis und Morddrohung", heißt es in der Begründung. Es ist eine Entscheidung mit politischer Signalwirkung - in der Türkei dürfte sie von vielen als Angriff, als feindseliger Akt und "von Feinden gesteuert" wahrgenommen werden.


Syria Civil Defence, Hilfsorganisation:

Mitarbeiter der syrischen Weißhelme
REUTERS

Mitarbeiter der syrischen Weißhelme

Sie riskieren ihr Leben, um Menschen nach Bombenangriffen aus den Trümmern zerstörter Gebäude zu retten. Die Syria Civil Defence, bekannter als "Weißhelme", besteht aus 3000 Freiwilligen. In Friedenszeiten waren sie Bäcker, Schneider, Verkäufer oder Lehrer. Jetzt sind sie ausgebildete Feuerwehrleute, Sanitäter oder Such- und Rettungskräfte. Mehr als 60.000 Menschen wurden nach Angaben der Stiftung gerettet.

Die Weißhelme seien ein "Rettungsanker und eine seltene Quelle der Hoffnung für die leidende Zivilbevölkerung", lobt Ole von Uexküll, Geschäftsführer der Stiftung, die Gruppe. Ihr großes humanitäres Engagement habe die internationale Aufmerksamkeit auf die Not der syrischen Zivilbevölkerung und die Verwüstung durch Fassbomben gelenkt. Es ist das erste Mal, dass der Preis nach Syrien geht.


Mozn Hassan, Menschenrechtlerin aus Ägypten:

Mozn Hassan
Right Livelihood Award

Mozn Hassan

Mit ihrer 2007 gegründeten Organisation "Nazra für feministische Studien" dokumentiert die ägyptische Feministin Mozn Hassan Menschenrechtsverletzungen in ihrer Heimat. Außerdem stärkt sie Frauen in allen Lebensbereichen "Nazra" prangerte die häufigen sexuellen Übergriffe auf Frauen bei Kundgebungen während und nach der Revolution in Ägypten 2011 an. Den Opfern wurde medizinisch, psychologisch und juristisch geholfen.

Zusammen mit anderen Frauenorganisationen kämpfte "Nazra" erfolgreich für die Aufnahme der Frauenrechte in der ägyptische Verfassung und die Ausweitung der Definition sexueller Straftatbestände im Strafgesetzbuch Ägyptens.

Mozn Hassan und ihre Organisation bekämen den Preis "für ihren Einsatz für die Gleichstellung und die Rechte von Frauen unter Umständen von anhaltender Gewalt, Missbrauch und Diskriminierung", heißt es in der Begründung der Stiftung.


Swetlana Gannuschkina, Menschenrechtlerin aus Russland:

Swetlana Gannuschkina
Sergey Artemiev

Swetlana Gannuschkina

Die 74-jährige Menschenrechtsaktivistin hat seit 1990 mehr als 50.000 Migranten, Flüchtlinge und Binnenvertriebenen in Russland kostenlos rechtliche Unterstützung, humanitäre Hilfe und Bildungsangebote zukommen lassen. Mit Prozessen vor russischen Gerichten und dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte verhinderte sie die Zwangsrückführung von Migranten aus Russland in zentralasiatische Länder. Dort hätte ihnen Haft und Folter gedroht.

Mit ihrer Arbeit habe Gannuschkina dazu beigetragen, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf Menschenrechtsverletzungen in Konfliktregionen wie dem Kaukasus zu lenken, würdigt die Stiftung die Aktivistin, die sich auch für die Förderung von Toleranz zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen eingesetzt habe.


Die Preisträger wurden von einer internationalen Jury ausgewählt. Insgesamt gab es 125 Nominierungen aus 50 Ländern. Die diesjährigen Preisträger nähmen sich allen Widrigkeiten zum Trotz der "drängendsten globalen Herausforderungen an - sei es Krieg, Rede- und Pressefreiheit, Frauenrechte oder die Notlage von Geflüchteten und Migranten", sagte von Uexküll in seiner Begründung.

Der Alternative Nobelpreis wird seit 1980 vergeben. Mit ihm will die Stiftung "couragierte Menschen und Organisationen, die visionäre und beispielhafte Lösungen für die Ursachen der globalen Probleme entwickeln und erfolgreich umsetzen", ehren.

Im vergangenen Jahr ging der Preis unter anderem an das Volk der Marshallinseln, 2014 wurde der Whistleblower Edward Snowden ausgezeichnet.

kaz/als

insgesamt 72 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
mwroer 22.09.2016
1.
Immerhin sind diesmal die Schweden die Bösen - bin gespannt was Erdogan da jetzt aus der Schublade holt :)
kikerikiii 22.09.2016
2. K l a s s e ! !
Wie sehr mich das freut, kann ich kaum ausdrücken!
darthmax 22.09.2016
3. Gratulation
Es wäre wünschenswert, dass auch unsere Regierenden diese Zeitung ( in Übersetzung ) lesen, bevor sie bei Erdogan den Kotau machen.
mortimer2 22.09.2016
4. Erdogan gehört nach DenHag
Sehr gute Entscheidung der Jury. Es wird Erdogan allerdings am A... vorbei gehen. Und der gehört vor ein internationale Gericht. Er unterstützt nachweislich islamistische Terroristen. Aber auch darüber lacht er sich tot. Die Türkei in die EU - niemals. Keine EU-Visa für Türken. Und wem es bei uns nicht gefällt, soll seine Koffer packen und gehen. Nur zur Klarheit: ich wähle nicht die NPD, AfD oder andere populistische Parteien.
ulf.bade 22.09.2016
5. Endlich jemand
der sich traut, das Geschehene wahrheitsgemäß einzuordnen. Wir Deutschen sollten uns schämen, mit diesem Despoten Geschäfte zu machen. Bei uns wird lieber geschwiegen, als die Wahrheit zu sagen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.