Alternativer Nobelpreis: Ehre für unbekannte Helden

Von Anika Kreller

Mit kleinen Projekten bewirken sie Großes: Der Alternative Nobelpreis geht in diesem Jahr an einen Bischof, einen Umweltschützer, einen Entwicklungshelfer und eine Ärzteorganisation. SPIEGEL ONLINE stellt die Geehrten vor.

Alternativer Nobelpreis: Die Gewinner 2010 Fotos
Prelazia do Xingu

Hamburg - "Am Anfang war die Tat" - so heißt die Broschüre über den Alternativen Nobelpreis. An diesem Donnerstag wurden die vier Preisträger bekanntgegeben, die die Auszeichnung in diesem Jahr erhalten. Sie werden geehrt für ihre beispielhafte praktische Arbeit und ihr Engagement, mit dem sie "Antworten zu den dringendsten Herausforderungen unserer Zeit finden und erfolgreich umsetzen". So formuliert es das Komitee der Right Livelihood Foundation, das den Preis in diesem Jahr bereits zum 31. Mal verleiht.

Es sind Menschen, die mit persönlichem Einsatz und Idealismus antreten, um konkrete, pragmatische Lösungen für globale Probleme zu finden. Geehrt werden in diesem Jahr folgende Preisträger:

  • Der aus Österreich stammende katholische Bischof Erwin Kräutler setzt sich seit den achtziger Jahren für die Rechte der indigenen Bevölkerung Brasiliens ein. Seine Lobbyarbeit hat dazu beigetragen, dass diese Rechte 1988 Eingang in die Verfassung des Landes gefunden haben. Außerdem kämpft der 71-jährige Kräutler seit 30 Jahren gegen den geplanten Staudamm Belo Monte, für dessen Bau 30.000 Menschen umgesiedelt werden müssten.
  • Mit der Auszeichnung von Shrikrishna Upadhyay geht der Alternative Nobelpreis das erste Mal nach Nepal. Seit 1991 besucht der studierte Ökonom mit seiner Organisation Sapros die ärmsten Regionen seines Landes und hilft den Menschen vor Ort, sich selbst zu helfen: Zusammen mit den Dorfbewohnern analysiert der 65-Jährige mögliche Gründe für ihre Armut und zeigt ihnen, wie sie ihre Situation verbessern können - durch den Bau von Bewässerungsanlagen, Straßen, Schulen, sanitären Einrichtungen. Mehr als 1,3 Millionen Menschen hat Upadhyays Arbeit schon erreicht.
  • Der dritte Preisträger in diesem Jahr ist der Nigerianer Nnimmo Bassey, einer der bedeutendsten Umweltaktivisten des Landes. Im Jahr 1993 gründete der 52-Jährige das nigerianische Pendant zur deutschen Umweltorganisation BUND. Bassey kämpft vor allem gegen die Schäden, die durch die massive Ölförderung im Niger-Delta entstehen. Mit seiner Organisation unterstützt er lokale Gemeinden juristisch, schult das Umweltbewusstsein der Bevölkerung und hilft bei der Ausbildung nigerianischer Journalisten.
  • Mit dem Alternativen Nobelpreis werden nicht nur Einzelpersonen, sondern auch ganze Organisationen geehrt. Die vierte Auszeichnung geht an die Ärztevereinigung Physicians for Human Rights-Israel (Mediziner für Menschenrechte), "für ihren unbezähmbaren Geist, mit dem sie für das Recht auf Gesundheit für alle Menschen in Israel und Palästina einstehen", wie es in der Begründung der Jury heißt. Die 1988 gegründete Organisation fährt mit mobilen Kliniken zu Menschen, die nur schwer Zugang zur medizinischen Versorgung haben, und setzt sich außerdem auf politischer Ebene für das Recht auf Gesundheit ein.

Der Fokus der Auszeichnung liegt in diesem Jahr auf der "Macht des Wandels von unten". "Der Preis soll erfolgreiche Lösungsmodelle für eine bessere Zukunft feiern und stärken", sagt Ole von Uexküll, Geschäftsführer der Stiftung, die die Auszeichnung vergibt. "Diese Menschen verdienen die gleiche Ehre und Anerkennung wie die Nobelpreisträger." Sein Onkel Jakob von Uexküll hat den Preis 1980 gegründet.

Eine Auszeichnung , die Leben retten kann

Dabei schien er von mindestens so viel Idealismus getrieben, wie viele der Menschen, die er auszeichnete: Nachdem die Nobelstiftung seinen Vorschlag ablehnte, einen Preis für Ökologie und Armutsbekämpfung einzuführen, schuf der Schwede die Auszeichnung kurzerhand selbst. Er verkaufte seinen Briefmarkenhandel und steckte den Gewinn von einer Million Dollar in eine Stiftung.

In diesem Jahr feiert der Alternative Nobelpreis sein 30. Jubiläum. Uexkülls Startkapital ist lange aufgebraucht, die Auszeichnung wird heute größtenteils von privaten Spendern finanziert. Anfangs belächelt, ist der Preis heute zu einer Institution geworden, die weltweit Beachtung findet. Längst werden die Gewinner nicht mehr in einer angemieteten Halle geehrt, sondern im prächtigen Schwedischen Reichstag. Die diesjährigen Ausgezeichneten werden ihren Preis dort am 6. Dezember entgegennehmen.

137 Menschen und Organisationen aus 58 Ländern haben den Preis seit seinem Bestehen erhalten. Fünfmal waren Deutsche unter den Ausgezeichneten, zuletzt wurde die Kölner Ärztin Monika Hauser geehrt, die sich für vergewaltigte Frauen in Kriegsgebieten einsetzt.

Preisträger unter Polizeischutz

Die vier Gewinner teilen sich in diesem Jahr ein Preisgeld von 200.000 Euro, das sie für ihre Arbeit einsetzen sollen. Aber sie bekommen nicht nur finanzielle Hilfe, sondern - fast noch wichtiger - ihre Projekte erlangen durch den Preis weltweit Bekanntheit und Unterstützung. Vielen Aktivisten wurden so schon Türen geöffnet, die vorher verschlossen waren. "Einige der Preisträger werden in ihren Ländern erst jetzt von Behörden und Politikern ernst genommen", sagt von Uexküll. "Andere werden so bekannt, dass der Preis als Schutz funktioniert." Denn nicht immer sind die Projekte willkommen.

Auch den diesjährigen Preisträgern wird die Auszeichnung wohl helfen können. Dem katholischen Bischof Erwin Kräutler hat sein Engagement in Brasilien bereits Feinde gebracht: Er erhielt Morddrohungen, seit 2006 steht er unter ständigem Polizeischutz.

Die Preisträger zeigen die Vielfalt der Ansätze, die mit dem Alternativen Nobelpreis gewürdigt werden. Im Gegensatz zum offiziellen Nobelpreis, gibt es keine festen Kategorien. "Wir müssen auch offen sein für ungewöhnliche Ansätze, die nicht entlang vorgegebener Linien arbeiten", sagt dazu Ole von Uexküll.

Jeder kann einen Kandidaten vorschlagen, so möchte das Komitee einen Eindruck gewinnen, was vor Ort als Problem wahrgenommen wird und welche Ansätze es gibt. In diesem Jahr hat die zwölfköpfige internationale Jury die Gewinner unter 120 Vorschlägen aus 51 Ländern ausgewählt. Durch den offenen Nominierungsprozess und den Fokus auf praktische Lösungen sind regelmäßig auch Vertreter aus Entwicklungsländern unter den Ausgezeichneten - beim Nobelpreis ist das eher die Ausnahme.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema Alternativer Nobelpreis
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren
Fotostrecke
Alternative Nobelpreisträger: Jagger, Lindgren, Kelly