US-Scharfschützen im Irak Abdrücken. Das Ziel nicht als Mensch wahrnehmen

Im neuen Eastwood-Film "American Sniper" erschießt ein US-Scharfschütze einen Aufständischen nach dem anderen. Doch wie sah die Arbeit der Elitesoldaten im Irak wirklich aus? Ihr Alltag bestand vor allem aus Warten.

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AFP

Berlin - Der Sturz von Diktator Saddam Hussein ging schnell, der Jubel war groß. Doch schon bald nach ihrem Einmarsch in den Irak 2003 standen die US-Soldaten und ihre Verbündeten vor einem Problem. Der Widerstand war noch keineswegs gebrochen: Aufständische schlugen als Heckenschützen, Selbstmordattentäter und mit anderen unkonventionellen Sprengsätzen zurück.

Wie kann man Soldaten vor solchen Anschlägen schützen? Am ehesten noch mit Scharfschützen. Sie gelten im US-Militär als Elitegruppe, besonders gut ausgebildet und nervenstark. Ihre Aufgabe: Menschen erschießen, die das Leben amerikanischer Soldaten gefährden. Etwa weil sie sich mit einer Granate einem Trupp nähern oder weil sie einen Sprengsatz am Straßenrand deponieren.

Ausgewählt werden Soldaten, die sich durch besondere Ruhe und Treffsicherheit auszeichnen. Wie Christopher "Chris" Kyle, dessen Leben von Clint Eastwood verfilmt am Donnerstag in die Kinos kommt.

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Kyle gilt als der "erfolgreichste" US-Scharfschütze aller Zeiten. Zwischen 160 und 255 Menschen hat er im Irak getötet. Als "Teufel von Ramadi" fürchten ihn seine Feinde. Im Februar 2013 wurde er selbst von einem Irak-Veteranen ermordet.

Scharfschützen töten aus bis zu 900 Metern Entfernung

Die meisten Scharfschützen haben bereits vor ihrer Militärzeit Schießen geübt, auch Kyle, der mit seinem Vater zur Jagd ging. In einer meist zehnwöchigen Ausbildung üben die Soldaten das Anpirschen, Tarnen und Schießen aus besonders großer Distanz. Üblicherweise töten die US-Scharfschützen ihren Gegner aus Entfernungen zwischen 200 und 900 Metern. Einen Angreifer erschoss Kyle nach eigenen Angaben aus knapp zwei Kilometern.

Chris Kyle im Jahr 2012: Der "Teufel von Ramadi"
AP/ The Fort Worth Star-Telegram

Chris Kyle im Jahr 2012: Der "Teufel von Ramadi"

Doch wie sah der Alltag der US-Scharfschützen im Irak aus? Die Soldaten selbst geben nur selten Auskunft. Es gilt als unfein, sich mit seiner Arbeit zu brüsten. Aus Gerichtsverhandlungen, in denen Soldaten angeklagt waren und aus Reportagen von Journalisten, ist jedoch einiges bekannt.

"Sie werden dazu ausgebildet, gleichgültig abzudrücken"

Im Irak sind die US-Scharfschützen aus Sicherheitsgründen in mehrköpfigen Teams unterwegs, sodass die einen immer den Überblick behalten können, während die anderen am Zielfernrohr lauern - oft tagelang mit wenig Schlaf. Ihre Hauptbeschäftigung? Warten.

Sie müssen zudem, anders als oft noch während ihrer Ausbildung, schwere Schutzwesten unter der Tarnkleidung tragen. Dies macht sie unbeweglich - und dürfte im heißen Irak eine ziemliche Tortur gewesen sein. Als Standardwaffe dient das M24-Gewehr, das auf rund 800 Meter präzise schießt. In der Wüste ziehen die Soldaten Plastiktüten oder Kondome über die Mündung, um den Lauf vor Sand zu schützen.

Ihren Feind sehen die Soldaten durch das Zielfernrohr genau. Trotzdem beschreiben viele von ihnen den Vorgang des Tötens extrem distanziert. "Meist sieht man nur den Staub von ihrer Kleidung aufsteigen und etwas Blut austreten", sagte 2004 ein US-Scharfschütze im Irak der "New York Times".

"Scharfschützen werden dazu ausgebildet, gleichgültig abzudrücken und ihr Ziel nicht als Menschen wahrzunehmen", sagte 2007 der Ex-Soldat und Militärverteidiger James D. Culp derselben Zeitung.

Die Aufständischen passten sich schnell an

Im Irak bildete das US-Militär bald im Eilverfahren weitere Scharfschützen aus, weil die Nachfrage nach ihnen so groß war. 2003, so die inoffizielle Schätzung, erschossen US-Scharfschützen im Irak durchschnittlich zwei, drei Aufständische pro Tag.

Doch das änderte sich bald. Schließlich lernten auch die Aufständischen rasch, wo die Gewehrteams gern lauerten. 2004 und 2005 gelang es den Aufständischen sogar, jeweils ein Scharfschützenteam zu überfallen und zu ermorden.

Das Pentagon erlaubte in dieser Zeit ein umstrittenes Köderprogramm: Die Scharfschützen legten Munition oder Sprengstoff aus. Wer sich danach bückte und die Waffen mitnehmen wollte, wurde erschossen. Menschenrechtler verurteilten die Praxis, da so auch Zivilisten zum Ziel werden konnten. Dennoch hielt das US-Militär an ihr fest.

Die irakische Regierung hält den Film für beleidigend

In den USA hat "American Sniper" für heftige Diskussionen gesorgt. Eastwood wird vorgeworfen, eine einseitige Sichtweise einzunehmen: die von Chris Kyle. Wie Iraker den Konflikt sahen, kommt darin nicht vor. Sie werden als "Wilde" dargestellt - so wie Kyle sie auch in seinem Buch bezeichnet.

Auch im Irak löste der Film gemischte Reaktionen aus. In Bagdad, berichteten mehrere US-Reporter, waren die ersten Kinovorstellungen ausverkauft. Manche Zuschauer wurden wütend, andere dagegen jubelten jedes Mal, wenn Kyle einen Terroristen erschoss. Sie sahen ihn im Krieg gegen einen gemeinsamen Feind, den "Islamischen Staat" (IS).

Dabei handelte es sich bei den damaligen Aufständischen um einen bunten Mix. Der IS-Vorläufer war darunter genauso vertreten wie schiitische Milizen, die heute zu Bagdads Verbündeten gegen den IS gehören.

In Bagdad wurde der Film nur eine Woche lang im Kino vorgeführt. Danach befahl nach Medienberichten Iraks Kulturminister, "American Sniper" aus dem Programm zu nehmen. Der Streifen "beleidige die Iraker". Seitdem laden die Iraker fleißig Raubkopien im Internet herunter.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
keine Zensur nötig 25.02.2015
1. Ja - und?
Jeder Sniper kennt das Problem: Warten bis das Ziel kommt. Stundenlang, tagelang wenn es sein muss. Und das gilt für jeden Sniper auf der Welt. Zu den Tugenden gehört: Ruhe, Beharrlichkeit und Umsicht. Dass man dabei selbst schwere Schäden davon tragen kann - vorallem psychische - hat bei den Befehlenden und in der Politik nie jemanden interessiert. Auf allen Seiten.
allonsenfants 25.02.2015
2.
Was sind das nur für Menschen, die sich für einen solchen "Job" zur Verfügung stellen!! Einen weiteren Kommentar erspare ich mir, weil ich nicht gegen die Etikette verstoßen möchte.
wellington96 25.02.2015
3. ja und?
Ich versteh nicht woran sich die Leute jetzt aufregen. Feinde aus Distanz auszuschalten war schon immer die Aufgabe eines Scharfschützen. Jeder, ob er nun eine Sprengladung irgendwo anbringt oder sich mit einer Granate der Truppe nähert, ist ein Feind. Spon braucht nicht hier so zu tun als wäre das was unnormales oder schlimmes. Wer auch immer sich mit einer Granate der Truppe nähert oder Sprengsätze deponiert hat sich bereits einer der Konfliktparteien angeschlossen und muss damit rechnen neutralisiert zu werden. Das ist halt Krieg.
spon-facebook-1629421895 25.02.2015
4. @wellington96
Laut dem Artikel war aber auch jeder, der als Köder ausgelegte Waffen aufgenommen hat, ein Feind. Bissel krass, oder? Ich mein: Das Kinder Munition und anderes Metall sammeln um es später zu verkaufen, ist ja nix neues.
aspng 25.02.2015
5. Bessere Recherche bitte
Aehnlich wie die Arbeit von Herrn Dhiel zum Thema dt. Schutzwesten bei den Attentaten in Paris, wird den SPON Lesern hier bewusst als Spin (?) oder durch fehlendes Wissen ein wenig differenziertes Bild dargestellt: 1. Scharfschuetzen sind normalerweise immer in 2er Teams aktiv: Schuetze + Spotter. Das war keine Besonderheit aufgrund der Bedrohungslage im Irak. 2. Scharfschuetzen trainieren mit ballistischem Schutz. Es ist keine Besonderheit diesen im Einsatz zu tragen. Im Haeuserkampf wird dieser Schutz auch ueber dem Tarnanzug getragen. Nicht darunter. Im urbanen Gelaende mit haeufigem Stellungswechsel macht ein "Ghillie" wenig Sinn. Auch haben sie im Irak oder AFG nicht immer auf Daechern verbracht sondern vielfach aus der Tiefe des Raumes in Haeusern. 3. Es gab keine Standardwaffe. Dies hing von den Einheiten und der Praeferenz ab. M24, L115A3, M82A1, M14 4. Ueber das Empfinden beim Abdruck waere der Hinweis auf das Buch "on killing" von Dave Grossmann gut gewesen. 5. Bild 8/8 ist nicht in einem Wachturm aufgenommen sondern in einer Wohnung. Dies ist auch kein Scharfschuetze, sondern ein Soladt der durch das Zielfernrohr (Elcan M240/M249 Reticle Optical Sight) eines M249 Maschinengewehrs schaut. Normalerweise, operieren Scharfschuetzen nicht mit Maschinengewehren. Es gibt nur einen bekannten Abschuss im Vietnamkrieg mit einer M2 Browning ueber 2.2 km.
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