Weltpolitik Europa unfähig, USA unwillig

Joe Biden in Deutschland: Der Besuch des US-Vizepräsidenten bei der Sicherheitskonferenz in München soll das transatlantische Verhältnis stärken. Doch der Weltpolitik droht Stillstand, Amerika zieht sich auf seine eigenen Probleme zurück. Andere Großmächte können und wollen nicht einspringen.

Eine Analyse von , München

Obama mit US-Vizepräsident Biden: "Ein Jahrzehnt des Kriegs kommt nun zu einem Ende"
AP

Obama mit US-Vizepräsident Biden: "Ein Jahrzehnt des Kriegs kommt nun zu einem Ende"


Der Chemiker und Atomphysiker Ernest Rutherford, Nobelpreisträger 1908, wollte in seinen Labors in Großbritannien Experimente en masse durchführen, schließlich konnte er einer der ganz Großen seiner Zunft werden. Doch Rutherford fehlten oft schlicht die Mittel. Also versammelte der Wissenschaftler der Legende nach seine Mitarbeiter, er sprach: "Leute, wir haben kein Geld. Zeit, mit dem Denken anzufangen."

Rutherfords angebliche Sätze sind inzwischen geflügelte Worte, auch in der Weltpolitik. Selten könnten sie besser passen als zum Deutschland-Besuch von US-Vizepräsident Joe Biden, der am Freitagnachmittag mit Bundeskanzlerin Angela Merkel in Berlin konferiert und am Samstag eine Rede bei der Münchner Sicherheitskonferenz halten soll.

Denn Biden mag öffentlich noch so eloquent über transatlantische Kooperation sprechen. Hinter verschlossenen Türen wird seine Kernbotschaft lauten: Wir müssen uns etwas Neues überlegen, wenn es um die Lastenverteilung in einer unübersichtlichen Welt geht.

Die erschöpfte Nation

Amerika, eigentlich die "unersetzliche Nation", wie Ex-Außenministerin Madeleine Albright sie einst nannte, ist derzeit vor allem die erschöpfte Nation, eine Weltmacht im Rückwärtsgang - die statt auf den Hindukusch oder den Nahen Osten auf die Heimatfront schaut.

Kein Wunder: Seit dem Ende des Kalten Krieges haben US-Truppen rund doppelt so viele Zeit im Kampfeinsatz verbracht wie in den Jahrzehnten zuvor. Das Land hat sagenhafte Summen in die Rüstung gepumpt, allein 2011 so viel wie die folgenden 19 Militärmächte zusammen. Auch das hat zur Rekordstaatsverschuldung von über 16 Billionen Dollar beigetragen.

Es reicht! Diese Botschaft wird Biden auch im Auftrag seines Chefs Barack Obama mitbringen. Immerhin vermied der US-Präsident gerade bei seiner zweiten Inaugurationsrede einen Verweis auf John F. Kennedy, der noch gelobte, Amerika werde "jeden Preis" zahlen, um rund um den Globus die Freiheit zu verteidigen. Obamas zentraler Satz lautete: "Ein Jahrzehnt des Kriegs kommt nun zu einem Ende."

Der Friedensnobelpreisträger sprach nicht in erster Linie über eine bessere Welt, sondern über ein besseres Amerika - mit mehr Chancen für Einwanderer, mehr Rechten für Schwule, weniger sozialer Ungleichheit. Die zerstrittenen Amerikaner sind derzeit nur in einem Punkt einig: Amerikas Wohlbefinden ist erst einmal wichtiger als das Wohl der Welt.

Außenpolitik ohne Resultate

Von den messianischen Visionen eines George W. Bush bleibt in der Ära Obama die Eisenhower-Doktrin übrig, wie sie US-Kommentatoren gerade neu entdecken. General Dwight D. Eisenhower war ein Held des Zweiten Weltkriegs. Doch als Präsident wollte er Blutvergießen um jeden Preis vermeiden, zumindest das Vergießen amerikanischen Blutes. In seiner Amtszeit verlor nach dem Korea-Krieg kein einziger amerikanischer Soldat mehr sein Leben.

Obama hat nun Chuck Hagel zum Verteidigungsminister berufen, der Eisenhowers Biografie dem Präsidenten schenkte und als Ex-Soldat seine Soldaten vor Kriegseinsätzen bewahren will. Hagel teilt Obamas Weltbild des "leading from behind", der Führung aus dem Hintergrund - zu besichtigen gerade wieder in Mali, wo die USA gerne Frankreich den Vortritt lassen.

Derlei Lastenteilung ist kein Drama, genauso wenig wie Kürzungen im US-Verteidigungsbudget. Sie lassen sich leichter umsetzen, als die Militärs behaupten. Ein Drama wäre ein Amerika, das sich aus der Welt zurückzieht.

Denn Obama und Biden haben außenpolitisch viel Renommee erreicht, aber kaum Resultate. "Obama hat bislang wenig außenpolitische Erfolge vorzuweisen", analysiert die renommierte Brookings Institution.

In den Ländern, die Amerika feindlich gesinnt sind, wie Pakistan, ist Obama so unbeliebt wie Vorgänger Bush, schließlich schickt er Drohnen statt Diplomaten. Eine iranische Atombombe scheint wahrscheinlicher denn je, der Kampf gegen den Klimawandel stockt, Israelis und Palästinenser belauern sich weiter, das Verhältnis des Westens zu China bleibt ungeklärt.

Die Welt im Rückwärtsgang

Es wäre Zeit, sich nun stärker zu engagieren, bevor Obama zur lahmen Ente verkümmert. Doch dies ist kaum zu erwarten, egal wie viel Optimismus der notorisch gut gelaunte Biden in Berlin und München verbreitet.

Aber wer könnte an Amerikas Stelle treten? China bangt um seinen wirtschaftlichen Aufschwung, Russland ist zur Petro-Diktatur verkommen, Brasilien und Indien schwächeln. Internationale Institutionen wie die Vereinten Nationen, die Nato oder die EU machen eine Sinnkrise durch.

Wir befinden uns in einer Zeit des weltweiten Machtvakuums, wie der Politologe Ian Bremmer in einem klugen neuen Buch diagnostiziert. Das könnte eine Zeit des Vorwärtsgangs sein, gerade für die Europäer, die als mögliche neue Weltpolizisten entdeckt werden. "Lacht nicht über die Idee", schreibt die "Washington Post".

Doch die Idee wirkt tatsächlich eher amüsant denn wahrscheinlich. Europas Nationen, ausgenommen Großbritannien, haben ihr Verteidigungsbudget seit 1990 um 15 Prozent gekürzt. Schlimmer noch: Ihre diplomatische Einigkeit besteht nur auf dem Papier, wie die Euro-Krise und der jüngste Zoff um Londons EU-Rolle illustriert.

Wahrscheinlicher als der Vorwärtsgang ist eine Welt im Rückwärtsgang: Europa kann nicht entschieden führen, die Amerikaner wollen es nicht mehr.

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insgesamt 146 Beiträge
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Seite 1
dalethewhale 01.02.2013
1. Nach soviele Jahre
Zitat von sysopAPJoe Biden in Deutschland: Der Besuch des US-Vizepräsidenten bei der Sicherheitskonferenz in München soll das transatlantische Verhältnis stärken. Doch der Weltpolitik droht Stillstand, Amerika zieht sich auf seine eigenen Probleme zurück. Andere Großmächte können und wollen nicht einspringen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/amerika-besinnt-sich-auf-seine-eigenen-probleme-a-880807.html
Ablehnung und Kritik gegen den Imperialisten soll er auf einmal fehlen???? Hmm wie wird es erst wenn Deutschland blüht das es sich selbst verteidigungsfähig machen muss.
frubi 01.02.2013
2. .
Zitat von sysopAPJoe Biden in Deutschland: Der Besuch des US-Vizepräsidenten bei der Sicherheitskonferenz in München soll das transatlantische Verhältnis stärken. Doch der Weltpolitik droht Stillstand, Amerika zieht sich auf seine eigenen Probleme zurück. Andere Großmächte können und wollen nicht einspringen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/amerika-besinnt-sich-auf-seine-eigenen-probleme-a-880807.html
Wieso sollten die Russen, Chinesen oder Brasilianer auf einmal das Bedürfniss nach der Rolle des Weltpolizisten haben? Es ist doch für einen Staat erst einmal das logischste, sich auf seine eigenen Probleme zu konzentrieren. Das was Amerika in den letzten 70 Jahren gemacht hat (mal von der Befreiung Europas von den Nazis abgesehen) war meist schädlich, oft illegal und es hat dem Ansehen Amerikas massiv geschadet. Amerika muss sich mit der Rolle eines "normalen" Staates zufrieden geben.
PublicTender 01.02.2013
3.
Zitat von sysopAPJoe Biden in Deutschland: Der Besuch des US-Vizepräsidenten bei der Sicherheitskonferenz in München soll das transatlantische Verhältnis stärken. Doch der Weltpolitik droht Stillstand, Amerika zieht sich auf seine eigenen Probleme zurück. Andere Großmächte können und wollen nicht einspringen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/amerika-besinnt-sich-auf-seine-eigenen-probleme-a-880807.html
Liebes Deutschland, Du bist jetzt gross. Du kannst Dich um deine Probleme auch gerne mal alleine kümmern. Und es gibt Nachbarn die deine Hilfe brauchen. Viel Spass im Leben. dein Dich liebender Bürger
Dramidoc 01.02.2013
4. xxx
Zitat von sysopAPJoe Biden in Deutschland: Der Besuch des US-Vizepräsidenten bei der Sicherheitskonferenz in München soll das transatlantische Verhältnis stärken. Doch der Weltpolitik droht Stillstand, Amerika zieht sich auf seine eigenen Probleme zurück. Andere Großmächte können und wollen nicht einspringen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/amerika-besinnt-sich-auf-seine-eigenen-probleme-a-880807.html
Stimmt doch gar nicht. China ist längst Weltmacht und ist in Afrika, Südamerika und anderen Region sehr aktiv.
na!!! 01.02.2013
5. die Welt wird bald merken
wie es im Osten zugeht wenn die Supermacht USA nicht hilft und schützt . andererseits auch gut sollen die Arabischen Länder sich gegenseitig die Köpfe einhauen . dann lassen sie wennigens den Westen in ruhe . Und wir brauchen denen ihr Öl nicht unbedingt , andere liefern auch .
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