Amerika und das Öldesaster Der explodierte Mythos

Die US-Regierung will die Hintergründe der Ölpest im Golf von Mexiko strafrechtlich untersuchen - ändern wird das am Ende wenig: Das Desaster im Golf offenbar den Irrglauben an die Allmacht der Technologie und die Beherrschbarkeit ihrer Risiken.

Ölteppich im Golf von Mexiko: Die Katastrophe wird in Kauf genommen
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Ölteppich im Golf von Mexiko: Die Katastrophe wird in Kauf genommen

Von , New York


Es war eine altbekannte Szene, ein Déjà-vu der Krisenchoreografie. Die obligatorischen Sternenbanner, das Pult mit dem Siegel, dahinter der hohe Regierungsvertreter, flankiert von grimmig blickenden Vasallen.

"Wir werden die Handlungen derer, die in die Ölpest verwickelt sind, gründlich untersuchen", las US-Justizminister Eric Holder vor den einbestellten Reportern vom Blatt. "Wenn wir Indizien für illegales Verhalten finden, wird unsere Reaktion äußerst entschieden sein."

Das jüngste Kapitel in der Ölkatastrophe am Golf von Mexiko ist überfällig - und vorhersehbar. Holders Auftritt am Dienstag im gebeutelten New Orleans verlief nach dem bewährten Drehbuch, das Washington bei solchen nationalen Dramen immer wieder aufschlägt.

Dazu gehört auch die Ansage des US-Präsidenten im Rosengarten des Weißen Hauses. "Es ist mein feierliches Gelöbnis", sprach Barack Obama nach einem Treffen mit den Co-Vorsitzenden seiner Untersuchungskommission zur Explosion der BP-Plattform "Deepwater Horizon", "dass wir die Verantwortlichen ihrer Strafe zuführen werden."

Das erinnert fatal an die politische Bewältigung der Finanzkrise: Nach dem unvermeidlichen Crash - und nur bedingt erfolgreicher Schadensbegrenzung - begannen die Schuldzuweisungen. Es folgten der Ruf nach dem Staat und dann die Wut auf den Staat. Dazu Kommissionen, Ausschüsse, das juristische Nachspiel. Großes Finale: der Schwur, so etwas nie, nie wieder zuzulassen.

Das Zeitalter der "Spillonomics"

Ob Offshore-Drilling, Atomtechnologie, Raumfahrt - oder der Handel mit Derivaten: Ein komplexes System, dessen Risiken nicht bis ins letzte Detail erforscht sind, bleibt immer ein Wagnis. Als die Atomkraft jung war, diskutierte die Gesellschaft noch über den GAU - den Größten Anzunehmenden Unfall. Waren die AKW gerüstet, diese Katastrophe zu bestehen? Das war die Frage, der sich die Ingenieure damals stellen mussten.

Heute regiert ein anderer Geist, und der Wirtschaftskolumnist David Leonhardt hat in einem Essay für das "New York Times Magazine" gar ein neues Zeitalter ausgerufen: Verhaltensweisen, wie sie in der Ölindustrie oder an den Finanzmärkten herrschen, seien eine Erscheinung der "Spillonomics", sagt Leonhardt in Anlehnung an den US-Bestseller "Freakonomics" über die Wirtschaftsmechanismen des Alltags aus dem Jahr 2005.

Frei übersetzt bedeutet "Spillonomics": "Katastrophenwirtschaft". Die Ölpest (oil spill) und andere Desaster werden in Kauf genommen. Zum einen, weil man die Risiken eben nicht kalkulieren kann, weil sich die X-Faktoren Natur, Zufall, Schlamperei, Betrug, Sabotage nicht berechnen lassen, selbst wenn man es wollte.

Zum anderen aber ist für Spill-Ökonomen alles nur eine Frage der Abwägung: Die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einer Verkettung von Problemen kommt wie auf der "Bluewater Horizon" oder bei den Subprime-Krediten, wird als so gering eingeschätzt, dass man sich davon das Geschäft nicht verderben lässt.

Und so bohren Öl-Multis immer tiefer, bis es zum Flameout kommt; spekulieren Finanzjongleure immer wilder, bis Banken und ganze Volkswirtschaften in Existenznot geraten; fliegen Astronauten, bis ihr Space Shuttle als Feuerwerk am Himmel über Texas verglüht.

"Wann werden wir aufhören, so dumm zu sein?"

Nach der Katastrophe halten sie dann einen Moment lang inne. Regierungen verbieten vorübergehend das Offshore-Drilling, besteuern Bankerboni, stutzen der Nasa die Flügel. Doch wenig später geht das ganze Spiel von vorne los. "Wann werden wir aufhören, so dumm zu sein?", fragt der amerikanische Kolumnist Bob Herbert resigniert.

Alles ist machbar, so lautet ein amerikanisches Credo aus der Zeit der Pioniere. Doch der mythische Optimismus hat Schaden genommen in den letzten Wochen. "Für eine Nation, die nicht genug prahlen kann, wie toll und mächtig sie ist", klagt Herbert, "sind wir schockierend hilflos geworden."

"Deepwater Horizon" war die fortschrittlichste Bohrinsel ihrer Generation, ein Wunderwerk der Ingenieurskunst, sie galt als Triumph der Technologie über Risiken und Widrigkeiten. Sie war, was das Space Shuttle "Challenger" für die Raumfahrt war und das "Abacus 2007- AC1" für die Kreditjongleure der Wall Street.

Bis zum Desaster.

Lewis Platt, einer der ersten Vorstandschefs des Computergiganten Hewlett-Packard, hat sein Lebensmotto einmal so formuliert: "Risiko akzeptieren, Größe wagen." Man könnte das als den obersten Grundsatz der "Spillonomics" bezeichnen.

Die passende Antwort darauf hat schon Albert Einstein gehabt: "Die Definition von Wahnsinn ist, immer das gleiche zu tun - und andere Ergebnisse zu erwarten."



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Seite 1
nurmeinsenf 26.05.2010
1. Andere Optionen?
Geschludert worden ist vor allem in der Vergangenheit. Die Tiefseebohrungen hätte nur unter anderen Sicherheitsauflagen durchgeführt werden dürfen. Jetzt wo das Kind in den Brunnen gefallen ist, ist guter Rat teuer. Offenbar hat niemand so richtig gute Antworten darauf, wie man das Leck verschließt. Woher soll Obama die nehmen? Mehr als alle Ansätze zum Abdichten mit den nötigen Ressourcen zu unterstützen und anschließende Schadensbegrenzung/-seitigung zu treiben, wird nicht möglich sein. Wirklich schön ist das alles nicht, vor allem in der Region - Amerika hat seinen Umwelt-GAU.
Haio Forler 26.05.2010
2. .
Zitat von sysopBarack Obama gerät in der US-Ölkatastrophe in Louisiana zunehmend unter Druck: Der US-Präsident wird heftig kritisiert, weil er sich in der Krise weiter auf BP verlässt. Hat Barack Obama das Krisenmanagement im Griff?
Was soll er machen? Tauchen und sich draufsetzen?
Simpso, 26.05.2010
3.
Zitat von Haio ForlerWas soll er machen? Tauchen und sich draufsetzen?
Ja, ne... wäre Bush das gewesen, wänrem it absoluter Sicherheit die Kommentare sehr viel bösartiger ausgefallen. Es ist aber aschon richtig, weder Bush noch Obama können zaubern.
Epic Fail 26.05.2010
4. ...
Zitat von nurmeinsenfGeschludert worden ist vor allem in der Vergangenheit. Die Tiefseebohrungen hätte nur unter anderen Sicherheitsauflagen durchgeführt werden dürfen. Jetzt wo das Kind in den Brunnen gefallen ist, ist guter Rat teuer. Offenbar hat niemand so richtig gute Antworten darauf, wie man das Leck verschließt. Woher soll Obama die nehmen? Mehr als alle Ansätze zum Abdichten mit den nötigen Ressourcen zu unterstützen und anschließende Schadensbegrenzung/-seitigung zu treiben, wird nicht möglich sein. Wirklich schön ist das alles nicht, vor allem in der Region - Amerika hat seinen Umwelt-GAU.
Nicht? Der Iran hat angeboten das Leck zu schließen, die meinten das es eine Kleinigkeit wäre. Aber da gibts ja momentan Stress mit Atomverhandlungen und da kann man ja nicht so einfach die Hilfe annehmen. Und noch dazu schuldet man dann dem Iran noch etwas, das geht ja mal garnicht. Da wird lieber der Golf von Mexiko geopfert. ;)
Hilfskraft 26.05.2010
5. Technik, Know-how, Manpower
"Den staatlichen Krisenteams fehlt Technik, Know-how, Manpower" Wo ist der legendäre Patriotismus der Amis? Daß es an Technik und Know-how fehlt, leuchtet ein. Frage: Wie sieht es damit bei uns aus? Sind zwar "nur" 70 Meter, aber die müssen auch bewältigt werden, im Falle des Falles. Manpower fehlt? Ein 300Millionen-Volk und keine Manpower? Wenigstens die Küstenbewohner könnten Hand anlegen und Säuberungsaktionen organisieren. Auch wenn es nichts nützt, käme es besser in den Medien rüber. Mir scheint, daß das den meisten Amerikanern am Popöchen vorbei geht. Dann fahren sie eben woanders hin, zum Baden. H.
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