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Amerikanische Irak-Veteranen: Die Zeitbombe

Von Sebastian Heinzel, New York

Im Irak kämpfte er für Freiheit, Demokratie und für seine Kinder. Heute ringt er damit, sein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Herold Noel ist einer von tausenden Irak-Veteranen, die den Krieg zurück in die Heimat tragen und das Gesicht Amerikas verändern.

Herold Noel kann sich glücklich schätzen. Wenn sich der amerikanische Ex-Soldat abends ins Bett legt, kann er oft nicht einschlafen. Er hat panische Angst davor, nie wieder aufzuwachen. "Jedes Mal, wenn ich meine Augen schließe, sehe ich ein totes Kind."

Aber heute hat er zumindest ein Bett.

2003 bildete Noels Einheit die Speerspitze beim Sturm auf Bagdad bildete. Bald nach seiner Rückkehr aus dem Irak-Krieg und seiner ehrenhaften Entlassung aus der US-Armee landete er auf der Straße. Neun lange Monate war der heute 26-jährige New Yorker obdachlos. "Hin und wieder habe ich Drogendealer ausgeraubt, um Pampers und Essen für meinen kleinen Sohn kaufen zu können", erzählt er.

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Mittlerweile lebt Herold Noel in einer neuen Drei-Zimmer-Wohnung in der South Bronx, einem der unangenehmeren Viertel New Yorks. Nach vorsichtigen Schätzungen von Hilfsorganisationen gibt es bereits Hunderte Veteranen aus dem Irak-Krieg, die ein ähnliches Schicksal erlitten und nach der Heimkehr obdachlos wurden.

Schleichend langsam verändert der Irak-Krieg das Gesicht Amerikas. Über eine Million Soldaten sind inzwischen durch den Irak gegangen. Einige treten bei den Kongresswahlen Anfang November an, wie die ehemalige Hubschrauberpilotin Tammy Duckworth, die im Irak beide Beine verlor. Andere fallen in den dunklen Keller der Gesellschaft und tauchen arbeits- und obdachlos auf den Straßen oder in den Schlafsälen der Notunterkünfte auf.

Noch ist ihre Anzahl im Vergleich zu Schicksalsgenossen aus anderen Kriegen verschwindend klein: In den USA sind nach Angaben des Ministeriums für Veteranenangelegenheiten fast 200.000 Ex-Soldaten ohne Bleibe, der Großteil von ihnen hat in Vietnam gekämpft. Doch der Irak-Krieg produziert eine ständig wachsende Zahl mental Versehrter. Nach einer 2004 im "New England Journal of Medicine" veröffentlichten Studie kehren 15 bis 17 Prozent aller Soldaten mit psychischen Krankheiten wie PTSD (posttraumatische Belastungsstörung) aus dem Irak zurück, deutlich mehr als aus anderen Kriegen. "Das ist eine Zeitbombe", sagt Hollywood-Schauspielerin und Politaktivistin Susan Sarandon. "Diese Veteranen bekommen keine Jobs und können sich keine Wohnungen leisten."

Herold Noel sitzt auf einer roten Samtcouch im verdunkelten Wohnzimmer, vor einem gigantischen Fernseher - der erste Wunsch, den er sich nach dem Leben auf der Straße erfüllte. Der Schirm zeigt tonlose Bilder der Überwachungskamera vor dem Haus. "Ich sehe gern, was in meiner Umgebung los ist. Da bin ich ein bisschen komisch", lächelt Noel entschuldigend. "Ich schätze, ich habe seit dem Irak einen Schaden. Ich bin ständig paranoid." Zur Beruhigung raucht einen Joint. "Ich bin nach Kalifornien gereist, dort bekommt man Marihuana auf Krankenschein, wenn man PTSD hat. Die anderen Medikamente haben mich zum Zombie gemacht."

Traum vom Aufstieg aus dem Ghetto

Wegen seiner psychischen Behinderung erhält Noel nun zwar monatlich einen Scheck vom Veteranenministerium und kann damit überleben. Einen Psychiater hat er aber immer noch nicht bekommen: "Ich versuche es seit Monaten. Als ich das letzte Mal zum Ministerium ging, wurde ich verhaftet, weil ich in einem Wutanfall mit einem Stuhl die Scheiben einschlug." Noel hat große Schwierigkeiten, unter Leute zu gehen, an U-Bahn-Fahren, geschweige denn Arbeiten ist in seinem Zustand nicht zu denken. "Also bleibe ich allein zuhause und trinke. Ich habe so viele Probleme, dass ich meine Frau und meine Kinder verloren habe - alles, wofür ich im Irak gekämpft habe."

Eigentlich sollte die Armee sein Ticket aus dem Ghetto werden. Herold Noel ist als Sohn von Einwanderern aus Haiti in Flatbush, Brooklyn, aufgewachsen. "Als Jugendlicher kannst du dort nur mit Drogen handeln, ins Gefängnis gehen oder sterben", erzählt er. "Ich wollte etwas Besseres und bin mit 19 ins Rekrutierungsbüro der Armee in Downtown Flatbush gegangen." Er kann sich noch genau an das Poster an der Wand erinnern - es zeigte eine glückliche Familie beim Grillen im eigenen Garten, den amerikanischen Traum. "Ich schaute auf das Poster und durch das Fenster auf mein Viertel. Dann habe ich nur noch gefragt, wo ich unterschreiben muss."

In der Armee wurde Noel "Fueler": Er fuhr einen Tanklastwagen, sein Job war es, Hubschrauber und Panzer zu betanken. 2003 war seine Einheit die erste, die von Kuwait aus am Boden in den Irak vorstieß. "Unsere Mission war es, den Flughafen von Bagdad einzunehmen", sagt Noel und strahlt vor Stolz. "Wir sind durch die Motherfucker einfach durchgefahren. Wir haben keine Gefangenen gemacht. Wir überließen es den anderen, die Leichen zu zählen."

Vom Flughafen ging es nicht wie erhofft nach Hause, sondern weiter nach Falludscha - und dort geriet die Situation bald außer Kontrolle. "Sogar die Mechaniker, die Köche und wir Fueler mussten ununterbrochen schießen", erzählt Noel. Zweimal kippte sein ungepanzerter Tankwagen in Hinterhalten um, ohne zu explodieren. Noel kam mit Schrapnellsplittern im linken Oberschenkel davon.

Im August 2003 kehrte Noel nach Georgia zu seiner Frau, den kleinen Zwillingstöchtern und seinem einjährigen Sohn zurück, den er noch nie gesehen hatte. Als er am Jahresende aus der Armee ausschied, stellte sie keine Wohnung mehr zur Verfügung; Noel fand weit und breit keine Arbeit. Er brachte seine Familie bei Verwandten unter und ging allein nach New York, wo er bei Bekannten auf der Couch, in seinem Auto oder auf Dächern schlief. Vom Veteranenministerium und anderen staatlichen Stellen bekam er keine Unterstützung. "Bis heute tun sie so, als ob ich nichts geleistet hätte! Ich habe für dieses Land gekämpft!", zürnt Noel. Auch die Armee hatte keinen Platz mehr für ihn: Dass er an PTSD leidet, ist allzu offensichtlich.

Am Tiefpunkt saß Noel in seinem Auto und hielt sich die geladene Pistole an die Schläfe. "Der einzige Grund, warum ich mir nicht das Leben genommen habe, sind meine Kinder. Ich will nicht, dass sie denken, dass ich schwach bin."

"Veteranen bitten nicht um Hilfe"

Yogin Ricardo Singh, 45, nahm sich Noels Falles an. Der Vizepräsident der "Black Veterans for Social Justice", selbst Fallschirmjäger-Veteran, sitzt in seinem kleinen Büro in Bedford-Stuyvesant, Brooklyn. Auf den Gängen stapeln sich Kartons mit Essenspaketen: Über tausend Mittellose aus der Umgebung werden vom "Black Veterans"-Zentrum aus regelmäßig mit Nahrung versorgt. In einem Saal sitzen vorwiegend schwarze Veteranen aller Altersstufen und lauschen mit skeptischem Blick einem Vortrag zu Tipps für Bewerbungsgespräche.

"Die Leute kommen erst hierher, wenn sie keinen Cent mehr in der Tasche haben", seufzt Singh. "Veteranen bitten nicht um Hilfe, wenn sie in Schwierigkeiten sind. Das empfinden sie als erniedrigend, vor allem, weil sie sechs Monate vorher noch Helden waren. Das ist Teil der Kriegermentalität, die wir selbst erschaffen haben." Für Singh erhalten heimkehrende Soldaten viel zu wenig Unterstützung bei der Wiedereingliederung ins Zivilleben. "Wir investieren enorm viel Zeit und Geld, um aus 18-Jährigen Soldaten zu formen, und schicken sie durch das Trauma des Krieges. Danach geben wir ihnen vier Tage Zeit, um wieder Zivilisten zu werden."

Bei den obdachlosen Irak-Veteranen entdeckt Ricky Singh immer dasselbe Muster: "Am wenigsten kommen die Soldaten mit dem Schaden zurecht, den sie mit ihren Waffen angerichtet haben." Der Anblick der Leichen, der Geruch verbrannten Fleisches, das lasse sie nicht mehr los. Auch nach Vietnam hätten Soldaten mit Schuldgefühlen am stärksten unter PTSD gelitten.

"Herold zum Beispiel hat keine Probleme damit, dass er im Irak beschossen wurde", sagt Singh. "Sein wirklicher Schmerz kommt daher, dass er sich im Irak in seinem Tankwagen ducken und blind Menschen niederfahren musste. Er überrollte Kinder, um zu seinen eigenen zurückkehren zu können. Und als er heimkam, schienen seine Frau und seine Kinder auf einmal irakische Gesichter zu haben." Das sei einer der Gründe, warum es PTSD-Patienten schwer falle, Beziehungen zu führen.

Ginge es nach Ricky Singh, würden Ex-Soldaten automatisch Hilfe bekommen und nicht erst darum bitten müssen. "Veteranen sind unsere höchsten Bürger. Sie haben ihr Leben riskiert und sollten das volle Ausmaß dessen bekommen, was wir ihnen versprochen haben - Krankenversorgung, Jobmöglichkeiten." Derzeit werden Soldaten bei ihrer Entlassung nicht einmal gefragt, ob sie eine gesicherte Unterkunft haben. "Wir haben sie verraten", so Singh.

Im Ministerium für Veteranenangelegenheiten in Washington sieht man die Lage weniger dramatisch. Peter Dougherty, Direktor für "Homeless Veterans Programs" verweist darauf, dass man in den letzten zwei Jahren 255 obdachlosen Irakkriegsveteranen ein Dach über dem Kopf verschafft habe. "Es melden sich zehn bis zwölf Irakveteranen pro Monat. Wir haben das unter Kontrolle:" Ob die Dunkelziffer nicht deutlich höher ist? "Es ist obliegt ihnen, in Kontakt mit uns zu treten. Wir leben in einer freien Gesellschaft. Wir können sie nicht zwingen, sich helfen zu lassen." Dank ihrer militärischen Ausbildung besäßen Veteranen eine "gewisse Eigenständigkeit und gute Survival-Skills", die ihnen das Leben auf der Straße erleichterten, so Dougherty. "Wir brauchen im Durchschnitt weniger als sechs Monate, um einen Fall zu bearbeiten."

Dokumentation brachte Aufmerksamkeit

Herold Noel musste fast zwei Jahre warten, bis er den ersten Scheck erhielt. Der Obdachlosigkeit entkam er schon früher - weil er auf Dan Lohaus, 25, stieß. Der Filmemacher begann 2003 mit einemn Dokumentarfilm über obdachlose Vietnamkriegsveteranen. Er hatte Statistiken gelesen, wonach jeder vierte Obdachlose auf Amerikas Straßen für das Land in den Krieg gezogen war. "Das hat mich wütend gemacht. Obdachlosigkeit ist ein lösbares Problem", sagt Lohaus. Viele Vietnamveteranen, mit denen er sprach, hatten sich nach 30 Jahren mit ihrem Schicksal abgefunden. Doch sie alle empfahlen Lohaus, die Heimkehrer aus dem Irak im Auge zu behalten. "Die alten Veteranen auf der Straße haben mich auf den Irak gebracht. Sie machten sich echte Sorgen um die Kids dort", erzählt Lohaus.

Prompt tauchte schon im August 2003, wenige Monate nach der US-Invasion im Irak, der erste Artikel über eine obdachlose Ex-Soldatin im "Boston Globe" auf. Bald darauf stieß Lohaus auf Herold Noel und machte ihm klar, dass Medienaufmerksamkeit ihm helfen könnte. "Zuerst wollte Herold mit seiner Pistole einfach bei CNN einmarschieren und das Studio besetzen", erzählt Lohaus. "Er war schon mit dem Auto auf dem Weg, ich konnte ihn gerade noch davon abbringen." Als es Lohaus mit Hilfe der Organisation "Iraq and Afghanistan Veterans of America" gelang, Noel auf die Titelseite der "New York Post" zu bringen, gerieten die Dinge in Bewegung: Andere Medien griffen die Geschichte über den vergessenen Kriegshelden auf, ein anonymer Spender ihm finanzierte eine Wohnung, sogar einen Termin bei Senatorin Hillary Clinton in Washington bekam Noel.

"When I Came Home", Lohaus' Film über Noels Krieg nach dem Krieg, gewann im vergangenen Mai den Preis für die beste New Yorker Dokumentation bei Robert De Niros "Tribeca Film Festival" in Manhattan. Doch heute ist der Filmemacher, der sich selbst als Aktivist betrachtet, frustriert: "Die kurze Aufmerksamkeit hat nichts gebracht, die Politik reagiert nicht. Die Veteranen sind immer noch ohne Unterstützung auf der Straße, und es kommen ständig Neue nach." Barack Obama, jener junge Senator aus Illinois, der bereits als erster schwarzer US-Präsident gehandelt wird, hat zwar einen Gesetzesvorschlag eingebracht: Der "Homes for Heroes"-Act soll Veteranen Zugang zu staatlich geförderten Wohnungen verschaffen. Doch die Chancen auf die Verabschiedung des Gesetzes scheinen gering. Lohaus will Obamas Mitarbeiter dazu bringen, seinen Film am Kapitol, dem Kongressitz in Washington, zu zeigen - am 11. November, dem Veteranentag.

Herold Noel würde mitfahren, auch wenn er sich keinen Erfolg davon verspricht. "Im Endeffekt ist Hillary Clinton eine Bullshit-Künstlerin, so wie alle anderen Politiker." Er sitzt immer noch auf der Couch in seinem dunklen Wohnzimmer und hört einen selbst gemischten HipHop-Remix des alten Status-Quo-Songs "In the Army Now".

Das Sprechen über seine Probleme und die Erinnerung an Tod und Zerstörung im Irak haben seine Stimmung verdüstert. "Ich sehe kein Licht am Ende des Tunnels", sagt Noel. Jede Woche spreche er mit neuen obdachlosen Irak-Heimkehrer, die von seiner Geschichte gehört haben und meist ebenfalls aus den Ghettos stammen. "Ich weiß nicht, was ich ihnen sagen soll." Er selbst glaubt nicht mehr daran, dass er eines Tages neben dem Grill im Garten stehen und seinen Kindern beim Spielen zuschauen wird.

"Manchmal frage ich mich, wozu ich im Irak überhaupt versucht habe, am Leben zu bleiben. Mein amerikanischer Traum wurde das Klo runtergeschissen. 'Wo ihr jetzt lebt, werdet ihr immer leben' - das ist die Message, die Amerika ins Ghetto sendet."

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