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Amerikanische Ölinteressen im Irak: "Das ist eine Frage von Leben und Tod"

Unruhe im Pentagon: Die Amerikaner befürchten, dass der Irak seine Ölfelder abbrennen könnte, wenn das Regime Saddam fällt. Um eine Wiederholung der Geschehnisse von 1991 zu vermeiden, hat das US-Militär offenbar detaillierte Pläne zum Schutz der Ölvorräte erstellt



Brennende Ölquellen 1991: Sollen diesmal vermieden werden
AP

Brennende Ölquellen 1991: Sollen diesmal vermieden werden

Washington - Einem Bericht der britischen Zeitung "The Guardian" zufolge soll das US-Außenministerium der irakischen Opposition seine Ideen bei einem Treffen zur Zukunft des Irak unterbreitet haben. Beim Sturz des Diktators Hussein habe der Schutz der milliardenschweren Ölvorkommen oberste Priorität.

Der Irak verfügt über die zweitgrößten weltweit bekannten Ölreserven. Der marode Staat produziert gegenwärtig circa 1,5 Millionen Barrel pro Tag. Expertenberichten zufolge könnte sich die Ölproduktion allerdings leicht auf rund sechs Millionen Barrel pro Tag steigern lassen.

Ein Teilnehmer des Treffens habe verraten, berichtet der "Guardian", dass Spezialeinheiten im Falle eines Krieges die wichtigsten Ölfelder blitzartig erobern und militärisch sichern sollten. Dazu eine Quelle aus dem weißen Haus: "Viel wird davon abhängen, wer zuerst da ist. Es ist wichtig, eine Umweltkatastrophe zu verhindern."

Doch nicht nur die Sorge vor den verheerenden Umweltschäden scheinen die USA zu motivieren. Mehrere internationale Ölgesellschaften haben bereits Untersuchungen zu den irakischen Rohstoffreserven vorgenommen, oftmals im Verborgenen. Keinesfalls wollen die westlichen Regierungen den Eindruck erwecken, dass ihr Hauptinteresse am Irak eigentlich seinen reichen Ölvorkommen gilt.

Die USA benötigen jedoch dringend Zugang zu neuen Ölreserven. Bereits im Jahr 2001 überraschte das Energieministerium mit einer Studie, die unter dem Name "Cheney Report" bekannt wurde. Wie Präsident Bush und viele seiner Mitarbeiter kommt auch Dick Cheney aus der Ölbranche. Vor seiner Ernennung zum Vizepräsidenten stand er der Halliburton Oil Services Group vor. Der Bericht prophezeite, dass die USA ihren Öl-Import von derzeit 10.4 Millionen Barrel pro Tag auf fast 17 Millionen Barrel im Jahr 2020 steigern müssten. "Eine signifikante Einschränkung der weltweiten Ölversorgung könnte unsere Wirtschaft empfindlich treffen sowie unseren außen- und wirtschaftspolitischen Handlungsspielraum maßgeblich einschränken", heißt es im "Cheney Report".

Die Öl-Connection: Verbindungen der US-Administration zur Ölbranche
DER SPIEGEL

Die Öl-Connection: Verbindungen der US-Administration zur Ölbranche

Ein ehemaliger Mitarbeiter des Ölunternehmens Mobil fand gegenüber dem Guardian drastischere Worte für diese Einschätzung: "Die Amerikaner haben nichts gegen das irakische Volk aber unser Lebensstil hängt von 20 Millionen Barrel pro Tag ab und die Hälfte davon wird eben importiert. Wir sind wie ein Patient bei der Öl-Dialyse. Das ist hier eine Frage von Leben und Tod."

Bislang bezogen die USA ihre Öllieferungen vornehmlich aus Saudi-Arabien und Venezuela. Doch seit den Attentaten vom 11. September sind die Amerikaner ihrem ehemaligen arabischen Verbündeten gegenüber misstrauisch geworden und die Importe aus Venezuela fallen der dortigen angespannten politischen Lage zum Opfer. Zwar versucht Washington nun, sich Öllieferungen aus Russland und Afrika zu sichern, doch am einfachsten wären die Ölprobleme mit dem billigen Rohstoff aus dem Irak zu lösen: Er ist besonders leicht zu fördern, weil er direkt unter dem Wüstensand liegt.

Offiziell führen die Befürworter eines Irak-Krieges indes ganz andere Motive an. Der britische Außenminister Mike O'Brian betont: "Der Vorwurf, dass unser Motiv die Gier ist, die irakischen Ölvorräte zu kontrollieren ist schlicht und ergreifend Blödsinn. Es geht hier nicht um Gier, es geht um die Angst vor der Verbreitung von Massenvernichtungswaffen".

Auch US-Außenminister Colin Powell bekundete kein primär wirtschaftliches Interesse seines Landes an den irakischen Ölfeldern. Gegenüber dem "Boston Globe" spekulierte er aber zumindest über eine vorübergehende amerikanische Kontrolle der irakischen Ölförderung. Das Öl im Irak gehöre allerdings dem irakischen Volk. Wie auch immer die US-Aufsicht aussehen möge, "es wird für die irakischen Menschen benutzt. Es wird nicht für die Zwecke der USA gefördert." Auf die Frage, ob US-Firmen die irakischen Ölfelder denn zunächst bedienen würden, hatte Powell keine konkrete Antwort: "Wenn wir zur Besatzungsmacht werden, wird es zum Wohle des irakischen Volkes verwahrt und verwandt."

Ganz einig scheinen sich die Mitglieder der US-Regierung in dieser Frage allerdings nicht zu sein. Aus den Büros führender Pentagon-Mitarbeiter wurden Forderungen laut, den Irak-Einsatz wenigstens teilweise durch die Gewinne aus der Förderung des irakischen Öls zu bezahlen. Zumindest die täglich anfallenden Kosten des geplanten 18-monatigen Einsatzes, der zur Errichtung eines demokratischen Systems im Irak führen soll, sollten auch nach Meinung von Vizepräsident Cheney verrechnet werden. Außen- und Justizministerien bestehen indes darauf, dass das Geld für den Irak verwahrt wird.

Zwei unvereinbare Ansprüche stünden sich hier gegenüber, so Andrew Krepinevich vom "Center for Stretegic and Budgetary Assessments", das eine Studie zum Thema für das Pentagon durchführte: Zum einen das Bedürfnis nach einer angemessenen Finanzierung des möglichen Irak-Einsatzes, zum anderen die Notwendigkeit, den irakischen Staat auf Vordermann zu bringen, und "dem irakischen Volk wirkliche Resultate und eine Verbesserung der Lebensumstände zu zeigen".

Vergangene Woche berichtete das "Wall Street Journal", dass der Stab von Vizepräsident Cheney bereits im Oktober 2002 ein Treffen mit namhaften Ölgesellschaften zu den zukünftigen Ölförderungsmöglichkeiten im Irak abgehalten habe. Sowohl die US-Regierung als auch die Benzinmagnaten streiten dies jedoch ab.

Kristina Wahl

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