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Amerikas Armenhaus: Michèle Pierre Louis soll Haiti retten

Autoreifen brannten, Flaschen und Steine flogen. Der Hunger trieb viele Menschen auf die Straße. Vor gut drei Monaten stand die kleine Republik am Rande der Revolution - nun soll Michèle Pierre-Louis das krisengeschüttelte Haiti aus der Misere führen.

Port-au-Prince - Das Parlament Haitis hat die Wirtschaftsexpertin Michèle Pierre-Louis nach monatelanger politischer Krise als neue Regierungschefin bestätigt. Nach der Zustimmung des Abgeordnetenhauses Mitte Juli votierte nun auch der Senat in Port-au-Prince für die 61-Jährige. Bei der Abstimmung sprachen sich zwölf Senatoren für Pierre-Louis aus, fünf weitere enthielten sich. Gegenstimmen gab es keine.

Die zwei vorherigen Kandidaten, die Staatschef René Préval vorgeschlagen hatte, waren beim Parlament durchgefallen. Die Krise war vor gut drei Monaten durch Hungerunruhen ausgelöst worden, bei denen mehrere Menschen starben. Vor Beginn ihrer Regierungstätigkeit muss Pierre-Louis noch die Zustimmung des Parlaments zu ihrem Regierungsprogramm einholen.

Michèle Pierre Louis ist alles andere als dritte Wahl. Beim Volk ist die neue Premierministerin beliebt, nicht zuletzt wegen ihres sozialen Profils; viele Haitianer jubelten nach der Zustimmung am Donnerstag für die Kandidatin im Senat.

Mit ihrem kulturellen und erzieherischen Engagement sorgte Pierre Louis zum Beispiel dafür, dass in Haiti in den vergangenen Jahren Dutzende Bibliotheken entstanden. Zudem lernten tausende Haitianer durch ihre von einer Stiftung finanzierten Organisation "Fokal" Lesen und Schreiben. Mit ihrem Engagement hat die Regierungschefin auch einiges gemein mit dem Präsidenten, der sich in den Jahren vor seiner Wahl für die musikalische Erziehung haitianischer Kinder und die Gründung von Musikschulen eingesetzt hatte.

Beide haben zudem eine enge und vertrauensvolle Beziehung, die nach Schilderungen von Haiti-Kennern auf die frühen 1980er zurückgehen soll, als beide gemeinsam am Flughafen von Port-au-Prince arbeiteten.

Mit der Wahl von Pierre Louis zur Premierministerin geht in diesen Tagen im ärmsten Land Amerikas nicht nur eine Zeit ohne agierende Regierung zu Ende. Es scheint auch Hoffnung aufzukommen, dass nun eine Persönlichkeit die Regierungsverantwortung übernehmen wird, die sich den Respekt vieler Menschen in dem durch Diktaturen korrupter Männer zerstörten Karibikland verdient hat. Pierre Louis ist eine Frau, sie hat großes soziales Engagement gezeigt und sie gilt als nicht korrupt - und damit ist sie eine Ausnahmeerscheinung.

Pierre Louis' Gegner, denen eine funktionierende Regierung die blühenden Geschäfte mit Drogenhandel und Entführungen zunichtemachen könnte, und denen Instabilität deshalb lieber ist, wollten ihre Wahl noch verhindern. Sie versuchten es mit einer Schmutzkampagne und warfen der Kandidatin vor, lesbisch zu sein. Die getrennt von ihrem Mann lebende Mutter einer Tochter wies dies umgehend zurück.

asc/dpa/AFP

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