Amnesty-International-Bericht: Flüchtlingsdrama in Griechenland

Sie leben auf der Straße oder in miserablen Unterkünften, sie müssen tagelang vor Behörden warten und werden von Rassisten angegriffen. Ein Amnesty-International-Bericht beklagt die katastrophale Lage von Flüchtlingen in Griechenland. Die Rede ist von einer "humanitären Krise" in Europa.

Griechenland: Flüchtlinge in Not Fotos
AFP

Hamburg - Monatelang erleiden Flüchtlinge aus Afrika und Asien Hunger, Durst, Hitze und Kälte. Ihre Hoffnung: nach der schweren Reise Zuflucht in der Europäischen Union zu finden. Das erste Land, das viele Flüchtlinge in der EU erreichen, ist oft Griechenland. Doch dort erwartet sie das nächste Drama.

Die Migranten - unter ihnen viele Kinder - müssten in Griechenland unter "beschämenden und fürchterlichen" Bedingungen leben, kritisiert Amnesty International in einem aktuellen Bericht. Die Menschen erhielten nicht einmal einfachsten Schutz.

Besonders erschreckend sei die Situation von Kindern, die ohne ihre Eltern oder Verwandte angekommen seien. Sie müssten unter "sehr schlechten Bedingungen" in einem Auffanglager in Korinth leben. Die Zustände, die dort herrschten, seien unerträglich und würden internationale Standards untergraben. Die Kinder seien jene, die am meisten Schutz brauchten - der ihnen nicht gewährt werde.

"Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass die EU eine humanitäre Krise nicht vor ihren Grenzen, sondern innerhalb ihrer Grenzen hat", sagte der Sprecher von Amnesty International, John Dalhuisen. "Die aktuelle Situation in Griechenland ist unwürdig für die Europäische Union, die gerade einen Friedensnobelpreis erhalten hat."

Messerattacke auf Migranten

Zehntausende Migranten strömen jedes Jahr nach Griechenland, sie stammen aus Afghanistan und Pakistan, Iran, Syrien und Afrika. Viele kommen über den Landweg. Doch weil die Grenze immer stärker gesichert wird, versuchen sie nun, über das Meer und den Grenzfluss Evros nach Griechenland zu kommen.

Was Amnesty von dort berichtet, ist erschreckend. So schildern die Menschenrechtler den Fall von sechs Syrern, die im Juni mit einem Schlauchboot über den Evros gelangen wollten. Doch ein griechisches Patrouillenboot habe sie zurück auf die türkische Seite gedrängt. Ein Polizist habe mit einem Messer in das Plastik des Schlauchbootes gestochen, das daraufhin gesunken sei. Die Syrer hätten zurückschwimmen müssen.

Besonders der Konflikt in Syrien hat die Lage in Griechenland verschärft: Laut Human Rights Watch sind mehr als 200.000 Menschen bereits aus dem Bürgerkriegsland in die Nachbarstaaten geflohen, davon 80.000 in die Türkei. Viele suchen dann den Weg in die Europäische Union.

Doch Europa bietet nicht die erhoffte Sicherheit, oder Wohlstand und Arbeit. Es bietet nicht einmal einfachen Schutz. Denn die Flüchtlinge werden immer öfter in Griechenland attackiert. Die Zahl von rassistisch motivierten Gewalttaten sei "dramatisch angestiegen", berichtet Amnesty International. Fast täglich würden die Flüchtlinge angegriffen - sie werden geschlagen, getreten, aus Bussen gezerrt oder durch die Straßen gehetzt, so Human Rights Watch. Auch Schwangere würden verfolgt. Ein Iraker starb im August nach einer Messerattacke. Das sind nur die Fälle, die der Öffentlichkeit bekannt geworden sind: Viele Opfer erstatten keine Anzeige.

100.000 Illegale auf Athens Straßen

Im von der Euro-Krise geplagten Griechenland machen Rechtsextreme vermehrt Stimmung gegen Ausländer. Die fremdenfeindliche Partei "Goldene Morgenröte" stellt seit der letzten Parlamentswahl 18 Abgeordnete. Nach den Überfällen auf Migranten kündigte der griechische Minister für Bürgerschutz im August an, eine Sondereinheit der Polizei zu gründen. Sie soll rassistisch motivierte Gewalttaten aufklären.

Griechenland steht unter Druck, ein funktionierendes Asylsystem aufzubauen. Doch das Land kämpft weiter mit der schlechten Wirtschaftslage, vielen Griechen geht es immer schlechter. Die erschreckende Situation der Flüchtlinge ist den europäischen Partnern allerdings bereits seit Jahren bekannt. Nach dem sogenannten Dublin-II-Abkommen muss das EU-Land, das ein Migrant zuerst betreten hat, seinen Asylantrag bearbeiten. Die Zustände in griechischen Flüchtlingslagern sind allerdings derart miserabel, dass die Bundesregierung seit 2011 keine Flüchtlinge mehr dorthin zurückschickt.

Griechenland ist mit der Bearbeitung der Asylanträge völlig überfordert. Amnesty International berichtet mit einem Beispiel, wie schlimm die Zustände seien: In der zuständigen Behörde könnten nur 20 Menschen an einem Tag in der Woche ihre Asylgesuche einreichen. Schon Tage vorher bilde sich eine Schlange, die Hunderte Meter die Straße herunter führe.

Wer mit seinem Asylantrag scheitert - oder bei dem Versuch, ihn einzureichen, aufgibt -, den erwarte oft ein noch miserableres Leben. Viele Migranten lebten auf der Straße. Derzeit sollen sich rund 100.000 Illegale in Athen aufhalten. Andere würden Amnesty zufolge in überfüllten, unhygienischen Hafteinrichtungen ein Jahr oder länger festgehalten.

"Griechenland braucht Hilfe, muss aber auch seine Verantwortung akzeptieren," sagt Amnesty International. Dem pflichtet die Organisation Human Rights Watch bei: "Die wirtschaftlichen Belastungen und das unfaire EU-Asylrecht nehmen Griechenland nicht aus der Verantwortung."

kgp

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Fläche: 131.957 km²

Bevölkerung: 11,305 Mio.

Hauptstadt: Athen

Staatsoberhaupt:
Karolos Papoulias

Regierungschef: Antonis Samaras

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