Amnesty International Syrien soll mit Zehntausenden Verschleppten Kasse machen

Schläge, Folter, Vergewaltigung: Laut Menschenrechtlern hat das syrische Regime seit 2011 Zehntausende Menschen entführt und misshandelt. Für Informationen über den Verbleib der Vermissten fließt demnach häufig Geld.

Amnesty International

Das syrische Regime hat laut einem Bericht von Amnesty International in den vergangenen vier Jahren Zehntausende Menschen verschleppt. Seit 2011 habe das Syrische Netzwerk für Menschenrechte mindestens 65.000 verschwundene Menschen dokumentiert, davon 58.000 Zivilisten, teilte die Menschenrechtsorganisation in London mit.

"Das sind Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Teil einer sorgfältig geplanten Kampagne, die im Land Terror verbreiten und jeden Anflug von Widerspruch im Keim ersticken soll", sagte Philip Luther, der bei Amnesty für den Nahen Osten und Nordafrika zuständig ist. Laut den Menschenrechtlern werden Oppositionelle, aber auch Journalisten, Ärzte und humanitäre Helfer von Geheimdiensten und Sicherheitskräften verschleppt.

Syrien befindet sich seit 2011 im Bürgerkrieg. Die Kämpfe zwischen Rebellen und den Truppen des Diktators Baschar al-Assad haben Schätzungen zufolge bislang mehr als 250.000 Menschen das Leben gekostet. Die Zustände im Land zwangen mehr als die Hälfte der rund 22 Millionen Syrer zur Flucht.

"Die Entführten werden meist in überfüllten Zellen unter entsetzlichen Bedingungen festgehalten", heißt es nun in dem knapp 70 Seiten langen Amnesty-Bericht. Viele sterben demnach an den Folgen von Folter und Krankheit oder werden ohne Prozess hingerichtet.

Schwarzmarkt von Mittelsmännern

Auf der Suche nach ihren Angehörigen zahlten verzweifelte Familien hohe Bestechungsgelder und verschuldeten sich dafür häufig, heißt es weiter. Es sei ein Schwarzmarkt von Mittelsmännern im Umfeld der Behörden entstanden, die das Geld für Informationen über die Vermissten kassierten. Amnesty zitierte einen Anwalt aus Damaskus, demzufolge die Bestechungsgelder ein "Goldesel" für die Regierung seien. Vor allem in den vergangenen zwei Jahren seien die Entführungen gezielt genutzt worden, um Geld einzunehmen.

Für den Bericht befragte Amnesty nach eigenen Angaben 71 Angehörige, Freunde oder Kollegen von verschleppten Menschen, acht Personen, die selbst entführt und wieder freigelassen wurden und 14 Experten.

Die Studentin Ranim Matuk wurde den Angaben zufolge im Februar 2014 festgenommen und vier Monate lang festgehalten, zwei Monate lang wusste ihre Familie nicht, ob sie noch lebte. Ihr Vater, ein Menschenrechtsanwalt, ist bereits im Oktober 2012 verschwunden. Sie berichtete von Schlägen, tödlicher Folter und Vergewaltigung im Gefängnis, wo sie mit neun anderen Frauen in einer zweimal zwei Meter großen Zelle voller Insekten gefangen gewesen sei.

"Unsere Zelle hatte ein kleines Fenster, und wir konnten Leichen in den Fluren und in den Bädern liegen sehen", sagte sie. Es seien auch Kinder im Alter von zehn bis 15 Jahren unter den Toten gewesen.

Uno soll Regierung unter Druck setzen

Die Zahnärztin Rania al-Abbasi wurde laut Amnesty im März 2013 gemeinsam mit ihren sechs Kindern im Alter von zwei bis 14 Jahren verschleppt, seitdem ist die Familie spurlos verschwunden. Der Architekturstudent Islam Dabbas, der friedliche Proteste organisiert hatte, wurde im Juli 2011 festgenommen. 2012 konnte seine Familie ihn besuchen. Seitdem antworteten die Behörden auf Anfragen, sie hätten den jungen Mann nicht mehr in Gewahrsam, und wüssten nicht, wo er sei.

Amnesty International forderte die Vereinten Nationen auf, die Taten vor den Internationalen Strafgerichtshof zu bringen und das syrische Regime mit Sanktionen unter Druck zu setzen. Eine wichtige Rolle könne Russland spielen, da Machthaber Assad von der Unterstützung des Kreml abhängig sei.

kev/dpa



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 39 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
albern 05.11.2015
1. ...
Es wäre zu schön um wahr zu sein, wenn assad wirklich vor den internationalen Gerichtshof gestellt würde. Doch welche Strafe wäre angemessen, für jemanden der 250000 Menschen in seinem Land sterben ließ bzw zum Großteil den Tod dieser selbst verschuldet hat. Selbst wenn er ins Gefängnis müsste, würde es das begangene unrecht nicht wieder gut machen... Ein Trauerspiel das ganze...
Hütchenspiegel 05.11.2015
2. Die UN ist doch ihren Namen nicht wert.
Jede Fraktion meint, für sein Klientel Bomben schmeißen zu müssen. Und gibts mal kein Veto, kommt ein Mandat zum gemeinsamen Bombenschmiss. Das ist lächerlich. Eine UN die ihren Namen verdient, verhängt weltweite Asylquoten und diesen Typen werden dann einfach alle Menschen weg-asyliert. Problem gelöst, ohne Gewalt. Danach kann man wieder zurück und etwas besseres aufbauen. Diese Option könnte einige Herrscher zum Umdenken bewegen.
Mitbuerger0815 05.11.2015
3. irgendwie müssen ja die russischen Waffen und Einsatz Russlands bezahlt werden
Es ist ja bemerkenswert wie Asad nach Jahren von Krieg und Sanktionen noch Geld für russische Waffen hat. Auch der aktive Bombeneinsatz Russlands wird nicht kostenlos als humanitäre Geste Putin s erfolgen.
Mitbuerger0815 05.11.2015
4. Da fragt sich Seehofer wieso immer mehr Menschen aus Syrien flüchten
Wer soll da noch in Syrien bleiben ausser Assad Getreue. Alle anderen werden entweder getötet oder gefoltert oder erpresst. Kein Wunder , dass die meisten Syrer auf der Flucht sind oder fliehen wollen. Und wir, der tolle Westen, schaut zu, weil wir nicht ein bewaffneten Konflikt scheuen. Damit können Despoten und Diktatoren inRuhe weiter morden und töten lassen
hakenohr 05.11.2015
5. Assad ...
... und sein verbrecherclan gehört an keinen Verhandlungstisch sondern vor Gericht gestellt. Period.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.