Gräueltaten: Amnesty prangert Kriegsverbrechen in Syrien an

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Bürgerkrieg in Syrien: Wo der Tod Alltag ist Fotos
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Mit brutaler Härte attackieren sich syrische Rebellen und Assad-Kämpfer. Amnesty International wirft beiden Seiten Kriegsverbrechen vor: Folter, Hinrichtungen und Geiselnahmen nehmen der Organisation zufolge zu. Unter dem Konflikt leiden immer stärker Zivilisten - vor allem Kinder.

Berlin - Städte liegen in Trümmern, ganze Familien sind ausgelöscht worden. Immer neue Gräueltaten werden aus dem Bürgerkriegsland Syrien bekannt. In einem aktuellen Bericht beschreibt Amnesty International eindrücklich, wie sowohl regierungstreue Truppen als auch Rebellen töten, foltern und Zivilisten in den blutigen Konflikt hineinziehen. Die internationale Gemeinschaft müsse diese Kriegsverbrechen dringend stoppen, fordern die Menschenrechtler.

Die schlimmsten Kämpfe erschütterten in den vergangenen Wochen Aleppo. Syrische Regierungstruppen bombardierten nach Recherchen von Amnesty wahllos Zivilisten, setzten Raketen und Streubomben ein. Nachbarschaften wurden zerstört, Hunderte Menschen getötet. Raketengeschosse löschten innerhalb weniger Sekunden Familien aus. Auf den Straßen seien Blutlachen und Teile von menschlichen Körpern verstreut gewesen.

In Aleppo ist der Tod zum Alltag geworden. Noch Tage nach den Angriffen Anfang März beobachteten Amnesty-Mitarbeiter, wie Menschen nach ihren vermissten Angehörigen suchten. "Die Welt hat uns vergessen", klagten sie. "Unsere Kinder werden jeden Tag massakriert, und die Welt tut nichts."

Syrische Kinder sind gefangen zwischen Gewalt, Armut und Angst. "Warum bombardieren sie Kinder?", fragt ein Verzweifelter im Amnesty-Bericht. Zwei Millionen Mädchen und Jungen brauchen dringend Hilfe, mahnt auch die Hilfsorganisation Save the Children in einem neuen Bericht. Die Kinder sind schwer traumatisiert: Sie werden beschossen, vergewaltigt oder gefoltert. Viele mussten erleben, wie Väter, Mütter oder Geschwister getötet wurden.

Die Zahl der Flüchtlinge aus Syrien steigt rapide. Der Strom der Menschen aus dem Bürgerkriegsland ins Ausland wächst seit Anfang des Jahres dramatisch. Mehr als eine Million Menschen hat das Land verlassen. Etwa die Hälfte dieser Flüchtlinge sind Kinder, die meisten jünger als elf Jahre.

Auch die Rebellen foltern und exekutieren

Obwohl nach wie vor die Regierungstruppen für die große Mehrheit der Kriegsverbrechen und anderen Menschenrechtsverletzungen verantwortlich sind, vor denen die Menschen fliehen, belegen die aktuellen Amnesty-Recherchen, wie die Übergriffe durch oppositionelle Gruppen steigen. Einige Gruppen, darunter auch solche, die der Freien Syrischen Armee angehören, missbrauchen Kinder als menschliche Schutzschilde.

Immer häufiger kommt es in den Kriegsgebieten zudem zu Geiselnahmen. Gefangene Soldaten, Mitglieder der regierungstreuen Milizen und mutmaßliche Kollaborateure werden gefoltert und hingerichtet. Auch Journalisten, die für regimetreue Medien berichteten, wurden gefangen genommen oder getötet.

Einige Menschen sind laut Amnesty verschleppt worden, ohne dass es Beweise gegeben habe, dass sie Verbrechen begangen hätten - offenbar wurden sie gefangen gehalten, um Lösegeld zu erpressen oder Gefangene der eigenen Seite freizupressen. Zeichen von Folter würden viele Gefangene der Rebellen aufweisen: blaue Flecken, Verbrennungen, Messerwunden, Stiche.

"Todesloch" bei Damaskus

Zeugen beschrieben Amnesty darüber hinaus ein so genanntes "Todesloch" in der Gegend um Süddamaskus, in dem die Leichen von hingerichteten Regierungssoldaten und angeblichen Informanten versenkt würden.

Einige Oppositionsgruppen bekannten sich demnach offen dazu, dass sie gefangene Soldaten töten. Diese vorsätzlichen Tötungen seien "ungeheuerliche und ernste Verletzung internationalen Rechts und Kriegsverbrechen", so Amnesty.

Gezielte Tötungen hatte auch ein Uno-Bericht angeprangert. Zudem würden die Rebellen ihre Stellungen direkt in oder nahe bei dicht besiedelten Gebieten aufbauen, was gegen internationales Recht verstoße. Der seit zwei Jahren anhaltende Konflikt stecke in einem "zerstörerischen Patt" fest.

Amnesty International forderte die Uno dazu auf, den Internationalen Strafgerichtshof umgehend mit der Untersuchung der Verbrechen zu beauftragen. "Durch ihre Untätigkeit sendet die Internationale Gemeinschaft ein verheerendes Signal an die Täter und Opfer der grausamen Kriegsverbrechen in Syrien", so Ruth Jüttner, Syrien-Expertin von Amnesty International in Deutschland. "Alle Verantwortlichen müssen für ihre Taten zur Rechenschaft gezogen werden."

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1.
trallala34 14.03.2013
Endlich mal ein halbwegs neutraler und objektiver Bericht. Ich dachte immer, die Rebellen wären angetreten um es (bezüglich Menschenrechte) besser zu machen als Assad. Ich sehe keinerlei Grund warum der Westen diese Leute in irgendeiner Form unterstützen sollte. Mehr Unterstützung für solche Verbrecher bedeutet mehr Tote Zivilisten und mehr Zerstörung.
2.
trallala34 14.03.2013
Was gibt es denn für Gründe Gefangene (soldaten wie mutmassliche Assad Unterstützer) prinzipiell zu töten? Und wie kann der Westen solche Schwerstverbrecher (politisch finanziell und materiell) unterstützen?
3. Unglaublich...
original-native 14.03.2013
Die Rebellen waren doch immer demokratiebewusst und freiheitsliebend! Da muss ein Fehler vorliegen! Naja und das mit der Geiselnahme war wohl ein ausrutschter, kann doch mal im Eifer des Gefechts passieren! Genauso wie die Exekution des Mannes durch ein Kind.......
4. merkwürdig,
surfingod 14.03.2013
scheint Niemanden mehr zu interessieren. Mich übrigens auch nicht mehr.
5. Ein Armutszeugnis der Internationalen gemeinschaft!
oil.domi1 14.03.2013
Es ist eine schande das die UN tatenlos zusieht was in Syrien passiert. Wofür frage ich mich ist die UN da, es ist eine organisation besetzt mit faulen Posten und Lobbyisten.
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Reportage aus Aleppo

Flüchtlingskrise in Syrien
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Bevölkerung: 22,505 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Wail al-Halki

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