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14. Dezember 2012, 23:40 Uhr

US-Waffengesetze

Obamas Tränen, Obamas Wut

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Ein Präsident unter Tränen, ein Land unter Schock: Die Tragödie von Newtown erschüttert die USA. Der Tod von 20 Kindern und ihren Lehrern liefert neue Argumente für die Waffendiskussion im Land. Obama fordert Konsequenzen - wieder einmal. Doch dieses Mal hat er die Macht, etwas zu ändern.

Washington - Die Tränen stehen Barack Obama in den Augen, als er am Freitagnachmittag (Ortszeit) vor die Kameras tritt. "Unsere Herzen sind gebrochen", sagt der US-Präsident in seiner kurzen Ansprache im Weißen Haus. Obama spricht von "überwältigendem Schmerz", von "tiefster Trauer" und einem "abscheulichen Verbrechen".

28 Menschen sind am Freitag in Newtown, Connecticut, gestorben. Unter den Leichentüchern liegen 20 Schülerinnen und Schüler, in Altersgruppen vom Kindergarten bis zur Grundschule. Ausgelöscht von einem Amokläufer an der Sandy-Hook-Schule im beschaulichen Newtown, nördlich von New York. Einen schlimmeren Amoklauf haben die USA kaum je gesehen.

"Die Mehrheit derjenigen, die heute gestorben sind, waren Kinder, wunderschöne kleine Kinder im Alter zwischen fünf und zehn Jahren", sagt Obama und muss sich erst einmal sammeln. "Sie hatten ihr ganzes Leben noch vor sich - Geburtstage, Schulabschlüsse, Hochzeiten, eigene Kinder."


Massaker an Grundschule: Die Rekonstruktion der Tat finden Sie hier

"Schockiert und tieftraurig": Reaktionen auf die Tat

Trauer und Gedenken: Fotos aus Sandy Hook


Und dann sagt der Präsident mit Nachdruck einen wichtigen Satz: "Das Land muss jetzt zusammenkommen und bedeutende Maßnahmen ergreifen - ohne Rücksicht auf Parteipolitik." Das kann nur eines bedeuten: eine Verschärfung der Waffengesetze in den USA.

"Wir haben in den vergangenen Jahren zu viele dieser Tragödien durchgemacht", so Obama. Er hat recht, die Liste der Amokläufe wird beinahe jährlich länger. Zuletzt erschoss im August ein Mann sechs Personen in Wisconsin, im Juli mordete ein junger Mann in Aurora, Colorado, zwölf Menschen starben. Dazu das Blutbad an der Columbine High, gerade mal eine halbe Autostunde von Aurora entfernt (1999). Virginia Tech (2007). Fort Hood (2009). Tucson (2011).

Jedes Mal war der Ablauf nach diesen Tragödien derselbe. Erst der mediale Daueralarm. Dann ein paar Pro-forma-Fragen: Wie konnte das geschehen? Wie viele Menschen müssen noch sterben? Genauso viele Pro-forma-Antworten: ein wirkungsloses Gesetz hier, eine Gedenkstunde da, eine Rede des Präsidenten. Passiert ist jedes Mal: nichts.

Nun also Newtown. Und wieder dasselbe makabere Spiel?

Vielleicht nicht. Selten war die Chance auf einen tatsächlichen Wandel so groß wie gerade jetzt, im Dezember 2012. Keine Frage: Jeder Amoklauf macht Schlagzeilen, die Bestürzung der Politiker ist echt. Doch beim dritten Massaker im selben Jahr gleichen sich die Bilder zu sehr. Irgendwann nutzt sich auch der größte Schockmoment ab.

Dieses Mal ist es anders. Die Opfer sind die kleinsten Mitglieder der Gesellschaft - vollkommen wehrlos, vollkommen unschuldig. Getroffen hat es, um bei Obamas Wortwahl zu bleiben, Menschen, "die ihr ganzes Leben noch vor sich hatten". Es ist kaum zu erwarten, dass die USA nach den Alptraumbildern aus Newtown so schnell wieder zur Tagesordnung übergehen wie etwa nach dem Kino-Massaker von Aurora.

Obama hat die Macht, etwas zu ändern

Auch die politische Ausgangslage ist eine gänzlich andere: Präsident Obama operiert aus einer Position der Macht heraus. Er muss nicht länger um eine Wiederwahl zittern, die hat er sich Anfang November gesichert. Vorbei ist das Buhlen um Wähler, die sich vielleicht ihre Waffen nicht verbieten lassen wollen. Und die bei entsprechenden Drohungen ihr Kreuzchen ganz schnell beim politischen Gegner machen. Gerade in Swing States wie etwa Florida, wo eines der schwächsten Waffengesetze des Landes gilt

Obama kann nun, wenn er denn seinen Worten tatsächlich Taten folgen lassen will, hart durchgreifen.

Und das scheint dringend notwendig. Nach bisherigem Stand der Ermittlungen hat der Amokläufer bei seiner Tat eine 9-Millimeter-Pistole des Herstellers Glock benutzt. Dazu eine Pistole der Firma Sig Sauer. In vielen Staaten ist es einfacher, solche Tötungsapparate zu kaufen als ein Sixpack Bier. Jeder dritte Amerikaner hat eine Pistole oder ein Gewehr im Haus. Es gibt im Land beinahe so viele Waffen wie Einwohner, angeblich knapp 300 Millionen im Privatbesitz.

Viele Waffen, große Lobby, reichlich Macht

Für die Industrie ist der Waffenwahn der US-Bürger ein gigantisches Geschäft. Entsprechend reich und mächtig präsentiert sich die Waffenlobby. Kaum ein Politiker, der wiedergewählt werden wollte, wagte den Kampf gegen diesen Giganten. Wie sehr die US-Politiker bisher vor der Lobbymacht in der Wahlkabine kuschen, offenbarte sich im Juni 2012. Da zettelten die Republikaner im Skandal um nach Mexiko geschmuggelte Waffen eine Rüge von US-Justizminister Eric Holder an.

Als die Nationale Schusswaffenvereinigung (NRA) ankündigte, diese Abstimmung als offizielles Votum über freien Waffenbesitz zu werten, schlugen sich sofort auch 17 Demokraten auf die Seite der Konservativen. Sie wollten nur bloß nicht als Waffenfeinde gelten und dann bei den November-Wahlen abgestraft werden. Doch damit ist es nun, wie gesagt, vorbei.

In den US-Medien läuft bereits jetzt die Debatte, die nach jedem Massaker anspringt. "Wir können nur hoffen - und das sagen wir immer, wenn wir von solchen Taten berichten -, dass hier eine Grenze überschritten ist." Noch deutlicher klingt die Frage von "USA Today"-Bürochefin Susan Page: "Ist das hier der Wendepunkt?"

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