US-Waffengesetze: Obamas Tränen, Obamas Wut

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Ein Präsident unter Tränen, ein Land unter Schock: Die Tragödie von Newtown erschüttert die USA. Der Tod von 20 Kindern und ihren Lehrern liefert neue Argumente für die Waffendiskussion im Land. Obama fordert Konsequenzen - wieder einmal. Doch dieses Mal hat er die Macht, etwas zu ändern.

US-Präsident Obama bei Pressekonferenz: Erschüttert und wütend Zur Großansicht
REUTERS

US-Präsident Obama bei Pressekonferenz: Erschüttert und wütend

Washington - Die Tränen stehen Barack Obama in den Augen, als er am Freitagnachmittag (Ortszeit) vor die Kameras tritt. "Unsere Herzen sind gebrochen", sagt der US-Präsident in seiner kurzen Ansprache im Weißen Haus. Obama spricht von "überwältigendem Schmerz", von "tiefster Trauer" und einem "abscheulichen Verbrechen".

28 Menschen sind am Freitag in Newtown, Connecticut, gestorben. Unter den Leichentüchern liegen 20 Schülerinnen und Schüler, in Altersgruppen vom Kindergarten bis zur Grundschule. Ausgelöscht von einem Amokläufer an der Sandy-Hook-Schule im beschaulichen Newtown, nördlich von New York. Einen schlimmeren Amoklauf haben die USA kaum je gesehen.

"Die Mehrheit derjenigen, die heute gestorben sind, waren Kinder, wunderschöne kleine Kinder im Alter zwischen fünf und zehn Jahren", sagt Obama und muss sich erst einmal sammeln. "Sie hatten ihr ganzes Leben noch vor sich - Geburtstage, Schulabschlüsse, Hochzeiten, eigene Kinder."


Massaker an Grundschule: Die Rekonstruktion der Tat finden Sie hier

"Schockiert und tieftraurig": Reaktionen auf die Tat

Trauer und Gedenken: Fotos aus Sandy Hook


Und dann sagt der Präsident mit Nachdruck einen wichtigen Satz: "Das Land muss jetzt zusammenkommen und bedeutende Maßnahmen ergreifen - ohne Rücksicht auf Parteipolitik." Das kann nur eines bedeuten: eine Verschärfung der Waffengesetze in den USA.

"Wir haben in den vergangenen Jahren zu viele dieser Tragödien durchgemacht", so Obama. Er hat recht, die Liste der Amokläufe wird beinahe jährlich länger. Zuletzt erschoss im August ein Mann sechs Personen in Wisconsin, im Juli mordete ein junger Mann in Aurora, Colorado, zwölf Menschen starben. Dazu das Blutbad an der Columbine High, gerade mal eine halbe Autostunde von Aurora entfernt (1999). Virginia Tech (2007). Fort Hood (2009). Tucson (2011).

Jedes Mal war der Ablauf nach diesen Tragödien derselbe. Erst der mediale Daueralarm. Dann ein paar Pro-forma-Fragen: Wie konnte das geschehen? Wie viele Menschen müssen noch sterben? Genauso viele Pro-forma-Antworten: ein wirkungsloses Gesetz hier, eine Gedenkstunde da, eine Rede des Präsidenten. Passiert ist jedes Mal: nichts.

Nun also Newtown. Und wieder dasselbe makabere Spiel?

Vielleicht nicht. Selten war die Chance auf einen tatsächlichen Wandel so groß wie gerade jetzt, im Dezember 2012. Keine Frage: Jeder Amoklauf macht Schlagzeilen, die Bestürzung der Politiker ist echt. Doch beim dritten Massaker im selben Jahr gleichen sich die Bilder zu sehr. Irgendwann nutzt sich auch der größte Schockmoment ab.

Dieses Mal ist es anders. Die Opfer sind die kleinsten Mitglieder der Gesellschaft - vollkommen wehrlos, vollkommen unschuldig. Getroffen hat es, um bei Obamas Wortwahl zu bleiben, Menschen, "die ihr ganzes Leben noch vor sich hatten". Es ist kaum zu erwarten, dass die USA nach den Alptraumbildern aus Newtown so schnell wieder zur Tagesordnung übergehen wie etwa nach dem Kino-Massaker von Aurora.

Obama hat die Macht, etwas zu ändern

Auch die politische Ausgangslage ist eine gänzlich andere: Präsident Obama operiert aus einer Position der Macht heraus. Er muss nicht länger um eine Wiederwahl zittern, die hat er sich Anfang November gesichert. Vorbei ist das Buhlen um Wähler, die sich vielleicht ihre Waffen nicht verbieten lassen wollen. Und die bei entsprechenden Drohungen ihr Kreuzchen ganz schnell beim politischen Gegner machen. Gerade in Swing States wie etwa Florida, wo eines der schwächsten Waffengesetze des Landes gilt

Obama kann nun, wenn er denn seinen Worten tatsächlich Taten folgen lassen will, hart durchgreifen.

Und das scheint dringend notwendig. Nach bisherigem Stand der Ermittlungen hat der Amokläufer bei seiner Tat eine 9-Millimeter-Pistole des Herstellers Glock benutzt. Dazu eine Pistole der Firma Sig Sauer. In vielen Staaten ist es einfacher, solche Tötungsapparate zu kaufen als ein Sixpack Bier. Jeder dritte Amerikaner hat eine Pistole oder ein Gewehr im Haus. Es gibt im Land beinahe so viele Waffen wie Einwohner, angeblich knapp 300 Millionen im Privatbesitz.

Viele Waffen, große Lobby, reichlich Macht

Für die Industrie ist der Waffenwahn der US-Bürger ein gigantisches Geschäft. Entsprechend reich und mächtig präsentiert sich die Waffenlobby. Kaum ein Politiker, der wiedergewählt werden wollte, wagte den Kampf gegen diesen Giganten. Wie sehr die US-Politiker bisher vor der Lobbymacht in der Wahlkabine kuschen, offenbarte sich im Juni 2012. Da zettelten die Republikaner im Skandal um nach Mexiko geschmuggelte Waffen eine Rüge von US-Justizminister Eric Holder an.

Als die Nationale Schusswaffenvereinigung (NRA) ankündigte, diese Abstimmung als offizielles Votum über freien Waffenbesitz zu werten, schlugen sich sofort auch 17 Demokraten auf die Seite der Konservativen. Sie wollten nur bloß nicht als Waffenfeinde gelten und dann bei den November-Wahlen abgestraft werden. Doch damit ist es nun, wie gesagt, vorbei.

In den US-Medien läuft bereits jetzt die Debatte, die nach jedem Massaker anspringt. "Wir können nur hoffen - und das sagen wir immer, wenn wir von solchen Taten berichten -, dass hier eine Grenze überschritten ist." Noch deutlicher klingt die Frage von "USA Today"-Bürochefin Susan Page: "Ist das hier der Wendepunkt?"

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Die verheerendsten Amokläufe
Amok
Der Begriff Amok kommt von dem malaysischen Wort "amuk" und bedeutet so viel wie "wütend" oder "rasend". Mehr auf der Themenseite...
20. Juli 2012: Aurora, USA
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2. April 2012: Oakland, USA
Ein 43-Jähriger tötet am christlichen College von Oikos in Oakland, Kalifornien, sieben Menschen und verletzt drei weitere. Anschließend stellt er sich der Polizei. Die Opfer mussten sich in einer Reihe vor einer Mauer aufstellen, bevor sie hingerichtet wurden.
12. Oktober 2011: Seal Beach, USA
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5. November 2009: Fort Hood
Ein Militärpsychiater eröffnet in der US-Militärbasis Ford Hood in Texas das Feuer und löst die bislang größte Schießerei auf amerikanischem Armeegelände aus. Der Mann tötet 13 Menschen und verletzt 42 weitere, bevor er überwältigt werden kann.
17. September 2009: Ansbach
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Einer Schülerin fügt er eine lebensgefährliche Kopfverletzung zu, eine andere erleidet schwere Brandwunden. Der 18-Jährige selbst wird bei seiner Festnahme durch mehrere Schüsse schwer verletzt. Mehr auf der Themenseite...
3. April 2009: Binghamton, USA
Jiverly Wong , ein 41-jähriger Immigrant aus Vietnam erschießt in einem Zentrum für Einwanderer 13 Menschen und begeht anschließend Selbstmord.
11. März 2009: Winnenden
Der 17-jährige Tim K. ermordet in der Albertville-Realschule im schwäbischen Winnenden 15 Menschen. Danach erschießt sich der Täter selbst. Mehr auf der Themenseite...
10. März 2009: Alabama, USA
Ein Amokläufer im US-Bundesstaat Alabama tötet mindestens neun Menschen und erschießt sich dann selbst. Das Blutbad ereignet sich in Geneva County im Südosten Alabamas nahe der Grenze zu Florida.
23. Januar 2009: Dendermonde, Belgien
Ein 20-jähriger Belgier ersticht in einer Kindertagesstätte im ostflämischen Dendermonde zwei Kleinkinder und eine Betreuerin. Zehn weitere Kleinkinder und zwei weitere Betreuerinnen werden zum Teil schwer verletzt.
23. September 2008: Kauhajoki, Finnland
Der 22-jährige Berufsschüler Matti-Juhani Saari tötet in der westfinnischen Kleinstadt Kauhajoki zehn Menschen. Anschließend begeht er Selbstmord. Mehr auf der Themenseite...
7. November 2007: Jokela, Finnland
Der 18-jährige Schüler Pekka-Eric Auvinen tötet insgesamt acht Menschen in einem Schulzentrum in Jokela .
16. April 2007: Virginia, USA
An der Technischen Universität von Virginia erschießt ein Student 32 Menschen und verletzt 15 weitere. Das Massaker an der Virginia Tech gilt als eines der folgenschwersten an einer Bildungseinrichtung in den USA. Mehr auf der Themenseite
12. Februar 2007: Amokläufe in Salt Lake City und Philadelphia, USA
Mindestens zehn Menschen sterben bei zwei Amokläufen in Salt Lake City und Philadelphia (USA) . Ein Täter eröffnet in einem Einkaufszentrum in Salt Lake City das Feuer und tötet fünf Menschen. Ein Polizist erschießt den Amokläufer.
In Philadelphia werden drei Teilnehmer einer geschäftlichen Konferenz Opfer eines Amokläufers. Er nimmt sich anschließend das Leben.
20. November 2006: Emsdetten
Der 18-jährige Sebastian B. schießt in seiner ehemaligen Schule im westfälischen Emsdetten um sich. Elf Menschen werden verletzt. Mehr auf der Themenseite...
2. Oktober 2006: Pennsylvania, USA
In Lancaster County im US-Bundesstaat Pennsylvania tötet ein Amokläufer an einer Amish -Schule fünf Mädchen. Dann nimmt er sich das Leben.

21. März 2005: Red Lake/Minnesota, USA
In Red Lake im US-Bundesstaat Minnesota erschießt ein 16-Jähriger eine Lehrerin und fünf Schüler. Zuvor hatte er schon einen Schulwärter, seinen Großvater und dessen Lebensgefährtin getötet. Im Internet outet sich der Täter als Anhänger nationalsozialistischer Rassenlehren .
26. April 2002: Erfurt
Bei einem Amoklauf am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt tötet der 19-jährige Schüler Robert Steinhäuser binnen zehn Minuten 16 Menschen und sich selbst. Unter den Toten sind zwölf Lehrer, die Schulsekretärin, zwei Schüler und ein Polizist. Steinhäuser war ein Jahr vor der Tat von der Schule verwiesen worden. Mehr auf der Themenseite...
27. März 2002: Nanterre, Frankreich
Im Pariser Vorort Nanterre erschießt ein Amokläufer acht Menschen. Anschließend springt er aus dem vierten Stock eines Polizeigebäudes in den Tod.
26. September 2001: Zug, Schweiz
Ein Amokläufer dringt in das Kantonsparlament im schweizerischen Zug ein und tötet 14 Menschen. Anschließend tötet er sich selbst.

8. Juni 2001: Osaka, Japan
Ein 37-jähriger Japaner ersticht in einer Grundschule in der japanischen Stadt Osaka acht Kinder und verletzt 20 weitere zum Teil schwer.
20. April 1999: Littleton/Colorado, USA
Beim Schulmassaker von Littleton stürmen die beiden Schüler Eric Harris und Dylan Klebold die Columbine Highschool in Littleton im US-Staat Colorado und ermorden dort zwölf Schüler im Alter von 14 bis 18 Jahren und einen Lehrer. 24 weitere Menschen werden verletzt, bevor sich die beiden Amokläufer selbst das Leben nehmen. Mehr auf der Themenseite...
24. März 1998: Jonesboro/Arkansas, USA
Ein elf- und ein 13-jähriger Schüler lösen an ihrer Schule in Jonesboro im US-Staat Arkansas falschen Feueralarm aus und richten aus dem Hinterhalt ein Blutbad an. Im Kugelhagel sterben vier Mädchen und eine Lehrerin.
22. Mai 1997: Brasilien
Im Nordosten Brasiliens bringt ein ehemaliger Soldat 17 Menschen um. Erst tötet er seine Frau und seine Schwiegermutter, dann geht der Amoklauf auf der Straße weiter. Grund der Tat: Gerüchte über seine angebliche Homosexualität .

28./29. April 1996: Tasmanien
35 Menschen fallen dem Amokläufer Martin Bryant auf der australischen Insel Tasmanien zum Opfer, darunter mehrere Kinder. In einem Café der ehemaligen Strafkolonie in Port Arthur schießt der geistig verwirrte Täter mit einem automatischen Schnellfeuergewehr auf die Gäste. Danach setzt er seinen Amoklauf auf der anderen Straßenseite fort.
13. März 1996: Dunblane, Schottland
Ein 43-jähriger Mann erschießt in der Turnhalle der Grundschule im schottischen Dunblane 16 Erstklässler und deren Lehrerin. Der Todesschütze begeht nach der Tat Selbstmord.
23./24. September 1995: Toulon, Frankreich
Ein 16-jähriger Schüler bringt nahe dem französischen Toulon insgesamt 13 Menschen um und tötet sich anschließend selbst. Erste Opfer am Abend des 23. September sind sein Stiefvater, sein Halbbruder und seine Mutter. Am nächsten Morgen setzt der Täter im Nachbarort seiner Heimatstadt den Amoklauf fort.
16. Oktober 1991: Killeen/Texas, USA
Im texanischen Killeen tötet ein Mann in einer Cafeteria 23 Menschen. Anschließend begeht er Selbstmord.
Dezember 1989: Montréal , Kanada
An der Polytechnischen Hochschule von Montréal kommt es zum schwersten Schulmassaker der kanadischen Geschichte. Der 25-jährige Marc Lépine erschießt 14 Frauen und verletzt 13 weitere Personen, bevor er sich selbst das Leben nimmt. In einem Schreiben nennt der Mann Hass auf Feministinnen als Motiv.
18. Juli 1984: Kalifornien, USA
In einem Schnellrestaurant in San Diego erschießt ein 41-Jähriger wahllos 21 Menschen. Er wird von einem Polizisten erschossen.
1. August 1966: Universität von Texas, USA
An der Universität von Texas schießt der Amokläufer Charles Whitman mehr als eine Stunde lang von einem Turm der Universität auf Passanten. Mindestens 17 Menschen werden getötet.
11. Juni 1964: Volkhoven bei Köln
Beim Attentat von Volkhoven bei Köln stürmt ein Wehrmachtsveteran eine Volksschule. Er fügt acht Kindern tödliche Verletzungen zu und ersticht zwei Lehrerinnen.