Amtseinführung Washington zittert vor Obamas Millionenparty

Ausnahmezustand mit Ansage: Washingtons Bürgermeister schätzt, dass drei Millionen Besucher kommen und eine Woche lang feiern, wenn Barack Obama seinen Amtseid schwört. "Mit Exzessen ist zu rechnen", schreibt eine Zeitung - das gilt vor allem für Hotelpreise.


Das Problem kennt jeder, der schon einmal eine größere Party veranstaltet hat: Wie viele Gäste werden es denn? Washington, das am 20. Januar 2009 die wahrscheinlich größte Sause des Jahres auszurichten hat, tut sich mit der Einschätzung dieses Mal besonders schwer, denn bis jetzt scheint nur eines klar: Die feierliche Amtseinführung von Barack Obama wird wohl alle bisherigen Rekorde toppen.

Das Rennen um die besten Plätze hat begonnen: Bauarbeiter errichten vor dem Weißen Haus an der Pennsylvania Avenue Zuschauertribünen für die Amtseinführung Barack Obamas
AP

Das Rennen um die besten Plätze hat begonnen: Bauarbeiter errichten vor dem Weißen Haus an der Pennsylvania Avenue Zuschauertribünen für die Amtseinführung Barack Obamas

Bei Lyndon B. Johnson kamen bereits erstaunliche 1,2 Millionen Menschen. Bei Obama rechnet Washingtons Bürgermeister Adrian Malik Fenty, wie er jetzt der "New York Times" verriet, mit mehr als drei Millionen Besuchern - und damit gehört seine Zahl noch zu den eher vorsichtigen Schätzungen.

Natürlich schwingt auch ordentlich Stolz mit, wenn die US-Medien spekulieren, wie groß der Andrang sein mag, wenn der 44. US-Präsident seinen Amtseid schwört. Aber nicht nur die Stadtväter gruseln sich bei der Vorstellung, wie sie diese Millionenfete organisieren sollen. Vielleicht haben sie am Sonntag auch bei "Times-Online" nachgelesen, was etwa die Briten von dem Ereignis erwarten - nämlich "eine Woche Chaos auf den Straßen und eine Megaparty, die man sie vielleicht gehabt hätte, wenn Martin Luther King zum Festival nach Woodstock gekommen wäre".

Wer zahlt eigentlich die Zeche für die Sause?

Erste Frage, typisch Lokalpolitik: Wer zahlt denn eigentlich die Zeche? Im Budget der Stadt Washington sind für das komplette Jahr gerade einmal 15 Millionen Dollar eingeplant - für alle großen Feierlichkeiten des Jahres zusammen, also inklusive der Paraden zum 4. Juli und allen anderen Großdemonstrationen. Leider hat allein die Amtseinführung von George W. Bush 2005 17,3 Millionen Dollar gekostet, wie die "New York Times" akribisch nachweist - und damals kamen nur mickrige 300.000 Zuschauer.

Die Organisatoren sollten jedenfalls noch einmal einen Blick zurück werfen - auf die Parteitage der Republikaner in St. Paul und der Demokraten in Denver. Da steuerte der Staat immerhin 50 Millionen Dollar für die Sicherheitsvorkehrungen bei. Auch in Washington wird also irgendwer noch ein Schippe drauflegen müssen. Die Stadt muss jetzt wohl vor allem auf private Spender setzen.

Wobei die gesamte Sicherheit von den Geheimdiensten gesponsort wird: Die Patrouillenflüge über der Stadt, die Überwachung der 5000 Sicherheitskameras, die Scharfschützen auf den Dächern - darum müssen sich die Stadtväter nicht mehr kümmern. Anders sieht es allerdings mit den 4000 Verkehrshütern aus, die man sich bei der Polizei der umliegenden Bundesstaaten ausleihen muss. Dann werden 1200 zusätzliche Sanitäter benötigt sowie Hunderte von Straßenreinigern, die nach der Party aufräumen.

Die schlimmste Furcht der Organisatoren aber: Schnee, denn der geht richtig ins Geld. Anno 1961, also zur Amtseinführung von John F. Kennedy, fegte unmittelbar vor der Feier ein Schneesturm durch die Stadt. Wie die "New York Times" recherchierte, wurden damals 700 Soldaten mit Flammenwerfern durch die Straßen geschickt, um die Hauptstadt wieder freizutauen. Eine solche Aktion allein, schätzt die Stadtverwaltung, würde das Budget mit einer Million Dollar belasten.

Dann wäre noch die Frage zu klären, wie die Menschenmassen eigentlich durch die Stadt bewegt werden sollen. Kann man die Zahl der U-Bahnen und Busse einfach verdoppeln? Oder gerät dann das ganze System aus den Gleisen? Sowieso kann das alles nur dann funktionieren, wenn die Besucher sich schon in der Nacht ab vier Uhr diszipliniert an den Haltestellen aufreihen. Und die Fernzüge im Nordostkorridor, meldet die "New York Times", seien schon jetzt komplett ausgebucht; Bahngesellschaften wie Amtrak und Virginia Railway Express überlegten schon, wie sie noch mehr Züge einsetzen könnten.

Lukrativer Ausnahmezustand

Überhaupt noch keine Lösung hat die Stadt für das Problem, wo sie die Millionen Menschen eigentlich während der Amtseinführung Obamas zuschauen lassen soll. Denn gerade ältere Besucher kann man ja kaum stundenlang in der Januarkälte warten lassen. "Wir haben von vielen gehört, dass sie dieses Ereignis sich um nichts in der Welt entgehen lassen wollen", sagte Eleanor Holmes Norton, die Washington als Delegierte im Kongress vertritt. Man habe deshalb an die Kirchen der Stadt appelliert, ihre Türen für ein geschütztes Public Viewing zu öffnen.

Gerne die Türen öffnen werden selbstverständlich die Herbergen und Gaststätten der Hauptstadt, wobei die Kapazitätsgrenze bei etwa 95.000 Hotelzimmern liegt, und damit wäre nur ein winziger Bruchteil der erwarteten Massen untergebracht.

Deshalb haben die Behörden vorsorglich die geltenden Regeln für die Untervermietung von privaten Wohnungen und Häusern gelockert, was einen lukrativen Online-Handel in Schwung gebracht hat. Die "New York Times" weiß von Hausbesitzern, die ihre Gästezimmer für 500 Dollar die Nacht vermittelt haben. Andere schlagen erfolgreich Standplätze für Autos los (80 Dollar die Nacht) oder ein Stück ihres Gartens für Zelte im Garten (100 Dollar die Nacht). Die britische "Times" will sogar von Washingtonern gehört haben, die gleich ihr ganzes Haus verpachten - für 50.000 Dollar die Woche.

Noch mehr Geld blättern die Oberen Zehntausend der Obama-Fans für einen Besuch des offiziellen Amtseinführungsballs hin - bis zu 100.000 Dollar zahlen sie für die VIP-Tickets, die von einer Lobbyisten-Gruppierung namens Creative Coalition angeboten werden. Dafür haben sich aber auch etliche Hollywood-Größen zur Party des Jahres angesagt.

Die Stars der Musikszene hoffen übrigens auf ein kostenloses Entrée: Elvis Costello, Bruce Springsteen und Beyoncé Knowles zählen zu den hoffnungsvollen Entertainern, die sich darum bewerben, dem 44. US-Präsidenten an seinem großen Tag aufzuspielen. Dafür würden sie ausnahmsweise sogar auf ihre Gage verzichten.

oka

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