Konflikt zwischen Türkei und Syrien: An der Grenze wächst die Angst

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Schüsse, Explosionen, Truppenaufmarsch: Die Lage an der türkisch-syrischen Grenze spitzt sich zu. Türkische Einwohner und syrische Flüchtlinge leben in Angst - und die Wut auf die Regierung in Ankara wird immer stärker.

Türkischer Aufmarsch: Mit schwerem Gerät in Lauerstellung Fotos
AFP

Ein Knall übertönt das Zirpen der Zikaden, wenige Augenblicke später flackert grüngrell ein Lichtblitz in der Ferne auf. Sonst ist es dunkel, kaum etwas ist zu erkennen, bis auf das Licht in einigen Wohnhäusern im Vordergrund. Der kurze YouTube-Film soll zeigen, wie das türkische Militär in der Nacht zu Donnerstag auf Stellungen der syrischen Armee feuerte. Hochgeladen hat das Video die Redaktion der eher regierungsfreundlichen Zeitung "Zaman".

Der Beschuss ist eine Vergeltungsaktion für die Granateneinschläge im Grenzort Akcakale, bei dem fünf Menschen starben und 18 verletzt wurden. Es ist der nächste Schritt zur Eskalation im Konflikt zwischen Syrien und der Türkei - und dieser Schritt lenkt auch den Blick auf die angespannte Lage entlang der Grenze: Flüchtlinge leben im Elend und Dorfbewohner in Angst. Es gibt Anfeindungen, Demonstrationen, Unruhen, und es sieht nicht so aus, als würde sich die Situation bald entspannen.

Schon seit Beginn des Konflikts waren in türkischen Grenzorten immer wieder Schüsse und Explosionen zu hören, die von der syrischen Seite herüberschallen. Im April aber trafen Schüsse, abgefeuert in Syrien, ein Flüchtlingslager auf türkischem Gebiet. Vier Menschen wurden verletzt, die Türkei verstärkte ihre Truppen an der Grenze. Seitdem droht die Eskalation. Im Juni schossen die Syrer ein türkisches Kampfflugzeug ab, immer häufiger gab es Grenzzwischenfälle, und der Flüchtlingsstrom wuchs weiter.

Der Flüchtlingsstrom wächst und wächst

Fast 100.000 Menschen haben sich mittlerweile in das nördliche Nachbarland gerettet, leben in Zelt- und Containerstädten, zum Teil in prekären Verhältnissen. Die Flüchtlinge demonstrierten, weil sie sich im Stich gelassen fühlten; einzelne sollen sogar den Rückweg nach Syrien angetreten haben. Schon vor Monaten war absehbar, dass die Türkei mit dem Massenansturm irgendwann überfordert sein könnte.

Natürlich ist die Lage entlang der Grenze nicht überall gleich - die Grenze ist fast 900 Kilometer lang, die Probleme sind vielfältig und komplex. Da gibt es etwa die Handelsmetropole Antakya am Mittelmeer. Sie liegt in der südtürkischen Provinz Hatay, die erst seit 1939 zur Türkei gehört. Hier leben viele arabische Alawiten, in manchen Gegenden stellen sie die Mehrheit. Sie sympathisieren, teils verdeckt, teils offen, mit dem syrischen Diktator Baschar al-Assad, ebenfalls Alawit. Für die meist sunnitischen Flüchtlinge aus Syrien haben sie nicht viel übrig, sie empfinden sie als Bedrohung, zumindest aber als Ärgernis. Händler warfen den Flüchtlingen vor, sie machten die Preise kaputt, weil sie Seife, Kleidung, Decken verkaufen würden, die sie in den Lagern umsonst bekommen.

Immer wieder gibt es Berichte über Konflikte zwischen den Bevölkerungsgruppen, zuletzt in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Demnach misstrauen die Alawiten auch der Politik des sunnitisch geprägten türkischen Staates und fühlen sich diskriminiert. Dass Ministerpräsident Recep Tayyib Erdogan mit Assad gebrochen hat, dass er ihm droht und seine Absetzung betreibt, sehen sie mit Sorge.

Der Konflikt mit den Kurden könnte sich zuspitzen

Von der aktuellen Eskalation besonders betroffen ist der türkische Grenzort Akcakale, der viel weiter östlich liegt. Denn syrische Rebellen und Assads Soldaten kämpfen um einen nahegelegenen Grenzübergang. Schon gut zwei Wochen vor dem Granateneinschlag wurden Bewohner von Akcakale durch Schüsse verletzt. Hier fühlten sich viele im Stich gelassen, wie ein Lokalpolitiker erzählt. Sie demonstrierten deshalb und schimpften auf die Regierung: Sie beschütze sie nicht.

Was die Situation noch komplizierter macht: In Akcakale und der ganzen Provinz Sanliurfa leben viele Kurden. Von hier stammt der PKK-Gründer Abdullah Öcalan, hier nehmen türkische Ermittler immer wieder Verdächtige fest, wenn es Anschläge gab. Und schon im Sommer drohte der Premier Erdogan, eine Zusammenarbeit der PKK mit ihrem syrischen Ableger werde er nicht hinnehmen.

So gäbe es aus Sicht der türkischen Regierung mehrere Gründe, in Syrien militärisch zu intervenieren:

  • Zum einen will sie Vergeltung für die Toten und Verletzten auf türkischer Seite und damit auch ein politisches Signal setzen: Wir lassen uns das nicht gefallen.
  • Zum anderen strebt sie die Einrichtung einer Pufferzone auf syrischer Seite der Grenze an, damit der Flüchtlingsstrom abebbt.
  • Außerdem will sie ihren Einfluss im Nahen Osten vergrößern und ein kurdisches Autonomiegebiet im Norden Syriens verhindern, wie es das im Irak bereits gibt. Denn das, so fürchtet Erdogan, würde nicht ohne Folgen für den innertürkischen Konflikt mit den Kurden bleiben.

In einen Krieg verwickeln lassen will sich die Türkei allerdings nicht, jedenfalls beteuert das die Regierung. Mittlerweile hat sich Erdogan vom Parlament zwar das Einverständnis für Militäreinsätze in Syrien geben lassen. Es gehe aber lediglich darum, die "Grenzen zu schützen und wenn nötig zurückzuschlagen", sagte einer seiner Berater. Das Parlamentsvotum sei "keine Kriegsermächtigung".

Vielmehr ist es eine generelle Erlaubnis zu Auslandseinsätzen des Militärs, die die Abgeordneten jetzt verlängert haben. Sie war ursprünglich erteilt worden, um gegen Stützpunkte militanter Kurden im Nordirak vorzugehen.

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1. xx
wolke4 04.10.2012
Zitat von sysopSchüsse, Explosionen, Truppenaufmarsch: Die Lage an der türkisch-syrischen Grenze spitzt sich zu. Türkische Einwohner und syrische Flüchtlinge leben in Angst - und die Wut auf die Regierung in Ankara wächst. An der Grenze von Türkei und Syrien leben die Menschen in Angst - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/an-der-grenze-von-tuerkei-und-syrien-leben-die-menschen-in-angst-a-859485.html)
Zitat aus dem Artikel: ".....in der südtürkischen Provinz Hatay, die erst seit 1939 zur Türkei gehört. Hier leben viele arabische Alawiten, in manchen Gegenden stellen sie die Mehrheit."
2. Zu den Zahlen der Flüchtlinge
byzopsycho 04.10.2012
"Fast 100.000 Menschen haben sich mittlerweile in das nördliche Nachbarland gerettet, leben in Zeltstädten und Containerstädten, zum Teil in prekären Verhältnissen." 1974 verursachte eine türkische Invasion eine Flüchtlingswelle von 200.000 Menschen. Diese 200.000 Flüchtlinge müssten von 300.000 Bewohner auf nur 5384 km² aufgenommen werden. Im Fall Türkei, werden die 100.000 Flüchtlinge für ein Land 75.000.000 Einwohner und einer riesigen Landfläche von 814.578 km² als zu hohe Belastung beschrieben. Grenzt es an einer Unterstellung, wenn ich behaupten würde, dass für diese 100.000 syrische Flüchtlinge die Türkei mitverantwortlich ist? Irgenwann wurde die Region doch bis zur syrisch-türkischer Grenze "Befreit" nun muss Ankara weiter in südlicher Richtung das Land befreien und die Grenzen nach unten Verschieben. Ich bezweifle, dass Ankara dies nicht möchte. Eine neue türkische Republik Syrien passt super zur Türkische Republik Nordzypern im Westen.
3. Wieder alles einseitig gezeigt
sergejnik1 04.10.2012
"Türkische Einwohner und syrische Flüchtlinge leben in Angst" Wäre nicht schlecht, wen Spiegel auch über Angst den normale Bürger von Syrien haben. Angst, dass ganze so genante zivilisirte Welt auf Syrien angreift und Land genau so kaputt macht als es schom mit Libyen gemacht hat. Und nicht nur in Lybien, auch Iraq, Aganistan und andere nicht genug demokratische Länder. Einach zu übel lesen, was Sie, so genante unabhandige Presse schreiben.
4.
Reiner_Habitus 04.10.2012
Zitat von sergejnik1... Wäre nicht schlecht, wen Spiegel auch über Angst den normale Bürger von Syrien haben. Angst, dass ganze so genante zivilisirte Welt auf Syrien angreift und Land genau so kaputt macht als es schom mit Libyen gemacht hat. ....
nun um etwas über die Angst der Syrer schreiben zu können, müsste man erstmal dahin kommen.Ansonsten lässt sich nur mutmaßen ob die normalen Syrer Angst haben....
5. Ein sehr gelungener Artikel...
a.led. 04.10.2012
...der inhaltlich vieles wieder gibt, was derzeit dort unten los ist! @sergejnik1 Was würden Sie denn machen? Assad ist es bisher nicht gelungen einen Sieg zu erringen. Soll das jetzt da unten, fröhlich munter, dort noch Jahre lang fortgesetzt werden? Die großen Nationen und Bündnisse, können/wollen sich da nur bedingt "einmischen"... Folgerichtig musste doch die Türkei etwas tun, so geht es voran und das "Leiden wird abgekürzt"...
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