Von Oliver Trenkamp
Ein Knall übertönt das Zirpen der Zikaden, wenige Augenblicke später flackert grüngrell ein Lichtblitz in der Ferne auf. Sonst ist es dunkel, kaum etwas ist zu erkennen, bis auf das Licht in einigen Wohnhäusern im Vordergrund. Der kurze YouTube-Film soll zeigen, wie das türkische Militär in der Nacht zu Donnerstag auf Stellungen der syrischen Armee feuerte. Hochgeladen hat das Video die Redaktion der eher regierungsfreundlichen Zeitung "Zaman".
Der Beschuss ist eine Vergeltungsaktion für die Granateneinschläge im Grenzort Akcakale, bei dem fünf Menschen starben und 18 verletzt wurden. Es ist der nächste Schritt zur Eskalation im Konflikt zwischen Syrien und der Türkei - und dieser Schritt lenkt auch den Blick auf die angespannte Lage entlang der Grenze: Flüchtlinge leben im Elend und Dorfbewohner in Angst. Es gibt Anfeindungen, Demonstrationen, Unruhen, und es sieht nicht so aus, als würde sich die Situation bald entspannen.
Schon seit Beginn des Konflikts waren in türkischen Grenzorten immer wieder Schüsse und Explosionen zu hören, die von der syrischen Seite herüberschallen. Im April aber trafen Schüsse, abgefeuert in Syrien, ein Flüchtlingslager auf türkischem Gebiet. Vier Menschen wurden verletzt, die Türkei verstärkte ihre Truppen an der Grenze. Seitdem droht die Eskalation. Im Juni schossen die Syrer ein türkisches Kampfflugzeug ab, immer häufiger gab es Grenzzwischenfälle, und der Flüchtlingsstrom wuchs weiter.
Der Flüchtlingsstrom wächst und wächst
Fast 100.000 Menschen haben sich mittlerweile in das nördliche Nachbarland gerettet, leben in Zelt- und Containerstädten, zum Teil in prekären Verhältnissen. Die Flüchtlinge demonstrierten, weil sie sich im Stich gelassen fühlten; einzelne sollen sogar den Rückweg nach Syrien angetreten haben. Schon vor Monaten war absehbar, dass die Türkei mit dem Massenansturm irgendwann überfordert sein könnte.
Natürlich ist die Lage entlang der Grenze nicht überall gleich - die Grenze ist fast 900 Kilometer lang, die Probleme sind vielfältig und komplex. Da gibt es etwa die Handelsmetropole Antakya am Mittelmeer. Sie liegt in der südtürkischen Provinz Hatay, die erst seit 1939 zur Türkei gehört. Hier leben viele arabische Alawiten, in manchen Gegenden stellen sie die Mehrheit. Sie sympathisieren, teils verdeckt, teils offen, mit dem syrischen Diktator Baschar al-Assad, ebenfalls Alawit. Für die meist sunnitischen Flüchtlinge aus Syrien haben sie nicht viel übrig, sie empfinden sie als Bedrohung, zumindest aber als Ärgernis. Händler warfen den Flüchtlingen vor, sie machten die Preise kaputt, weil sie Seife, Kleidung, Decken verkaufen würden, die sie in den Lagern umsonst bekommen.
Immer wieder gibt es Berichte über Konflikte zwischen den Bevölkerungsgruppen, zuletzt in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Demnach misstrauen die Alawiten auch der Politik des sunnitisch geprägten türkischen Staates und fühlen sich diskriminiert. Dass Ministerpräsident Recep Tayyib Erdogan mit Assad gebrochen hat, dass er ihm droht und seine Absetzung betreibt, sehen sie mit Sorge.
Der Konflikt mit den Kurden könnte sich zuspitzen
Von der aktuellen Eskalation besonders betroffen ist der türkische Grenzort Akcakale, der viel weiter östlich liegt. Denn syrische Rebellen und Assads Soldaten kämpfen um einen nahegelegenen Grenzübergang. Schon gut zwei Wochen vor dem Granateneinschlag wurden Bewohner von Akcakale durch Schüsse verletzt. Hier fühlten sich viele im Stich gelassen, wie ein Lokalpolitiker erzählt. Sie demonstrierten deshalb und schimpften auf die Regierung: Sie beschütze sie nicht.
Was die Situation noch komplizierter macht: In Akcakale und der ganzen Provinz Sanliurfa leben viele Kurden. Von hier stammt der PKK-Gründer Abdullah Öcalan, hier nehmen türkische Ermittler immer wieder Verdächtige fest, wenn es Anschläge gab. Und schon im Sommer drohte der Premier Erdogan, eine Zusammenarbeit der PKK mit ihrem syrischen Ableger werde er nicht hinnehmen.
So gäbe es aus Sicht der türkischen Regierung mehrere Gründe, in Syrien militärisch zu intervenieren:
In einen Krieg verwickeln lassen will sich die Türkei allerdings nicht, jedenfalls beteuert das die Regierung. Mittlerweile hat sich Erdogan vom Parlament zwar das Einverständnis für Militäreinsätze in Syrien geben lassen. Es gehe aber lediglich darum, die "Grenzen zu schützen und wenn nötig zurückzuschlagen", sagte einer seiner Berater. Das Parlamentsvotum sei "keine Kriegsermächtigung".
Vielmehr ist es eine generelle Erlaubnis zu Auslandseinsätzen des Militärs, die die Abgeordneten jetzt verlängert haben. Sie war ursprünglich erteilt worden, um gegen Stützpunkte militanter Kurden im Nordirak vorzugehen.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
| alles zum Thema Grenzkonflikt zwischen Syrien und der Türkei | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH