Analyse der Bin-Laden-Rede Die Rückkehr des Untoten

Zwei Kernaussagen enthält die neue Botschaft von Qaida-Chef Osama Bin Laden: Er behauptet, dass Anschläge in den Vereinigten Staaten geplant werden - und bietet den USA eine Waffenruhe an. Was wie ein Widerspruch klingt, ist der Versuch US-Bevölkerung und -Regierung zu spalten.

Von Yassin Musharbash


Screenshot von al-Dschasira: Lame Duck in der Höhle?
AFP

Screenshot von al-Dschasira: Lame Duck in der Höhle?

Berlin - Nicht wenige hielten ihn bereits für tot, denn fast genau 13 Monate lang hatte Osama Bin Laden sich nicht mehr zu Wort gemeldet. Heute beendete der Saudi-Araber, Chef des Terrornetzwerks al-Qaida, sein Schweigen: In einem dem arabischen Satellitensender al-Dschasira zugespielten Tonband droht er den USA mit Anschlägen und bietet zugleich eine Waffenruhe an. "Nichts hält uns davon ab, euch eine langfristige Waffenruhe zu gerechten Bedingungen anzubieten", sagt Bin Laden. Aber auch: "Was die Verspätung erwarteter Anschläge in den USA angeht, so ist der Grund dafür nicht, dass wir Eure Sicherheitsvorkehrungen nicht durchbrechen können."

Der US-Geheimdienst CIA bestätigte am Abend die Authentizität des Bandes. Ein Mitarbeiter, der ungenannt bleiben wollte, sagte, einer technischen Analyse zufolge handele es sich bei der Stimme auf dem Band um die Osama bin Ladens. Unklar ist noch das Alter der Aufnahme. Al-Dschasira teilte lediglich mit, dass es wohl aus dem vergangenen Monat stamme.

Das neue Band ist aus mehreren Gründen aufschlussreich. Zunächst ist es offenbar der Beweis, dass der Terrorpate noch lebt. Während sein Stellvertreter Aiman al-Sawahiri zuletzt fast monatlich an die Öffentlichkeit ging, war Bin Ladens Stimme seit Dezember 2004 verstummt. Dass er sich jetzt wieder einmischt, sorgt bei seinen Unterstützern in den islamistischen Qaida-nahen Internetforen für großen Jubel. Geduld hat Bin Laden immer wieder als größte Tugend dargestellt. Dadurch, dass er mit seinem Tonband auf einen möglichst überraschenden Zeitpunkt gewartet hat, hat er sie selbst geübt - und sich erneut als zurückhaltender, souveräner und überlegter Führer in Szene gesetzt.

"Anschläge sind in Planung"

Zum zweiten ist bedeutsam, dass Bin Laden den Eindruck erweckt, er sei nach wie vor in das operative Geschäft al-Qaidas eingebunden: "Anschläge sind in Planung, und ihr werdet sie in Euren Häusern sehen", erklärt er in Bezug auf die Vereinigten Staaten. Experten gehen davon aus, dass das Ende der Befehlskette schon seit langem nicht mehr bei Bin Laden liegt, er gilt eigentlich nur noch als spiritueller Anführer, dessen ideologische Maßgaben wichtig sind, der aber keine Anschläge mehr plant oder auch nur vorab von ihnen wüsste. Mit seiner heutigen Äußerung wirkt Osama Bin Laden dieser Vorstellung entgegen - es ist freilich unklar, ob tatsächlich etwas dahinter steckt.

Doch auch so ist die direkte Warnung an die USA brisant, denn sie könnte zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden. Immer wieder sind Freiwillige ohne direkten Befehl auf der Grundlage von Bin-Laden-Äußerungen zur Tat geschritten.

Allerdings offeriert Bin Laden eine Waffenruhe zu "gerechten Bedingungen". Die zählt er zwar nicht auf, aber der Abzug der US-Armee aus dem Irak, der mehrfach in der Rede als Ziel hervorgehoben wird, dürfte die untere Grenze der Forderungen darstellen, die damit freilich unerfüllbar sind. Es ist nicht das erste Mal, dass Bin Laden versucht, sich als Friedensfürst zu inszenieren. Seit er die Bühne des internationalen Terrorismus betrat, hat er all seine Aktivitäten immer als defensiv gerechtfertigt. Wenn nur die "Verschwörung der Kreuzfahrer und Zionisten" ihre Angriffe einstellte, würde er nachziehen, lautet sein Mantra.

Im April 2004 hatte er schon den "Nachbarn nördlich des Mittelmeers", den Europäern also, ein ganz ähnliches Angebot unterbreitet. Das Ziel war damals wie heute dasselbe: Die Angst vor Terroranschlägen dazu zu nutzen, Bevölkerung und Regierungen im Westen gegeneinander auszuspielen. Von den Kriegen in Afghanistan und im Irak, so Bin Laden heute, profitierten doch ohnehin nur die "Reichen" und "die Händler des Krieges". Es sei doch besser, "unsere Länder wieder aufzubauen". Er stellt ein Ende der Bedrohung durch sein Terrornetzwerk in Aussicht - mit dem Ziel, die Kriegsgegner und Befürworter eines sofortigen Abzuges zu munitionieren und gegen die Regierung von Präsident George W. Bush in Stellung zu bringen. Das ist Fortsetzung physischen Terrors mit psychologischen Mitteln. Zuckerbrot und Peitsche auf islamistisch gewissermaßen.

"Bush kennt keinen Weg zum Sieg"

Um seinen Spaltversuch zu verstärken, führt Bin Laden sogar Meinungsumfragen an, denen zufolge Bush laufend an Unterstützung in seinem eigenen Land verliert. Sogar die Soldaten der US-Armee, behauptet Bin Laden weiter, sähen oft keinen anderen Ausweg, als sich das Leben zu nehmen. Die Moral der Soldaten sei am Boden. "Bush kennt doch gar keinen Weg, um seinem Sieg zu verwirklichen", höhnt Bin Laden. "Die Einheit des Widerstandes und der Mudschahidin" sei dagegen ungebrochen.

Nach Angaben von al-Dschasira wurde die Rede möglicherweise im vergangenen Monat aufgezeichnet - doch das muss nicht heißen, dass der Zeitpunkt der Veröffentlichung nicht mit Bedacht gewählt wurde. Erst am vergangenen Wochenende wurde in Pakistan - wahrscheinlich von der US-Armee - ein Raketenanschlag auf die Nummer zwei der al-Qaida, Aiman al-Sawahiri, verübt. Der Mann war nicht vor Ort, wohl aber starb ein wichtiger Qaida-Chemiker. Angesichts dieses großen Teilerfolgs im Kampf gegen den Terrorismus wundert es nicht, dass die Qaida-Führung jetzt versucht, dem Eindruck, sie sei quasi zerschlagen, entgegen zu wirken.

Lahme Ente in der Höhle?

Mit dem Band dürfte es Bin Laden gelingen, die Sympathisanten wieder für eine Weile an die Idee al-Qaida zu binden: Ihr großes Idol lebt noch, verspricht gigantische Taten und schwingt sich zudem - mit dem Waffenstillstandsangebot - noch zum politisch-religiösen Führer der gesamten islamischen Welt auf.

Doch zugleich ist das Band eine Stimme aus der Vergangenheit: Die gleiche Drohung gegen die USA wäre bis 2001 wesentlich bedrohlicher gewesen. Es ist nur sehr schwer vorstellbar, dass al-Qaida in der Lage ist, einen Anschlag im Maßstab des 11. September 2001 je zu wiederholen. London, Madrid - Anschläge nach diesem Muster sind verhältnismäßig einfach zu organisieren und schwer zu verhindern; für ein zweites 9/11 gilt das Umgekehrte. Daran ändern auch Bin Ladens großspurige Worte nichts.

Im schlimmsten Fall blufft der Terrorpate nicht - eine schreckliche Vorstellung. Im besten Fall, der allerdings eben so wenig auszuschließen ist, bleibt das Band mehr oder weniger folgenlos. Dann allerdings dürfte der Nimbus Bin Ladens langfristig zu leiden beginnen. Nie zuvor hat der Qaida-Chef derart konkret gedroht und schon lange nicht mehr so gezielt den Eindruck erweckt, er sei über laufende Planungen informiert. Passiert jetzt nichts, dann wird er, wenn der erste Publicity-Effekt verpufft ist, immer mehr zum lahmen Mann in der Höhle werden, der sein eigenes Wort nicht mehr zu halten vermag.



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