TV-Duell der Vizekandidaten Biden, der Beißer

Joe Biden grinst, schüttelt den Kopf, unterbricht: Im TV-Duell gegen seinen Rivalen Paul Ryan setzte der US-Vizepräsident von Anfang an auf Attacke. Viele Zuschauer empfanden den Auftritt als selbstgerecht. Doch den verunsicherten Demokraten gibt er neuen Mut.

Von , Washington

REUTERS

Es fängt schon mit der Anrede an. Wie soll man den Kontrahenten ansprechen? Herr Abgeordneter? Könnte zu unterwürfig klingen. Vielleicht einfach beim Vornamen? Das wiederum ist ein bisschen zu flapsig, könnte arrogant rüberkommen.

Joe Biden hat sich am Donnerstagabend eindeutig für die freche Variante entschieden. Und alles, was dann folgen sollte während der 90 Minuten TV-Duell zwischen dem Vizepräsidenten und seinem Herausforderer Paul Ryan in Kentucky, ist damit schon gesagt.

"Mein Freund hier", sagt also Biden und richtet den Zeigefinger auf den links neben ihm sitzenden Ryan. Wieder und wieder. Geringschätziger geht es kaum. Nur der Republikaner-Kandidat John McCain hat das vor vier Jahren noch unterboten, als er von Barack Obama einfach als "der da" sprach. Biden also macht hier von Anfang an klar, dass er auf Risiko gehen wird. Frechheit siegt?

Biden geht gleich auf Risiko

Mal abwarten. Klar ist: Biden will den Ausputzer spielen. Will Obamas überraschend schwachen Debattenauftritt vor einer Woche wieder gutmachen, der Rivale Mitt Romney in den Umfragen aufholen ließ und die eigene Basis reichlich verunsicherte. Der 69-Jährige Biden gibt dem 42-jährigen Ryan kein Pardon. Er grinst, er lacht, schüttelt den Kopf, reißt die Arme hoch, unterbricht.

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Biden gegen Ryan: US-Vizes liefern sich feuriges Duell
Zum Beispiel beim Thema Afghanistan. Da erklärt Ryan gerade, dass er die US-Truppen grundsätzlich schon im Jahr 2014 abziehen wolle, wie die Regierung Obama. Andererseits ist ihm der feste Zeitplan irgendwie nicht ganz recht. Das hört sich dann so an:

Ryan: Wir möchten unseren Feinden kein Datum geben, das sie einfach verstreichen lassen können, um dann zurückzukommen. Wir wollen sicherstellen, dass ...

Biden: Wir - werden - 2014 - abziehen.

Ryan: … wir wollen unseren Alliierten keinen Anlass geben, uns weniger zu trauen, wir wollen unsere Feinde nicht ermutigen …

Biden: Das ist eine bizarre Äußerung!

Ryan: Wir wollen sicherstellen …

Biden: Unsere 49 Alliierten - hören Sie mir zu! - unsere 49 Alliierten haben sich auf diese Position verständigt.

Ryan: Und wir lesen, dass die beabsichtigen …

Biden: 49! 49 sagen "raus in 2014". Danach ist das Sache der Afghanen. Der Afghanen!

Immer wieder liefern sich die beiden solche Wortgefechte. Oder besser: Biden liefert sie Ryan. Es wirkt, als würde ein Vater seinem Sohn die Leviten lesen. Doch Ryan bleibt erstaunlich gelassen. Einmal sagt er, ja, der Vize-Präsident stehe an diesem Abend sicher unter einem gewissen Zwang. Will heißen: unter dem Zwang, liefern zu müssen, nachdem Obama es verbockt hat. Die Debatte schließlich findet ihren Schwerpunkt in der Außenpolitik. Ein Feld, das Biden gegen Ryan, den Vorsitzenden des Haushaltsausschusses im Repräsentantenhaus, für sich reklamiert. 36 Jahre saß Biden im US-Senat, maßgeblich hat er die Afghanistan-Politik Obamas mitgeprägt.

"Oh Gott!"

Harsch kontert Biden die Vorwürfe Ryans, während des Sturms auf die US-Vertretung im libyschen Bengasi durch Terroristen habe sich die Schwäche von Obamas Außenpolitik gezeigt ("Nichts von dem, was er sagt, ist richtig"). Als Ryan beharrt, der Iran sei jetzt näher an der Atombombe als bei Obamas Amtsantritt, hämmert Biden auf ihn ein: "Die - haben - keine - Waffe." Und schiebt dann noch ein "Oh Gott!" hinterher.

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Joe Biden: "Wie eine Grinsekatze"
Das ist dann doch irgendwann ein bisschen zu viel. Wo Obama in der Woche zuvor zu passiv blieb, geriert sich Biden nun zu aktiv. Am Ende des Abends wird der altgediente Präsidentenberater David Gergen auf CNN sagen, dass das Duell inhaltlich ein Patt gewesen sei, "in der Stilfrage aber hat Ryan gewonnen".

Doch die Stilfrage - sie spielt an diesem Abend für Biden jedenfalls keine große Rolle. Denn damit lassen sich möglicherweise die Unentschiedenen gewinnen, Biden aber musste die Basis wieder aufbauen. Das hat er getan. Und Ryan? Der musste nur ruhig bleiben. Wieder und wieder argumentiert er mit den miesen Wirtschaftszahlen Obamas. Ach, die Rezession, sagt Biden und hebt die Arme. "Die reden immer von der Rezession, als sei sie vom Himmel gefallen; dabei kommt die von Leuten wie ihm" - Fingerzeig auf Ryan - "die zwei Kriege auf Pump geführt haben".

Ryan seinerseits konfrontiert Biden mit dessen Geburtsort Scranton, einer Arbeiterstadt in Pennsylvania: 8,5 Prozent habe die Arbeitslosenquote dort 2008 betragen; und nun, nach vier Jahren Obama liege sie bei zehn Prozent. Der Präsident habe "seine Chance gehabt", appelliert Ryan ganz offensichtlich an frühere Obama-Wähler, die nun unsicher sind.

Biden gibt sich als "Botschafter des weißen Arbeiterklasse-Amerika" ("Politico"), vergisst - anders als Obama - nicht jenes Geheim-Video zu erwähnen, auf dem Romney zu sehen ist, wie er 47 Prozent der Bevölkerung als Sozialschmarotzer abtut. Ryan sagt, na ja, der Vize-Präsident wisse doch wie das ist, wenn einem mal "die Worte verdreht aus dem Mund kommen". Lachen im Saal. Eine Anspielung auf Bidens bekannte Neigung zu Versprechern.

Ryan versucht dem von Romney in der vergangenen Woche vorgenommenen Kurswechsel in Richtung Mitte zu folgen - nach monatelangem Rechtsaußen-Wahlkampf. Wie seine Nummer 1 beschwört nun auch Ryan, dass man den Super-Reichen keinesfalls die Steuern senken wolle - obwohl unabhängige Experten genau das aus Romneys Steuerplan herausdestilliert haben. Und immer wieder betont Ryan, dass er mit den Demokraten zusammenarbeiten wolle - ausgerechnet er, der sich in der Hauptstadt einen Namen als Ideologe gemacht hat.

Aber es scheint zu wirken. Nach dem Schlagabtausch zeigen die ersten Zahlen der Demoskopen ein recht ausgeglichenes Rennen, mit leichten Vorteilen für Ryan. In einer CNN-Umfrage kommt der Herausforderer auf 48 Prozent, der Vizepräsident auf 44 Prozent. Das mag an seinem besonneneren Stil gelegen haben. Aber darauf wollte Biden offensichtlich keine Rücksicht nehmen. Er hatte ja einen anderen Job zu erledigen.

Am Dienstag sind Obama und Romney wieder dran.

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Seite 1
frubi 12.10.2012
1. .
Zitat von sysopREUTERSJoe Biden grinst, schüttelt den Kopf, unterbricht: Im TV-Duell gegen seinen Rivalen Paul Ryan setzte der US-Vizepräsident von Anfang an auf Attacke. Viele Zuschauer fanden den Auftritt selbstgerecht. Doch den verunsicherten Demokraten gibt er neuen Mut. http://www.spiegel.de/politik/ausland/analyse-der-us-vize-debatte-biden-hart-ryan-gut-rennen-offen-a-860861.html
Heute morgen habe ich im Morgenmagazin einen Bericht dazu gesehen. Der war ca. 5-7 Minuten lang und keine einzige Sekunde wurde dafür genutzt um zu zeigen, welche Standpunkte die beiden Herren vertreten. Das WAS? war unwichtig und nur das WIE? war wichtig. Wie oft hat Ryan zum Wasser gegriffen.... bla... bla .... bla. Ich hoffe, dass auch im deutschen Wahlkampf 2013 Themen keine Rolle spielen. Ich will nur wissen, von wem Steinbrücks Anzug ist und welche Schuhe Frau Merkel trägt. Nichts anderes. Wer braucht schon Inhalte. Da müsste der Wähler ja nachdenken. In Amerika kann ein Kandidat die besten Argumente haben, wenn er schwitzt und stottert war es das für ihn. Jon Stewart hatte in dieser Woche König Abdullah den 2ten zu Besuch und er hat geschildert, wie er demokratische Prozesse in Jordanien 2013 vorantreiben will und bat Stewart um Geduld. Die Amerikaner würden ja nun schon seit 200 jahren Wahlen durchführen. Stewart darauf: "Oh ja. Und wir haben es perfektioniert *hust* *hust*." Zum Glück erkennen noch einige Menschen in Übersee die massiven Defizite.
eishockeyoma 12.10.2012
2. Wenn die Amerikaner meinen,
Zitat von sysopREUTERSJoe Biden grinst, schüttelt den Kopf, unterbricht: Im TV-Duell gegen seinen Rivalen Paul Ryan setzte der US-Vizepräsident von Anfang an auf Attacke. Viele Zuschauer fanden den Auftritt selbstgerecht. Doch den verunsicherten Demokraten gibt er neuen Mut. http://www.spiegel.de/politik/ausland/analyse-der-us-vize-debatte-biden-hart-ryan-gut-rennen-offen-a-860861.html
ihr eigenes Elend noch zu vergrößern, dann lasst Sie doch Romney/ Ryan wählen. Wir werden es nicht beeinflussen können...
Querkopf_9 12.10.2012
3. Interessant....
Zitat von sysopREUTERSJoe Biden grinst, schüttelt den Kopf, unterbricht: Im TV-Duell gegen seinen Rivalen Paul Ryan setzte der US-Vizepräsident von Anfang an auf Attacke. Viele Zuschauer fanden den Auftritt selbstgerecht. Doch den verunsicherten Demokraten gibt er neuen Mut. http://www.spiegel.de/politik/ausland/analyse-der-us-vize-debatte-biden-hart-ryan-gut-rennen-offen-a-860861.html
............."Als Ryan beharrt, der Iran sei jetzt näher an der Atombombe als bei Obamas Amtsantritt, hämmert Biden auf ihn ein: "Die - haben - keine - Waffe." Und schiebt dann noch ein "Oh Gott!" hinterher."........Nun liebe Spiegel Redakteure...jetzt habt ihr es exclusiv vom Vize gehört...Der Iran hat keine Atombombe!
hutten 12.10.2012
4. Merkwürdig
Zitat von sysopREUTERSJoe Biden grinst, schüttelt den Kopf, unterbricht: Im TV-Duell gegen seinen Rivalen Paul Ryan setzte der US-Vizepräsident von Anfang an auf Attacke. Viele Zuschauer fanden den Auftritt selbstgerecht. Doch den verunsicherten Demokraten gibt er neuen Mut. http://www.spiegel.de/politik/ausland/analyse-der-us-vize-debatte-biden-hart-ryan-gut-rennen-offen-a-860861.html
Die Amerikaner sehen leicht Ryan vorne. Kann es sein, dass auch bei SPON der vorhandene Republikaner- Beißrefelx wie er ja vom Spiegel-Magazin bekannt ist greift? Ach ja, Ryan ist ja katholisch, dann wird mir alles klar... Übrigens es waren immer republikanische Präsidenten, die in Zeiten des kalten Krieges Deutschland zur Seite standen und es waren immer demokratische Präsidenten die sich in Sachen Deutschlandpolitik als Sprücheklopfer erwiesen. Mit Barack Obama ist es wie mit Mr. Wilson: Viele Versprechungen und Papiere aber nichts eingehalten...
bigsur1 12.10.2012
5. Politik auf unterstem Niveau
Grauenhaft. 2 Parteien-System. Mehrheitswahlrecht mit Wahlmännern und "Winner takes all" System. Ein paar nichtssagende Fernsehduelle entscheiden über Sieg oder Niederlage einer der beiden Parteien. Fehlt nur noch das die Wahlen dann mittels Facebook oder App erfolgen. Was für eine armselige Demokratie. Man kann bei uns meckern wie man will. Unser System finde ich dann wesentlich besser und bunter
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