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Analyse des Sarkawi-Videos: Mit dem Schlächter auf dem Teppich

Von Yassin Musharbash

Das Video ist eine Sensation - und an Zynismus kaum zu überbieten. Terrorchef Sarkawi zeigt zum ersten Mal unverhüllt sein Gesicht vor einer Filmkamera. Er hat zugenommen, plaudert entspannt, kann sich frei bewegen. Die Unterstützer reagieren mit ekstatischer Begeisterung.

Berlin - Fünf Männer sitzen auf Teppichen auf dem Boden eines Hauses. "Im Namen Gottes", beginnt ein junger Mann, das Gesicht hinter einer schwarzen Mütze versteckt, seinen Vortrag: "Es ist uns gelungen, viele Soldaten zu töten." Die Moral der Kämpfer in der Provinz Anbar sei hoch. Auf einem Laptop führt er Videos vom Abschuss selbst gebauter Geschosse vor. Zu seiner Rechten sitzt ein etwas älterer Mann und hört aufmerksam zu. Es ist Abu Mussab al-Sarkawi, der Qaida-Statthalter im Irak. Nur der Bart unterscheidet sein Gesicht von den bekannten Fahndungsfotos.

Die Szene stammt aus einem 34 Minuten langen Video, das gestern Abend auf islamistischen Websites zum Herunterladen verlinkt wurde. Es liegt SPIEGEL ONLINE vor. Darauf zu sehen ist eine 15 Minuten lange Ansprache Sarkawis, aber auch zusammen geschnittenes Filmmaterial aus dem Alltag des Terrorpaten.

Seit drei Jahren gilt der Jordanier im Irak als einer der wichtigsten Organisatoren des täglichen Terrors. Mehrmals offenbarte er sich auf Tonbändern. Aber ein Video gab es bisher nicht. Der Film ist deshalb eine Sensation: Es sind die ersten bewegten Bilder von Sarkawi - abgesehen von einem kurzen, blutigen Video aus dem Jahr 2004, auf dem zu sehen sein soll, wie er die US-Geisel Nicholas Berg enthauptet. "Schlächter von Bagdad", "Phantom des Irak" wurde Sarkawi immer wieder genannt – auch über seinen Tod wurde häufig spekuliert. Doch Sarkawi ist offensichtlich lebendig und in der Lage eine Art "Homestory" zu veröffentlichen.

Noch ist die Authentizität des Bandes nicht bewiesen. Sicherheitsexperten prüfen es zur Stunde. Aber sowohl die Stimme als auch das Aussehen lassen es wahrscheinlich erscheinen, dass die Bilder echt sind. Das eingeblendete Logo des von Sarkawi vor kurzem gegründeten "Ratgebergremiums der Mudschahidin" ist ein weiteres Indiz. Ist das Video echt, wäre es ein Beweis, dass der 1966 als Ahmad Khaleilah geborene Terrorist lebt. Denn er datiert seine Rede auf den 21. April und einige erwähnte aktuelle Entwicklungen sprechen ebenfalls dafür, dass die Aufnahmen neu sind.

Bin Laden als "Emir" bestätigt

Der rote Faden der Ansprache ist eine Huldigung der "teuren Gemeinschaft der Muslime". Sarkawi preist die Mudschahidin im Irak dafür, dass sie den "Sturm der Kreuzfahrer aufgehalten" hätten. "Wir kämpfen im Irak, mit Blick auf Jerusalem", sagt er. Osama Bin Laden nennt er unzweideutig "unseren Emir". Dass der US-Präsident dessen jüngstes Angebot einer "Waffenruhe" abgelehnt habe, sei töricht: "Es wäre besser für ihn, er hätte es angenommen." Die US-Soldaten, erklärt Sarkawi, könnten im Irak nur noch schlafen, wenn "sie Schlaftabletten nehmen". Damit greift er ein zuletzt von Osama Bin Laden verwendetes Motiv der demoralisierten US-Armee auf. Die irakische Demokratie bezeichnet er als "Theater"; die Schiiten würden eine Tyrannei auf Kosten der Sunniten errichten.

Inhaltlich fügt sich die Rede damit in Sarkawis letzte Verlautbarungen. In Zwischentönen versucht er, wie zuvor, einen Verdacht auszuräumen: Dass er sich als Jordanier gar nicht um den Irak schere und dass sein Engagement im Namen al-Qaidas nur taktisch sei. Doch manchen seiner Anhänger sind der Irak und die Qaida völlig egal - und daher kann Sarkawi diese Unterstellung nicht eindeutig dementieren, ohne eigene Gefolgsleute zu verprellen. Also führt er seinen bekannten Drahtseilakt auch in dieser Rede fort - und bedient alle Seiten.

Umso interessanter ist, was sonst noch auf dem Band zu sehen ist. Sarkawi hat Zugang zu "sicheren Häusern", zeigt sich darin. Er lebt, anders als Bin Laden, also offenbar nicht in totaler Zurückgezogenheit. Natürlich muss das nicht der Normalzustand sein - schließlich handelt es sich um ein Propagandavideo; aber Sarkawi hat anscheinend einen Grad an Bewegungsfreiheit, dessen Zurschaustellung der US-Armee wenig gefallen dürfte.

Rede gegen den Sympathieverlust?

In den letzten Monaten haben Experten viel über Rolle und Kapazitäten Sarkawis diskutiert. Ausweislich seiner Bekennerschreiben ist sein Netzwerk das aktivste im Irak. Doch schien er an Unterstützung eingebüßt zu haben. Erst revoltierten Stammesverbände gegen seine Männer, dann hieß es aus Kreisen mit Verbindungen zu den Mudschahidin im Irak, diese hätten Sarkawi diszipliniert: Man habe ihm das Versprechen abgenommen, die politische Rolle aufzugeben und sich nur noch um Militärisches zu kümmern. Auch die Anschläge, die er im November 2005 in der jordanischen Hauptstadt Amman ausführen ließ und in denen dutzende Zivilisten umkamen, schadeten seinem Ruf.

Gut möglich, dass das Video eine Antwort darauf ist: Hier präsentiert sich Sarkawi als ruhiger, überlegter Dschihad-Führer. Das war man von ihm bisher nicht gewohnt; normalerweise schreit er in seinen Reden am Rande des stimmlich Möglichen. Allerdings zeigt er zugleich, dass er nicht daran denkt, nur noch zu reden und nicht zu schießen.

Ebenso gut denkbar ist freilich, dass Sarkawi nicht abseits stehen wollte, wenn der Rest der internationalen dschihadistischen Führungsspitze sich in kurzen Abständen meldet: erst ein Video von Osama Bin Laden, dann eine Rede von Aiman al-Sawahiri, schließlich die Anschläge auf der ägyptischen Sinai-Halbinsel - vielleicht hat die Eitelkeit ihn zu dem Film bewogen.

In deutlichen Worten deklamiert Sarkawi am Schluss: "Wo ist Saladin? Wo sind die Unterstützer?" - Es dürfte dies von Sympathisanten als Aufruf verstanden werden, sich mit neuer Energie dem Dschihad im Irak zu widmen. Das wäre eine gefährliche Folge des Bandes. Die Reaktionen im islamistischen Web sind in jedem Fall ekstatisch.

Darüber hinaus freilich ist bekannt, dass Sarkawi internationale Ambitionen hat. 2002 hat er auch schon versucht, in Deutschland zuzuschlagen. Ein Video, das belegt, dass dieser Mann lebt, ist deswegen auch jenseits des Irak von Bedeutung. Und offensichtlich geht es dem Mann nicht einmal allzu schlecht: Er hat erkennbar zugenommen. Die Homestory vom "Schlächter von Bagdad" ist deshalb unter jedem Blickwinkel eine schlechte Nachricht.

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Terrorbotschaft via Video: Sarkawi kündigt neue Anschläge an


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