Analyse zum Terror im Irak Die Entfesselung des Bürgerkriegs

Der Bombenterror im Irak zielt längst nicht mehr in erster Linie auf die amerikanischen Besatzer. Die Massaker an der schiitischen Bevölkerung sollen Chaos und Schrecken verbreiten, den Zivilisierungsprozess aufhalten, das Land unregierbar machen und Volksgruppen gegeneinander hetzen. Die US-Truppen sind machtlos.

Von Claus Christian Malzahn


Kerbela: Helfer transportieren die Opfer vom Tatort
DPA

Kerbela: Helfer transportieren die Opfer vom Tatort

Und wieder weit über hundert Tote, heute in Kerbela und Bagdad. Langsam wird es schwer, angesichts der vielen blutigen Attacken im Irak den Überblick zu behalten. Angriffe auf US-Truppen und ihre Verbündete gehören seit der Invasion vor einem knappen Jahr vor allem im Zentralirak zum Alltag.

Doch die Besatzer scheinen längst nicht mehr das Hauptangriffsziel der Guerilla zu sein. Mal werden kurdische Parteibüros im Norden attackiert, dann schiitische Pilger im Süden. Die Zahl der Toten liegt inzwischen pro Angriff oft über hundert, hinzu kommen unzählige Verletzte, meist grausam verstümmelte Zivilisten. Wer steckt hinter diesen Aktionen? Und was wollen die so genannten Widerstandskämpfer erreichen?

Die militanten Gruppen im Irak sind alles andere als homogen. Da sind zum einen die Anhänger des alten Baath-Regimes. Sie versuchen seit einem Jahr, die alten Verhältnisse wieder herbei zu bomben und die Amerikaner zum Abzug zu bewegen. Doch ihre Strategie ist nicht aufgegangen. Die Stimmung in der US-Truppe ist zwar nicht gut, aber sie ist längst nicht so verzweifelt wie im Dschungel Vietnams oder während des letzten desaströsen Auslandseinsatzes der US-Armee 1993 in Somalia.

Genau 550 Tote musste die US-Army in Leichensäcken bisher in den vergangenen zwölf Monaten aus Kuweit und dem Irak zurück in die Heimat fliegen. Für die über 100.000 Mann starke Streitmacht ist das kein Grund, sich zurückzuziehen. Zum Vergleich: Allein am ersten Tag der Landung in der Normandie am 6. Juni 1944 verloren die Alliierten fast 10.000 Mann. Die Leidensgrenze der US-Soldaten, die im Irak stationiert sind, ist jedenfalls nicht einmal angekratzt. Und in den Vereingten Staaten selbst gibt es (noch) keine Stimmung, die lautet: Bring our boys back home.

Wären im Irak nur die Anhänger Saddam Husseins bei Anschlägen aktiv, wäre eine Befriedung, zumal nach der Festnahme des Diktators, mittelfristig übrigens gar nicht so unvorstellbar. Eine Wiederzulassung einer geläuterten, von Spitzenfunktionären gereinigten Baath-Partei unter anderem Namen und mit demokratischen Vorzeichen gäbe der alten sunnitischen Elite des Landes eine politische Heimat - und vor allem eine gesellschaftliche Perspektive. Doch die US-Verwaltung setzt erstens fast ausschließlich auf die Schiiten und hat es, zweitens, bei der militanten Gegnerschaft eben nicht nur mit kämpfenden Baathisten zu tun.

Im Irak tummeln sich heute islamistische Gruppen jeder Couleur, darunter viele Kämpfer aus anderen islamischen Ländern. Diese Gruppen sind, anders als so mancher Iraker, der heute noch Hussein die Treue hält, an einer Lebensperspektive im Irak gar nicht interessiert. Es war deshalb immer ein Irrglaube, der Terror würde aufhören, wenn Saddam Hussein gefasst würde.

Über die Frage, wie eng die Bindungen der Baathisten und Islamisten wirklich sind, kann man nur spekulieren. Die Anschläge von heute deuten auf Grund ihrer Präzision jedoch darauf hin, dass Ortskundige bei der Planung und Ausführung beteiligt waren. Und noch ein wichtiges Detail wird heute sichtbar: Inzwischen sind bei den Terroranschlägen im Irak mehr Iraker ums Leben gekommen als Amerikaner. Das spricht für einen Strategiewechsel im Guerillakrieg.

Eine vorwärts gerichtete Kampagne, wie sie bei anderen militanten Guerillabewegungen in den siebziger Jahren beispielsweise in Lateinamerika zu finden war, kann man in diesem nebulösen Widerstand nicht ausmachen. Zu Hunderten strömten Freiwillige vor einem Jahr in den Irak, um gegen die US-Armee und ihre Verbündeten zu kämpfen. Doch der Krieg gegen die Soldaten George W. Bushs scheint für die Islamisten nicht mehr interessant genug zu sein. Längst ist die irakische Zivilbevölkerung ins Visier des Terrors geraten. Das Ziel heißt nicht Truppenabzug, sondern Chaos, das Mittel dazu ist Bürgerkrieg.

Darum geht es, wenn heute Bomben und Granaten in Kerbela detonieren und die Innenstadt in Blut tauchen - ausgerechnet einen Tag, nachdem die Schiiten ihre zehntägige Trauerzeit für ihren Imam Hussein beendet haben, der vor 1324 Jahren in Kerbela von seinen Gegnern umgebracht wurde. Damals spaltete sich der Islam endgültig in die sunnitische und schiitische Richtung. Der Kampf, der mit dem Tod des Imams losbrach, scheint noch immer nicht zu Ende zu sein.

Nach dem "schwarzen November" des vergangenen Jahres, dem Monat mit den bisher höchsten Verlusten für die Truppe, haben die Amerikaner viele Sicherungsaufgaben an irakische Paramilitärs und Polizisten übertragen. Die US-Soldaten stehen nicht mehr in der ersten Reihe, für Kontrollen, beispielsweise vor Kasernen, Krankenhäusern oder öffentlichen Einrichtungen, sorgen nun Einheimische. Niemand im Irak lebt gefährlicher als ein irakischer Polizist, der für 200 Dollar seinen Dienst als lebende Zielscheibe versehen muss. Mit Selbstmordanschlägen auf Polizeistationen attackieren die Angreifer einerseits die Zusammenarbeit Saddam-kritischer Iraker mit den Besatzern und verdammen sie als Kollaborateure. Andererseits behindern sie damit einen Prozess, der zu einer irakischen Selbstverwaltung führen soll.

Doch die Attacken heute galten weder amerikanischen Soldaten noch amerikanischen Wachleuten. Zum zweiten Mal innerhalb von sieben Monaten rissen Bomben in einer heiligen schiitischen Stadt Dutzende Menschen in den Tod. Am 29. August vergangenen Jahres starben bereits 125 schiitische Pilger in Nadschaf, darunter ein ebenso wichtiger wie beliebter Geistlicher.

Im August hielt die schiitische Schattenarmee, die es in Städten wie Basra, Kerbela und Nadschaf längst gibt, noch still. Bisher waren diese bewaffneten Gruppen nur vor der eigenen Haustür aktiv. Sie rächten sich - oft grausam übrigens - an Baathisten und übernahmen im Süden des Landes faktisch die Macht auf der Straße, ähnlich wie die kurdische Armee im Norden. Doch nun steht zu befürchten, dass es zu Racheakten kommt. Es muss nicht erst Großajatollah al-Sistani ums Leben kommen, bevor schiitische Bombenleger im sunnitischen Dreieck im Zentralirak auf die Suche nach passenden Anschlagszielen gehen.

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