Anarchie in Kairo "Mubarak will Ägypten brennen sehen"

Geöffnete Gefängnisse, Plünderungen, Brandstiftungen: Der politische Protest der Ägypter droht in Chaos und Anarchie zu versinken. Verantwortlich dafür sei das Regime selbst, behaupten die Demonstranten. Die Bilder der Gewalt, so ihr Vorwurf, sollen ihren Aufstand diskreditieren.

Aus Kairo berichten und Volkhard Windfuhr

AFP

Der Mann hat Angst um sein Leben. Seine Stimme zittert, als er im ägyptischen Privatsender al-Mekhwa spricht. "Ich kann meinen Namen nicht nennen. Sie werden mich in tausend Stücke reißen, wenn sie erfahren, dass ich geredet habe."

Er sei dabei gewesen, erzählt der Polizist, wie in der Nacht zum Samstag das Tura-Gefängnis im Süden von Kairo geöffnet und 3500 Häftlinge freigelassen wurden. Auch im Wadi Natrun, zwischen Kairo und Alexandria, berichteten ihm Kollegen, seien mindestens 4000 Gefangene befreit worden. Der Befehl an die Beamten lautete überall, sich zurückzuziehen. "Wir sollten nach Hause gehen. Ich schwöre bei Gott, genau das wurde uns befohlen."

Es sind Szenen, wie sie Ägypten seit dem Volksaufstand gegen die britische Besatzung vor einem halben Jahrhundert nicht mehr gesehen hat; Szenen, die nichts mehr gemein haben mit jenem moderaten und faszinierenden Ägypten, das dem Westen bislang als Garant regionaler Stabilität galt und Millionen von Touristen aus aller Welt anzog. Bilder von verwüsteten Straßenzügen, Plünderern und Brandstiftern erinnern eher an den Nachkriegs-Irak, wo die Mobs das Sagen hatten - und nicht mehr die staatlichen Sicherheitskräfte.

Hinweise auf Beteiligung des Regimes

Dabei verdichten sich die Hinweise, dass ein Großteil der Gewalt vom Regime selbst initiiert wurde, um die Auseinandersetzungen bewusst eskalieren zu lassen. Was zunächst wie eine Verschwörungstheorie klang, wird mittlerweile nicht nur von Augenzeugen und seriösen Analysten, sondern sogar von Leuten des ägyptischen Establishments bestätigt.

"Es ist klar, dass die Bilder ausartender Gewalt dem Regime nutzen", sagt etwa Tarek Heggy, ein ehemaliger Manager und Politikprofessor, der sich schon vor Jahren auf die Seite der Mubarak-Kritiker geschlagen hat. "Mit diesen Bildern kann der Präsident sein hartes Vorgehen gegen die Demonstranten rechtfertigen, vor allem gegenüber dem Ausland. Er bekommt die beste Entschuldigung geliefert, warum er nicht zurücktreten soll."

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Chaos in Kairo: Ausschreitungen, Schüsse, Plünderungen
Auch Emad Gad, ein Analyst des eigentlich regierungstreuen Al-Ahram-Zentrums für politische Studien, hat keine Zweifel: "Ich weiß aus sicherer Quelle, dass es Anweisungen von ganz oben gab, bekannte Schwerverbrecher aus den Gefängnissen zu holen, zu bewaffnen und sie unter die Protestierenden zu mischen."

Sollte sogar der Anschlag auf die inzwischen fast völlig ausgebrannte Parteizentrale der verhassten NDP, der Regierungspartei von Präsident Husni Mubarak, von Provokateuren ausgeführt worden sein? Das Bild der noch immer qualmenden Hochhausruine am zentralen Tahrir-Platz von Kairo, das seit Tagen um die Welt geht, galt vielen Demonstranten zunächst als Symbol ihrer Revolution.

Die Plünderer, die alles aus dem Gebäude holten, was nicht niet- und nagelfest war, wurden zunächst beklatscht. Immer wieder ließen sich Schaulustige vor dem riesigen, halb abgefackelten Werbeplakat ("Gib der NDP deine Stimme") fotografieren.

"Die wurden dafür bezahlt, das Feuer zu legen"

Schnell aber schlug die Stimmung um, als am späten Samstagabend junge Ägypter dabei behindert wurden, die Spuren der Verwüstung zu beseitigen. "Lasst es brennen, das Volk will es so!", schrien einige Vermummte, die sich Handgreiflichkeiten mit anderen Demonstranten lieferten. Eine Frau berichtete SPIEGEL ONLINE zudem, dass in der Nacht zum Samstag Löschfahrzeuge zwar durchgewinkt, aber in ihrer Arbeit behindert wurden. "Das waren NDP-Schergen", sagte die Frau. "Die wurden dafür bezahlt, das Feuer zu legen."

Von einem "ägyptischen Reichstagsbrand" - einem inszenierten Akt der Regierung, um mit Gewalt antworten zu können - geht auch ein Wirtschaftsmagnat aus, der mit Namen nicht genannt werden will. "Mubarak will Ägypten brennen sehen."

Denn kein Zweifel: Dass selbst am Sonntag noch Rauchwolken aus den obersten Fenstern der Parteizentrale wehen und im ganzen Land immer neue Brände entfacht wurden, liefert den ausländischen Fernsehteams eindrucksvolles Material - und den Zuschauern weltweit eine neue Lesart der ägyptischen Revolution: Seht nur, der Protest dieser Araber ist gewalttätig und anarchistisch.

Mit dem "höchst seltsamen Verschwinden der Polizei", so eine Überschrift der Oppositionszeitung "Wafd" am Sonntag, solle der politische Protest von Millionen gezielt diskreditiert werden. "Dies ist eine Verschwörung der Sicherheitsdienste, um das Szenario des Chaos zu verstärken", schreibt auch das Oppositionsblatt "Misr Al-Yom".

Wer am Ende wieder für Ordnung und Sicherheit sorgen soll, ist klar: der verhasste, aber vermeintlich unentbehrliche Präsident selbst. Husni Mubarak.

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insgesamt 95 Beiträge
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Seite 1
roterschwadron 30.01.2011
1. Spiel mit dem Feuer
Zitat von sysopGeöffnete Gefängnisse, Plünderungen, Brandstiftungen: Der politische Protest der Ägypter droht in Chaos und Anarchie zu versinken. Verantwortlich dafür ist sei das Regime selbst, behaupten die Demonstranten. Die Bilder der Gewalt, so ihr Vorwurf,*sollen ihren Aufstand diskreditieren. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,742498,00.html
"Mubarak will Ägypten brennen sehen". Da stellt sich doch die Frage, ob Mubarak überhaupt weiß, was er da sagt. Verwechselte er nicht bisher seine eigene Person mit dem Land Ägypten?
Sharoun 30.01.2011
2. Prinzipiell...
...begleite ich das Ansinnen der Demonstranten ja mit Wohlwollen, allein: warum werden Häuser geplündert und Kuluturschätze beschädigt/ zerstört? Und natürlich die Medien hierzulande: wird der Mob -wenn er denn so in den Straßen Deutschlands toben wird- mit ebenso viel Nachsicht und sogar Sympathie in der "Berichterstattung" rechnen dürfen? Werden dann auch die Aussagen der Demonstranten in den Mittelpunkt der Nachrichten rücken statt der Verlautbarungen der Sicherheitskräfte; oder muß dazu auch der richtige politische Hintergrund bei den Demonstranten gegeben sein? Also: zum richtigen Zeitpunkt gegen das gerade in Ungnade gefallen System sein, und schon wird man zum Helden statt zum Verbrecher. Ich mein: die Bilder sagen ja doch so Einiges aus!
snickerman 30.01.2011
3. Lesen
Zitat von Sharoun...begleite ich das Ansinnen der Demonstranten ja mit Wohlwollen, allein: warum werden Häuser geplündert und Kuluturschätze beschädigt/ zerstört? Und natürlich die Medien hierzulande: wird der Mob -wenn er denn so in den Straßen Deutschlands toben wird- mit ebenso viel Nachsicht und sogar Sympathie in der "Berichterstattung" rechnen dürfen? Werden dann auch die Aussagen der Demonstranten in den Mittelpunkt der Nachrichten rücken statt der Verlautbarungen der Sicherheitskräfte; oder muß dazu auch der richtige politische Hintergrund bei den Demonstranten gegeben sein? Also: zum richtigen Zeitpunkt gegen das gerade in Ungnade gefallen System sein, und schon wird man zum Helden statt zum Verbrecher. Ich mein: die Bilder sagen ja doch so Einiges aus!
würde helfen, warum schreiben Sie, ohne den Artikel dazu überhaupt gelesen zu haben? genau das ist es doch, was Mubarak will, der würde sogar die unersetzlichen Kulturschätze zerstören lassen, nur um seine eigene Unverzichtbarkeit zu zeigen: "Seht her ohne mich können sich die Ägypter nicht organisieren, alles wird im Chaos untergehen!" Damit hat sich Hosni Mubarak zum Feind Ägyptens erklärt, nun ist es mit einem Rücktritt oder einer Flucht nicht mehr getan- jetzt muss er vor Gericht! Oder an die nächste Straßenlaterne!!
JDR 30.01.2011
4. ...
Zitat von sysopGeöffnete Gefängnisse, Plünderungen, Brandstiftungen: Der politische Protest der Ägypter droht in Chaos und Anarchie zu versinken. Verantwortlich dafür ist sei das Regime selbst, behaupten die Demonstranten. Die Bilder der Gewalt, so ihr Vorwurf,*sollen ihren Aufstand diskreditieren. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,742498,00.html
Nun, es ist keinesfalls unwahrscheinlich, dass die Gefängniswärter schon aus Furcht vor einer Erstürmung lieber die Gefangenen freigelassen haben. Das meiste, was hier beschrieben wird, darf jedoch getrost in das weite Feld Mittelöstlicher Verschwörungsphantasien verwiesen werden. "Aus sicherer Quelle" kann auch mit "Es war einmal" ins deutsche Übersetzt werden. Die Menschen sind arm. Auch ohne den Rückzug der Polizei litt Kairo unter massiver Kriminalität. Jetzt stehen die Türen zum Supermarkt offen - und niemand ist da, Plünderer zu stoppen. So einfach ist das.
genugistgenug 30.01.2011
5. .
Zitat von sysopGeöffnete Gefängnisse, Plünderungen, Brandstiftungen: Der politische Protest der Ägypter droht in Chaos und Anarchie zu versinken. Verantwortlich dafür ist sei das Regime selbst, behaupten die Demonstranten. Die Bilder der Gewalt, so ihr Vorwurf,*sollen ihren Aufstand diskreditieren. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,742498,00.html
das ist schlicht taktische Kriegsführung mit dem Ziel 'Chaos' zu schaffen um daraus Vorteile zu ziehen kam heute morgen nicht die Nachricht das die Museumswächter selbst geplündert haben? Die Direktorin selbst soll das verkündet haben. Vermutlich war das nur eine Sicherstellung oder Gehalt in Naturalien. Mob in Deutschland? sicher nie - eine Revolution findet nicht statt weil man hier den Rasen nicht betreten darf - deshalb bleibt der Mob auch ruhig und die Besserverdienenden können über den Rasen brettern. Wenn es hier mal losgeht dann ist es sicher KEIN Mob! Schauen Sie sich mal die Bilder in bbc usw an - da sind die in D Kindergeburtstag.
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