Russlands neuer Botschafter in Washington Putins Bullterrier

Die Beziehungen zwischen Russland und den USA sind so schlecht wie lange nicht. Nun schickt Putin einen neuen Mann nach Washington: Anatolij Antonow. Mit dem Hardliner dürfte der Ton noch rauer werden.

Anatolij Antonow
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Anatolij Antonow

Von , Moskau


Am 2. Dezember 2015, kurz nachdem die Türkei einen russischen Kampfjet abgeschossen hatte, holte Anatolij Antonow zum Rundumschlag aus: Er griff den türkischen Präsidenten persönlich an und warf Recep Tayyip Erdogan und seiner Familie vor, Helfershelfer des internationalen Terrorismus zu sein.

Erdogan und sein Umfeld seien in Ölgeschäfte mit dem "Islamischen Staat" (IS) verwickelt, sagte Russlands Vize-Verteidigungsminister Antonow. Es habe sich herausgestellt, dass die Türkei "Hauptkonsument des Erdöls ist, das der IS seinen rechtmäßigen Besitzern in Syrien und dem Irak geklaut hat". Und weiter: "Den verfügbaren Informationen zufolge ist die führende politische Klasse, darunter Präsident Erdogan und seine Familie, in diesen illegalen Handel verstrickt."

Eineinhalb Jahre später ist vieles anders: Erdogan und Präsident Wladimir Putin zelebrieren den Schulterschluss, sie brauchen einander im Syrien-Krieg; in den USA versucht sich Geschäftsmann Donald Trump als Präsident; und Antonow wird Russland bald verlassen, ab 1. September wird er Moskaus neuer Botschafter in Washington.

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Der 62-Jährige übernimmt den Posten in einer Zeit, in der die russisch-amerikanischen Beziehungen auf einem Tiefpunkt angelangt sind. Washington und Moskau überziehen sich seit Monaten mit Strafmaßnahmen, nachdem US-Geheimdienste über die russischen Versuche berichtet hatten, die US-Präsidentschaftswahl zu beeinflussen.

Spirale der Sanktionen

Am Montag kündigte die Moskauer US-Botschaft an, bis Ende des Monats keine Touristen-, Studenten-, und Arbeitsvisa mehr zu vergeben. Ab 1. September werden diese Visa nur noch von der Vertretung in der russischen Hauptstadt vergeben. Dadurch müssen Antragssteller nun teils Tausende Kilometer anreisen, die Wartezeiten verlängern sich. Die US-Botschaft begründete die Maßnahmen damit, ihre Arbeit neu organisieren zu müssen.

Putin hatte angeordnet, dass die Zahl der Mitarbeiter an den vier US-Vertretungen um 750 auf 455 Stellen verringert werden muss - eine Reaktion auf die neuen US-Sanktionen des Kongresses. Betroffen sind, wie bei der nun komplizierter werdenden Visa-Vergabe, vor allem Russen: Insbesondere die russischen Ortskräfte werden ihre Jobs als zum Beispiel Sachbearbeiter und Schreibkräfte verlieren.

Harter Verhandler

Im Vergleich zu seinem Vorgänger Sergej Kisljak, ein Netzwerker, der Dinner-Diplomatie vorzog und die Öffentlichkeit weitgehend mied, wird erwartet, dass mit Antonow der Stil direkter und lauter werden könnte. Kisljak muss Washington verlassen, er ist zu einer Belastung in den russisch-amerikanischen Beziehungen geworden. Es war bekannt geworden, dass er sich mehrmals mit Mitgliedern aus Trumps Wahlkampfteam getroffen hatte, unter anderem mit dem späteren Sicherheitsberater des US-Präsidenten, Michael Flynn. Der war nach wenigen Wochen im Amt zurückgetreten, weil er es bei den Angaben über seine Kontakten zu Kisljak mit der Wahrheit nicht allzu genau nahm.

Antonow gilt als harter Verhandler. Diesen Ruf hat sich der Experte für biologische, chemische und nukleare Waffen vor allem in der Zeit erworben, als er mit den USA den neuen Start-Vertrag zur atomaren Abrüstung aushandelte. 2011 unterzeichneten die damaligen Präsidenten Barack Obama und Dimitrij Medwedew das Abkommen. In dem Jahr wechselte Antonow, ein erfahrener Diplomat, der seit 1978 im Dienst des Außenministeriums steht, erst für die UdSSR, später für Russland, in das Verteidigungsministerium.

Dort, im Rang eines Generals, machte der Vizeminister mit öffentlichen Äußerungen nicht nur zu Erdogan auf sich aufmerksam. Er wetterte im Ukraine-Krieg gegen die Nato, behauptete, Flug MH17 sei von Kiewer Regierungstruppen abgeschossen worden, durch die Trägheit der Masse aber noch mehrere Minuten geflogen und deshalb im prorussischen Separatistengebiet abgestürzt. Inzwischen gehen internationale Ermittler davon aus, dass es Separatisten waren, die die Maschine mit 298 Passagieren abgeschossen haben. Die EU setzte den Hardliner Antonow im Februar 2015 auf ihre Sanktionsliste.

Wer ist der größte Patriot?

Im Verteidigungsministerium, wo er bis Ende 2016 blieb, galt er als einer, der versuchte sich als größter Patriot der Behörde einen Namen zu machen, was ihm den Namen "Bullterrier" einbrachte, wie die "Moscow Times" berichtet. Im Kreml schätzt man die Loyalität und Sachkenntnis Antonows, der fließend Englisch und Burmesisch spricht. Es gilt als Vorteil, dass er mit Militärs zusammengearbeitet hat und deren Arbeitsweise kennen lernte, denn auch Trump hält viel von den Worten seiner Generäle.

Antonows Ernennung als neuer Botschafter in den USA soll bereits seit Monaten vorbereitet worden sein, berichten russische Medien. Im vergangenen Jahr rechnete Moskau noch mit Hillary Clinton als US-Präsidentin.

Zuletzt war es ruhiger um Antonow geworden. In Washington soll er nun gemäß Putins Direktive Augenhöhe einfordern: "Ohne Russland kann man heute keine Probleme lösen", sagte Antonow mal in einem Interview.



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