Wahl in Tschechien "Babisconi" greift nach der Macht

Wenn Tschechien wählt, wird es exotisch. Frustriert vom politischen Personal votiert das Volk oft für Außenseiter. Bei der Abstimmung am Freitag hat ein Newcomer beste Chancen: Andrej Babis, zweitreichster Mann des Landes. Außerdem zählen ein Graf und Beton-Kommunisten zu den Favoriten.

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Prag - Andrej Babis heißt der neue Shooting-Star der Prager Politik. Er sagt: "Ich habe überhaupt kein Interesse an minderjährigen Mädchen."

Babis muss sich danach fragen lassen, denn viele sehen in ihm eine Art Silvio Berlusconi von der Moldau: "Babisconi" nannte ihn jüngst eine Boulevardzeitung.

Tatsächlich gibt es einige Ähnlichkeiten zwischen dem Tschechen und dem Italiener: Babis ist Milliardär, Tschechiens zweitreichster Mann. Er hat sein Glück allerdings in der Landwirtschaft gemacht - mit Getreide, Milch, Fleisch und Düngemitteln. In Deutschland gehört ihm die Großbäckerei Lieken, unlängst hat er Millionen in einen Medienkonzern investiert. Auch Prags größte Zeitung "Mlada Fronta Dnes" gehört jetzt ihm, und er will in die Politik.

Mit viel Geld hat er seine Partei "Ano" - das heißt auf Tschechisch ja und bedeutet "Aktion der unzufriedenen Bürger" - aus dem Boden gestampft. Ano verzeichnet kurz vor der Parlamentswahl hervorragende Umfragewerte. Die Partei könnte zweit- oder drittstärkste Kraft im Abgeordnetenhaus werden.

Der Milliardär ist nicht der erste Außenseiter an der Moldau, der überraschend zum Favoriten heranwächst. Die Tschechen sind über ihre politische Klasse so verzweifelt, dass sie auf jeden setzen. Hauptsache, er ist nicht extrem und gehört nicht zum Establishment.

"Ich will das Land führen wie eine Firma"

Seit Jahren jagt eine Affäre die nächste, die Parlamentswahlen wurden angesetzt, weil Premier Petr Necas im Sommer im Zuge eines wüsten Skandals zurücktreten musste. Spezialeinheiten durchsuchten sein Büro. Seine Stabschefin und Geliebte soll Abgeordnete bestochen haben. Seine in Trennung lebende Frau ließ sie wohl vom Geheimdienst überwachen.

Babis Erfolg ist umso erstaunlicher, denn eigentlich hat er gar nichts zu sagen: "Ich will das Land führen, wie eine Firma", tönt er, und dass Tschechien nicht mehr von Politikern regiert werden dürfe, "die nie gearbeitet haben".

Aber auf konkrete Inhalte kommt es in der tschechischen Politik überhaupt nicht an.

Anfang des Jahres ergatterte Milos Zeman das Amt des Präsidenten. Der Mann war einst schon einmal Premier gewiesen und dann für eine Weile aus der Politik ausgestiegen. Um Staatsoberhaupt zu werden, musste er nichts weiter tun, als sich volkstümlich geben: Zeman trinkt, "sechs Gläser Wein und zwei Stamperln Pflaumenschnaps", bekannte er. Zeman poltert, beschimpfte Gegner schon mal als "Hyänen". Zeman raucht, 40 Zigaretten am Tag. Unlängst verblüffte er seine Landsleute in einer Rede mit der Erkenntnis, dass rauchen nicht schädlich sei, wenn man nur nach dem 27. Lebensjahr und nicht früher damit beginne.

Wahlforscher rechnen mit bis zu zehn Fraktionen

Viel seriöser und doch ein Außenseiter ist Fürst Karel zu Schwarzenberg mit seiner Partei Top09. Die Tschechen wählen den liebenswürdig-schratigen Alten und seine Partei, obwohl er ihre Sprache mit leichtem deutschen Akzent spricht. Als Angehöriger des europäischen Hochadels hat er neun Vornamen und musste unter den Kommunisten lange im Exil leben.

Paradoxerweise gelten heute selbst die Machthaber von damals als Außenseiter: Tschechiens Kommunisten haben seit der Wende Hammer und Sichel im Parteilogo gegen Kirschen getauscht und sich sonst nicht geändert. Sie gelten als Europas einzige nicht-gewendete KP. Auf ihnen lastet seit der Wende ein Stigma. Niemand traute sich, mit den Unterdrückern von einst zu koalieren - und nun stehen sie mit weißer Weste da, frei von Skandalen und Affären. Sie können mit ähnlich vielen Stimmen rechnen wie der Milliardär Babis.

Wahlforscher rechnen damit, dass die Parteienlandschaft im tschechischen Parlament zerklüftet sein wird: Bis zu zehn Fraktionen könnte es geben, die Sozialdemokraten mit Parteichef Bohuslav Sobotka werden die stärkste sein, aber sie werden es schwer haben, eine verlässliche Regierungskoalition zu schmieden. Ob Babis dabei eine wichtige Rolle spielt, ist schwer zu sagen: Ihm fehlt die Machtgier und Verschlagenheit eines Berlusconi.

insgesamt 18 Beiträge
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henrik-flemming 25.10.2013
1. um..
heisst das Land nicht czechische Republik.. nur um Missverständnisse zu vermeiden
iman.kant 25.10.2013
2. Die Tschechien
sind den Deutschen in vielen Dingen sehr ähnlich. Tschechien gilt als verlängerte Werkbank der Deutschen. Die Arbeitsmentalität ist hier stark durch Deutschland geprägt, bzw. könnte man geschichtlich sehen dass Deutschland eine ähnliche Arbeitsmoral von den Tschechen übernommen hat. Vor dem zweiten Weltkrieg war Tschechien eine der stärksten Wirtschaften im europäischen Raum. Wenn man hier als Deutscher Tourist durch Prag geht und mit den Tschechen redet erkennt man auf Anhieb viele Gemeinsamkeiten. Man ist versucht die Tschechen beinahe als Deutsche wahrzunehmen. Es gibt aber dennoch gravierende Unterschiede. Die Tschechen wurden über Jahrhunderte entweder von der Österreichisch Habsburgischen Monarchie, den Nazis und am Schluss von der Sowjetischen Regierung unterdrückt. Dies hat nachhaltige Spuren hinterlassen. Tschechien steht also noch sehr am Beginn einer Demokratisierung. Extreme wie wir sie in den vergangenen Regierungen gesehen haben gehören damit auch dazu.
peterluxx 25.10.2013
3.
Es ist garnicht lustig, wenn unsere Nachbarn - Tschechen, Österreicher, Franzosen - immer mehr dazu übergehen, aus Frust und Dollerei bei Wahlen "Denkzettel" zu verteilen, indem sie schräge Gestalten wie Rassisten, Altkommunisten, sich langweilende Milliardäre in die Parlamente hieven.....
pojarkow 25.10.2013
4. Besser kümmern
Die deutsche Politik sollte sich mehr um unsere Nachbarn kümmern -- das sagt vor ein paar Jahren Helmut Schmidt. Wann waren denn Merkel oder Westerwelle zuletzt in Prag oder Kopenhagen, in Den Haag oder Bratislava? Der Austausch und die Kooperation mit diesen Ländern und vor allem den Menschen müsste auf allen Ebenen viel intensiver sein und gute Beziehungen mit ihnen sollten im öffentlichen Bewusstsein nicht nur in den Grenzregionen eine viel stärkere Rolle spielen, wie es z.B. mit Frankreich der Fall ist. Die Kritik gilt deshalb auch für die Medien. Warum hat uns Spiegel Online nicht über diese Affären im Nachbarland informiert? Wenn Putin im Kreml einen Pubs lässt, dann erfahren wir es sofort -- jedenfalls wenn es sich eignet, die russische Politik zu diskreditieren. Was sich in Prag, Budapest oder Bratislava oder auch in Kopenhagen, Wien oder Den Haag ereignet, darüber werden wir nur ausgesprochen spärlich unterrichtet. Schade eigentlich.
henkel-franklin 25.10.2013
5. Nein es ist gerade notwendig!
Zitat von peterluxxEs ist garnicht lustig, wenn unsere Nachbarn - Tschechen, Österreicher, Franzosen - immer mehr dazu übergehen, aus Frust und Dollerei bei Wahlen "Denkzettel" zu verteilen, indem sie schräge Gestalten wie Rassisten, Altkommunisten, sich langweilende Milliardäre in die Parlamente hieven.....
Denn es ist gefährlich für jede Demokratie, wenn es so etwas wie etablierte Parteien gibt, welche meinen, dass ihnen ein Platz im Parlament zusteht. Nein der Souverän hat die Macht, und wenn das Parlament gegen das Volk agiert, muss es vom Volk abgewählt werden. Alles andere, auch wenn es gut gemeint ist ist eben nur Faschismus!
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