Krisenstab im Auswärtigen Amt: Zwei deutsche Rentner in Kolumbien verschleppt

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Zwei deutsche Rentner sind in Kolumbien gekidnappt worden. Das bestätigte jetzt das Auswärtige Amt und schaltete einen Krisenstab ein. Zur Tat hat sich die ELN bekannt. Seit 50 Jahren verübt die Guerilla-Truppe Anschläge, ermordet Amtsträger - und erpresst Lösegeld.

Bogotá - Die Entführung von zwei Deutschen in Kolumbien hat das Auswärtige Amt alarmiert. Außenminister Guido Westerwelle hat einen Krisenstab eingeschaltet, "der mit allen relevanten Stellen in Kontakt ist und intensiv um Aufklärung bemüht ist", sagte eine Sprecherin zu SPIEGEL ONLINE nach ersten Meldungen aus Kolumbien. Am Nachmittag folgt die offizielle Bestätigung durch das Ministerium: "Bei den beiden deutschen Staatsangehörigen handelt es sich um Rentner, die als Touristen in der Region unterwegs waren."

Bis jetzt sind kaum weitere Details über die Tat bekannt. Die kolumbianische Guerilla-Gruppe Nationale Befreiungsarmee (ELN) hat erklärt, sie hielte bereits "seit Wochen" zwei Deutsche gefangen. Diese hätten sie im Nordosten des Landes nahe der venezolanischen Grenze aufgegriffen, behauptet die ELN: "Sie haben ihren Aufenthalt in dem Gebiet nicht erklären können, daher betrachten wir sie als Geheimdienstagenten." Präsident Juan Manuel Santos rief die ELN auf, alle ausländischen Geiseln freizulassen. "Wer soll denn glauben, dass zwei Deutsche hier in Kolumbien spionieren? Das ist ein Vorwand, den hier niemand akzeptieren oder verstehen kann."

Seit einem halben Jahrhundert tobt in Kolumbien ein blutiger Bürgerkrieg. Millionen Menschen sind vor den Kämpfen zwischen Guerilla und Regierungsarmee sowie Paramilitärs geflohen. Die größten Guerilla-Organisationen sind Farc und ELN - beide werden von den USA und der Europäischen Union als "Terrorgruppen" eingestuft.

Wer ist die ELN? Was treibt sie an? Antworten auf die wichtigsten Fragen:

Was ist die ELN?

Die Gruppe Ejército de Liberación Nacional (zu Deutsch: Nationale Befreiungsarmee, ELN) ist die zweitgrößte in Kolumbien agierende Guerilla-Armee. Sie gilt ebenso wie die Farc heute als geschwächt.

Die ELN hatte in den neunziger Jahren schätzungsweise bis zu 5000 Kämpfer, diese Zahl ist rapide gesunken. 2009 waren es nach Schätzungen des Council on Foreign Relations 2200 bis 3000 Mitglieder, Ende 2012 nach Informationen des kolumbianischen Verteidigungsministeriums nur noch 1500.

Die Gruppe wurde Mitte der sechziger Jahre von Studenten, katholischen Radikalen und linken Intellektuellen gegründet. Ihr Vorbild: die kubanischen Revolutionäre um Fidel Castro. Ihr erklärtes Ziel: das Elend der Kleinbauern bekämpfen. Der bekannte kolumbianische Priester Camilo Torres schloss sich den Rebellen Mitte der sechziger Jahre an, weil er glaubte, die sozialen Verhältnisse in Kolumbien könnten nur durch eine Revolution geändert werden. Torres wurde 1966 von der Armee erschossen.

Was sind die Ziele der ELN?

Die ELN ist insbesondere im ölreichen Nordosten des südamerikanischen Landes aktiv. Sie fordert vor allem die gerechtere Verteilung von Ressourcen - sie griff daher oft ausländische Erdölgesellschaften an, sprengte Pipelines in die Luft und verlangte die Verstaatlichung kolumbianischer Ölfelder.

Über die Jahrzehnte des Bürgerkriegs traten die politischen Ziele der Rebellen zunehmend in den Hintergrund. Erst Entführungen und später auch der Kokainhandel wurden Haupteinnahmequellen der Milizen. Amnesty International wirft der Gruppe schwere Menschenrechtsverstöße vor, darunter die Beseitigung von Gegnern, Geiselnahmen, das Rekrutieren von Kindersoldaten.

Außerdem ist die ELN für unzählige Morde verantwortlich: Bürgermeister und andere Amtsträger wurden erschossen, Zivilisten bei Anschlägen getötet, vermeintliche Verräter hingerichtet. Die Zivilbevölkerung, die die Guerilleros angeblich schützen wollten, litt immer mehr unter ihnen. Die ELN verminte Felder, nutzte Dörfer als Deckung - und nahm den Tod von Unschuldigen billigend in Kauf.

Welche Rolle spielen Entführungen?

Mit Entführungen verdiente die ELN in den vergangenen Jahrzehnten viel Geld. Mal wurde ein Flugzeug gekapert, mal Kirchgänger während einer Messe verschleppt. Oft wurden wohlhabende Kolumbianer verschleppt, um Lösegeld zu erpressen. Unter den Opfern sind aber immer wieder auch Ausländer - auch Deutsche. Im Mai 1988 etwa entführten die ELN unter anderem zwei deutsche Honorarkonsuln. Pro Jahr sollen in den neunziger Jahren Dutzende Ausländer verschleppt worden sein.

Aufsehen erregte die Entführung eines deutschen Angestellten der Düsseldorfer Firma Mannesmann Anlagenbau AG 1984. Der Konzern wollte eine Pipeline durch von ELN kontrolliertes Gebiet bauen. Mannesmann soll unter anderem Millionen Dollar Lösegeld gezahlt haben. Die kolumbianische Regierung warf der Firma vor, dass die geschwächte ELN sich damit wieder habe aufbauen können.

Die wohl bekannteste Entführung der vergangenen Jahre ereignete sich 2002 - verübt von der Farc. Die kolumbianisch-französische Grünenpolitikerin Ingrid Betancourt wurde von Rebellen entführt, konnte erst sechs Jahre später zusammen mit 14 anderen Geiseln befreit werden.

Die Zahl der Entführungen ist laut Kolumbiens Präsident Santos aber in den vergangenen Jahren "um 90 Prozent zurückgegangen". In einem Interview mit dem SPIEGEL sagte er 2011: "Vor zehn Jahren galten wir als nahezu gescheiterter Staat, heute sind wir eine lebendige Demokratie."

Die neue Entführung von zwei Deutschen durch die ELN torpediert die Bemühungen Kolumbiens, sich als friedlicher Staat zu präsentieren. Kolumbien-Expertin Sabine Kurtenbach vom Giga Institut Hamburg vermutet, die ELN versuche jetzt, neue Aufmerksamkeit zu erlangen: "Es könnte ein Mittel sein, um in die Medien zu kommen und nicht vergessen zu werden."

Wie ist die Situation heute?

Mit milliardenschweren Hilfen aus den USA hat die Vorgängerregierung eine Offensive gegen die Guerilla gestartet und sie deutlich schwächen können. Mehrmals gab es den Versuch, Frieden zu stiften zwischen der Regierung und den Guerillagruppen. Auch im deutschen Himmelpforten gab es 1998 Gespräche zwischen Unterhändlern der ELN und Vertretern der Regierung. Friedensgespräche scheiterten jedoch immer wieder.

Nun gibt es trotz berechtigter Skepsis neue Gespräche zwischen Regierung und Farc. Experten sind vorsichtig optimistisch. Die Guerilla ist geschwächt. "Das militärische Kräfteverhältnis hat sich in den vergangenen Jahren dramatisch verändert. Die Farc sind nach ihrem unaufhaltsam erscheinenden Aufschwung in den achtziger und neunziger Jahren von der politischen Machterlangung so weit entfernt wie in ihren Anfängen," meint Stefan Jost, der bis 2012 Leiter des Büros der Konrad-Adenauer Stiftung in Bogotá war.

Beide Verhandlungspartner wissen: Militärisch ist der Konflikt nicht zu gewinnen. Die Farc-Rebellen könnten nun die Chance ergreifen, sich ins politische Leben einzugliedern und so ihre Ziele auf anderen Wegen zu verfolgen. Präsident Santos erklärte dazu in seinem SPIEGEL-Interview von 2011: "Wenn die Guerilleros verhandeln wollen, ist die Tür nicht geschlossen. Aber sie müssen beweisen, dass sie ernsthaft zu einem Abkommen bereit sind. Angebote früherer Regierungen haben sie missbraucht, um sich wieder zu bewaffnen."

Die ELN erklärte, an den neuen Gesprächen ebenfalls teilnehmen zu wollen - bislang ist sie aber nicht involviert. Sabine Kurtenbach vom Giga Institut Hamburg sagt: Friedensgespräche mit der ELN machten zum jetzigen Zeitpunkt wenig Sinn. "Es muss sich erst mal zeigen, wie es mit der Farc vorangeht", sagt Kurtenbach.

Die International Crisis Group hat vor einigen Jahren gewarnt, die ELN habe in den vergangenen Jahren immer wieder gezeigt, dass sie "überlebe und sich wieder belebe", nachdem sie schon für tot erklärt worden war.

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1. Deutsche Rentner
holde 05.02.2013
Was suchen deutsche Rentner in Kolumbien? wie jene vor rd. 2 Jahren in Mali? Man kann nur hoffen, dass die Kosten, einschl. fuer den Krisenstab nicht von den Steuerzahlern finanziert werden. Hier gibt es auch Wald und der wird so was von geschuetzt, es lohnt sich diesen Wald zu besichtigen!
2.
meinmein 05.02.2013
Vor allem sollte die kolumbianische Regierung verbieten, den Rebellen Geld zu zahlen, nicht nur Steuergelder, sondern auch privates Lösegeld. Wer die Rebellen mit Geldzahlungen unterstützt, wird genauso behandelt wie diese. Jeder der nach Kolumbien reist, kennt das Risiko und warum sollen andere dafür haften?
3. Deutsche Rentner
Pandora0611 05.02.2013
Zitat von sysopZwei deutsche Rentner sind in Kolumbien gekidnappt worden.
---Zitat--- „Bei den beiden deutschen Staatsangehörigen handelt es sich um Rentner, die als Touristen in der Region unterwegs waren“, sagte eine Sprecherin des Ministeriums am Dienstag in Berlin. ---Zitatende--- Und hier spricht man über "Altersarmut" und daß Rentner Mülltonnen nach Pfandflaschen durchwühlen. Aber in Kolumbien überwintern. ...
4.
klaushelmutd 05.02.2013
Zitat von Pandora0611Und hier spricht man über "Altersarmut" und daß Rentner Mülltonnen nach Pfandflaschen durchwühlen. Aber in Kolumbien überwintern. ...
Das ist ziemlich kurz gedacht - wo Deutsche Menschen ihrer Meinung nach leben dürfen und/oder ihren Urlaub verbringen. Unsere Freunde haben mehr als 30 Jahre lang in Bogota an Deutsche gelebt und an der Deutschen Botschaft gearbeitet. Jetzt verleben sie ihren "Lebensabend" dort, weil in Columbien die Familien, Kinder und Enkelkinder wohnen - was sollten sie also in Deutschland? Deshalb sollten sie auch im Land reisen dürfen, ohne sich von ihrer Kritik daran hindern zu lassen. Nicht jeder "Columbien-Reisende" ist Drogenschmuggler, oder Abenteuerurlauber.
5.
klaushelmutd 05.02.2013
Zitat von meinmeinVor allem sollte die kolumbianische Regierung verbieten, den Rebellen Geld zu zahlen, nicht nur Steuergelder, sondern auch privates Lösegeld. Wer die Rebellen mit Geldzahlungen unterstützt, wird genauso behandelt wie diese. Jeder der nach Kolumbien reist, kennt das Risiko und warum sollen andere dafür haften?
Sollte Deutschen, die seit über 30 Jahren in Kolumbien leben - jetzt ihrer Meinung nach das Reisen verboten werden? Hier leben Deutsche, die teilweise ihr Leben lang für die Deutsche Botschaft in Bogota gearbeitet haben - sollen die sich jetzt für den Rest ihres Lebens einschließen? Ein wenig kurz gedacht - finden sie nicht? Nicht jeder Deutsche der in Kolumbien reist, ist Drogenkurier oder Abenteuerurlauber wenn sie gestatten.
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Hauptstadt: Bogotá

Staats- und Regierungschef: Juan Manuel Santos

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