Angeblicher WikiLeaks-Informant: Manning besaß Kopien belastender Chat-Logs

Hat Bradley Manning sein eigenes Geständnis aufbewahrt? Dem US-Soldaten wird vorgeworfen, geheimes Material an WikiLeaks weitergegeben zu haben. Dem Magazin "Wired" zufolge liegt der Anklage ein Chat-Protokoll vor, in dem Manning sich selbst belastet - gespeichert war es auf seinem Computer.

US-Soldat Bradley Manning: WikiLeaks-Informant erstmals vor Militärgericht Fotos
AFP

Es sieht nicht gut aus für Bradley Manning. Wenn es stimmt, was ein Zeuge der Anklage am Samstag beim Prozess gegen den ehemaligen Obergefreiten enthüllt hat, dann dürfte an der Schuld Mannings im Sinne der Anklage kaum noch Zweifel bestehen. Manning wird vorgeworfen, gewaltige Mengen von geheimen und vertraulichen Daten aus einem internen Netzwerk der US-Behörden an WikiLeaks weitergegeben zu haben. Im Mai 2010 soll Manning im Chat mit dem US-Hacker Adrian Lamo bekannt haben, er sei die Quelle all der Informationen gewesen. Das Geständnis im Chat ist ein zentrales Beweisstück der Anklage. Lamo wird als Zeuge auftreten.

Bei den Anhörungen, die derzeit in Fort Meade im US-Staat Maryland stattfinden, geht es zunächst nur um die Frage, ob Manning vor ein Kriegsgericht gestellt werden kann. Geschieht das und wird er verurteilt, droht ihm lebenslange Haft.

"Wired" berichtet nun, die Ermittler hätten auf einem Rechner, den Manning benutzte, eine Kopie der Chat-Aufzeichnung der getippten Gespräche mit Lamo gefunden. Hacker Lamo hatte seine Kopie der Chat-Logs bereits im Mai 2010 den US-Behörden übergeben und damit die Ermittlungen gegen Manning erst ins Rollen gebracht. WikiLeaks-Gründer Julian Assange und andere Unterstützer Mannings hatten immer wieder insinuiert, die Chat-Logs seien Fälschungen, die hergestellt worden seien, um Manning zu belasten. "Wired" hatte eine von Lamo zur Verfügung gestellte Kopie der gesamten Chat-Konversation schon im Juli 2011 ins Netz gestellt.

Die Chat-Logs sind auch für Julian Assange persönlich von Belang

Für Julian Assange sind die Chat-Logs und der Fall Manning unter Umständen persönlich relevant: In den USA ermitteln die Justizbehörden gegen ihn, arbeiten an einer Anklage. Um ihn jedoch in den USA vor Gericht zu stellen, müsste man dem WikiLeaks-Gründer wohl Verschwörung zum Geheimnisverrat nachweisen. Sollte sich glaubhaft machen lassen, dass Assange Manning zur Weitergabe der Daten überredet hat, könnte dies den Australier belasten, der derzeit in England gegen eine Auslieferung nach Schweden wegen Vergewaltigungsvorwürfen kämpft. In den Chat-Logs, die Lamo den Behörden übergeben hat, findet sich beispielsweise auch dieser Satz, den Manning über den "verrückten weißhaarigen Australier" getippt haben soll: "Ich bin eine hochrangige Quelle … und ich habe eine Beziehung zu Assange entwickelt." Zu den Dateien, die Manning an WikiLeaks weitergegeben haben soll, gehörten neben einem Video aus der Bordkamera eines Kampfhubschraubers auch Botschaftsdepeschen von US-Diplomaten und militärische Dokumente über die Kriege im Irak und in Afghanistan. Diverse internationale Medien, darunter der SPIEGEL, hatten die Dokumente eingesehen, Analysen und Teile der Originalpapiere veröffentlicht.

"Wired" zufolge fanden die Ermittler weitere Beweisstücke auf Rechnern und Speichermedien aus Mannings Besitz. Auf einer SD-Speicherkarte, die im Haus von Mannings Tante gefunden worden sei, habe man weitere als geheim eingestufte Informationen gefunden. Reuters zufolge fand sich in Mannings Besitz auch das Video aus der "Gun Camera" eines US-Kampfhubschraubers, das einen Angriff auf Zivilisten im Irak zeigt, bei dem 2007 auch zwei Reuters-Mitarbeiter getötet worden waren. WikiLeaks veröffentlichte das Video schließlich unter dem Titel "Collateral Murder". Eine Zeugin der Anklage, die Militärpolizistin Toni Graham, sagte im Rahmen einer telefonisch übermittelten Aussage: "Jetzt haben es über fünf Millionen Menschen gesehen", und die seien alle "nicht autorisierte Personen".

Suchanfragen aus der internen Suchmaschine gespeichert

Zudem liegen der Anklage "Wired" zufolge Logdateien aus einer internen Suchmaschine des US-Geheimdienstes vor, mit dem Analysten das Regierungsnetzwerk SIPRNet durchsuchen können. Diese Logdateien enthielten detaillierte Informationen darüber, welche Suchanfragen von Mannings Arbeitsplatz aus gestellt worden seien. Details über die Suchanfragen selbst wurden am Samstag aber offenbar nicht mitgeteilt.

Manning hatte im Irak als Analyst für das Militär gearbeitet. Die US-Behörden werfen ihm vor, geheime Informationen an WikiLeaks weitergereicht und damit die nationale Sicherheit gefährdet zu haben. Zu den insgesamt 22 Anklagepunkten gegen Manning zählt auch "Unterstützung des Feindes". Sollte Manning verurteilt werden, könnte er den Rest seines Lebens im Gefängnis verbringen müssen.

Nach seiner Festnahme war Manning zunächst in einem Militärgefängnis in Kuwait, dann in einer Einzelzelle auf dem Stützpunkt Quantico im Bundesstaat Virginia inhaftiert. Nach Protesten von Menschenrechtsaktivisten gegen die Haftbedingungen verlegte die Armee Manning im Frühjahr in das Militärgefängnis Fort Leavenworth in Kansas. Unterstützer Mannings hatten immer wieder erklärt, seine Haftbedingungen grenzten an Folter.

Manning selbst verhielt sich während des ersten Tages der Anhörungen still, machte sich lediglich Notizen und sprach gelegentlich leise mit seinem Anwalt. Manning wurde am Samstag 24 Jahre alt. Die Anhörung wird am heutigen Sonntag fortgesetzt.

cis/reuters/AFP

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 55 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Angeblicher WikiLeaks-Informant: Manning besaß Kopien belastender Chat-Logs
eisenfuss1 18.12.2011
Typen wie Manning gefährden ausschließlich fehlerhaft und unmoralisch handelnde Menschen, die auch Befehle missachten - es sei denn, der Zivilistenmord war von oben befohlen oder gewünscht. Herr Manning und Kollegen beweisen der Welt, dass man den Menschen der USA vertrauen darf und auf sie setzen kann. Egal, was in Mannings Kopf vorgegangen ist, er repräsentiert das Positive in der USA.
2. ...
-mowgli- 18.12.2011
Nachdem Assange zuvor von gefälschten Logs redete, wird er jetzt natürlich behaupten, dass man Manning diese Logs untergeschoben hat. Der arme Kerl ist ja von Verschwörungen nur so umzingelt.
3. Die Beteiligten ...
Stompf 18.12.2011
Zitat von -mowgli-Nachdem Assange zuvor von gefälschten Logs redete, wird er jetzt natürlich behaupten, dass man Manning diese Logs untergeschoben hat. Der arme Kerl ist ja von Verschwörungen nur so umzingelt.
Die Beteiligten haben keine Geheimdokumente veröffentlicht, sondern zur Aufklärung von Schandtaten beigetragen.
4. Kolatteralschäden unterstützen des Feind
ky3 18.12.2011
Jeder fahrlässig verursachte Kolatteralschaden ist eine "Unterstützung des Feindes". Weil aus dem entstanden Wut-Trauer-Gemisch nicht selten ein rachsüchtiger Terrorist entsteht. Armes Amerika, wo sind Deine Werte?
5. Kriegsverbrechen
waltz 18.12.2011
Wir nehmen die Anklage und drohende Lebenslängliche Haft eines Mannes, der Dokumente unserer Transatlantischen Freunde, über Kriegsverbrechen, in die Öffentlichkeit bringt, nebenbei zur Kenntnis und widmen uns dann wieder der Rolex unseres Bundespräsidenten.. Man stelle sich vor, es handelte sich um einen Russischen Soldaten, der für das gleiche Vergehen von Putin angeklagt würde. Das Geschrei wäre riesengroß. Als 2010 Tzipi Livni und Netanjahu ihren Wahlkampf im Gazastreifen austrugen und das über 1000 Zivilisten das Leben kostete, zuckten wir mit den Schultern. Schließlich haben wir hier ja eine besondere Verantwortung (wegzuschauen). Wenn im Iran Demonstranten verprügelt werden, bilden wir Lichterketten vor Betroffenheit. Undsoweiter undsofort.. Wir sind noch weit von den Werten dieser Wertegemeinschaft entfernt, die wir so gern als Vorbild in die Welt tragen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema Chelsea (Bradley) Manning
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 55 Kommentare

Fläche: 9.632.000 km²

Bevölkerung: 310,384 Mio.

Hauptstadt: Washington, D.C.

Staats- und Regierungschef: Barack Obama

Vizepräsident: Joseph R. Biden

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon | USA-Reiseseite


Buchtipp

Marcel Rosenbach, Holger Stark:
Staatsfeind WikiLeaks
Wie eine Gruppe von Netzaktivisten die mächtigsten Nationen der Welt herausfordert.

DVA; 336 Seiten; 14,99 Euro
ISBN 978-3-421-04518-8, Erscheinungstermin: 24.01.2011.

Einfach und bequem: Direkt im SPIEGEL-Shop bestellen.


"Staatsfeind WikiLeaks": Zur Leseprobe