Kanzlerin in Griechenland Warum Tsipras jetzt Merkel mag

Sein Anti-Merkel-Kurs brachte Alexis Tsipras in Athen an die Macht. Das war vor Jahren, in der Schuldenkrise. Doch jetzt setzt Griechenlands angeschlagener Premier große Hoffnungen in den Besuch der Kanzlerin.

Merkel und Tsipras (Aufnahme vom März 2017)
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Merkel und Tsipras (Aufnahme vom März 2017)

Von , Thessaloniki


"Wahre Freunde tauchen in schwierigen Zeiten auf." An dieses griechische Sprichwort mag Alexis Tsipras denken, wenn Angela Merkel jetzt für zwei Tage nach Griechenland kommt. Denn die Kanzlerin trifft in Athen auf einen Regierungschef, der sich in der schwierigsten Amtsphase seit seiner Wiederwahl vor dreieinhalb Jahren befindet.

Denn Tsipras läuft Gefahr, seinen Koalitionspartner Panos Kammenos zu verlieren. Der Verteidigungsminister, Chef der kleinen rechten Partei "Unabhängige Griechen", ist wütend über eine Vereinbarung im Namensstreit zwischen der Tsipras-Regierung und dem Nachbarland Mazedonien. Er lehnt den ausgehandelten Kompromiss vehement ab.

Verlässt Kammenos die Regierung, droht Tsipras die Mehrheit im Parlament zu verlieren. Tsipras kündigte an, Kammenos am Freitag zu fragen, ob er die Regierung weiter unterstütze. Bei einem Nein werde er im Parlament die Vertrauensfrage stellen. Bei einer Niederlage wären vorgezogene Wahlen vor dem eigentlich geplanten Termin im Oktober wahrscheinlich.

In den Umfragen fällt die linke Syriza-Partei von Tsipras immer weiter hinter den oppositionellen Konservativen zurück. Eine Wahlniederlage scheint möglich - trotz etlicher populärer Regierungsbeschlüsse in Höhe von mehreren Hundert Millionen Euro. Aber Griechenland bleibt auch noch Monate nach dem Ende des EU-Rettungsprogramms vom Kapitalmarkt ausgeschlossen.

Griechenlands Verteidigungsminister Kammenos
REUTERS

Griechenlands Verteidigungsminister Kammenos

Tsipras hofft, dass Merkel ihm in seiner unangenehmen Lage helfen kann. Er setzt auf ein Vertrauenssignal der Kanzlerin in die griechische Wirtschaft - als Zeichen für Investoren, dass das Land auf dem richtigen Weg ist.

Die Feindseligkeit ist lange her

Um das Klima zwischen Athen und Berlin nicht zu verschlechtern, hat Tsipras eine anstehende Abstimmung im griechischen Parlament über Reparationsansprüche an Deutschland für NS-Kriegsverbrechen verschoben.

All das zeigt den erstaunlichen Wandel in der Beziehung zwischen Merkel und Tsipras seit dem letzten offiziellen Besuch der Kanzlerin in Griechenland im Jahre 2014. Damals war Merkel unbestritten die mächtigste Politikerin Europas und Tsipras ein junger Außenseiter, der gegen ihren rigiden Sparkurs kämpfte. Schon wenige Monate später sollte ihn sein Anti-Merkel-Kurs in Athen an die Macht bringen.

Doch diese Feindseligkeit scheint eine Ewigkeit her zu sein. In der Zwischenzeit half Merkel, den Grexit abzuwehren. Sie öffnete die deutsche Grenze für Hunderttausende Asylbewerber, die auf ihrem Weg in den Norden Griechenland passierten. Tsipras wiederum unterzeichnete ein viertes Rettungspaket und half dann, den Andrang der Migranten nach Deutschland zu reduzieren, indem er der Schließung der Balkanroute und dem Flüchtlingsabkommen mit der Türkei zustimmte.

Durch die Einigung im Namensstreit mit Mazedonien sorgte Tsipras dafür, ein zentrales Ziel des Westens auf dem Balkan zu ermöglichen, das unter allen früheren griechischen Regierungen nicht zu erreichen war: Das verarmte Nachbarland wird sich in Nord-Mazedonien umbenennen. Dafür stellt sich Athen nicht mehr gegen eine Aufnahme des kleinen Staates in EU und Nato. Das soll für eine Stabilisierung in der Region sorgen und helfen, den Einfluss Russlands und der Türkei auf dem westlichen Balkan zu verhindern.

Ein Platz für die Geschichtsbücher?

Warum Tsipras sich auf den Deal eingelassen hat, ist vielen Beobachtern in Griechenland unklar. Wer es gut mit dem Premier meint, glaubt, dass Tsipras ein wichtiges Problem lösen und sich einen Platz in den Geschichtsbüchern sichern wollte. Die Opposition dagegen glaubt, dass es als Belohnung für das Mazedonien-Abkommen Gegenleistungen Berlins nach dem Ende des Rettungsprogramms gibt.

Aber ob eine Unterstützung der Kanzlerin Tsipras tatsächlich hilft? Merkel ist in Griechenland nicht gerade beliebt. Bei einer Umfrage der konservativen Tageszeitung "Kathimerini" über das Ansehen ausländischer Politiker hatten nur 35 Prozent der Befragten eine positive Meinung von der Deutschen. In Athen haben vor dem Merkel-Besuch verschiedene griechische Parteien und Organisationen Proteste angekündigt. Die Polizei wird mit mehr als 2000 Kräften im Einsatz sein, berichtet der griechische Fernsehsender Skai.

Für die meisten Griechen ist Merkel jedoch immer noch die mächtigste Politikerin in Europa - eine ungeliebte, aber angesehene Persönlichkeit. Vielleicht lässt ihr Besuch Tsipras immerhin wie einen großen Staatsmann aussehen.

Im Video: Angela Merkel - Die Unerwartete

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Einhorn 10.01.2019
1.
Interessant, dass man die Griechen immer ins schlechtestmögliche Licht rücken will. Vielleicht war Tspiras gar nicht so "merkelfeindlich" - vielleicht wollte er einfach nur verhindern, dass die Bevölkerung Not leidet während die Banken gefüttert werden? Man vergisst ja so gerne, dass es Menschen ohne Wasser, Strom oder Krankenversicherung gibt und gab, seit die EU ihren "Rettungsschirm" über ihnen ausgebreitet hat. Vielleicht glaubte Tspiras eben nicht daran, dass das "Schuldenprogramm" seinem Land irgend einen Nutzen für die Zukunft bringt? Immerhin, wirtschaftlich gesehen hat er damit Recht behalten.
archivdoktor 10.01.2019
2. Tolles Foto!
Merkel erklärt dem lieben Alexis wie die Welt funktioniert und der Schüler hört artig zu! Fehlt nur noch, dass er sein Notizbuch zückt und sich Notizen macht....Schade, dass nicht auch sein Kumpel Yanis Varoufakis dabei ist - es wäre das Foto des Jahres!
yogtze 10.01.2019
3.
Tsipras wird von Merkel geschätzt, weil er zustimmte, die Balkanroute zu schließen?! Merkel hat doch die Schließung der Balkanroute verurteilt und alle daran beteiligten Regierungschefs als populistisch und inhuman veruruteilt, war dem nicht so?
meinung2013 10.01.2019
4.
Zitat von EinhornInteressant, dass man die Griechen immer ins schlechtestmögliche Licht rücken will. Vielleicht war Tspiras gar nicht so "merkelfeindlich" - vielleicht wollte er einfach nur verhindern, dass die Bevölkerung Not leidet während die Banken gefüttert werden? Man vergisst ja so gerne, dass es Menschen ohne Wasser, Strom oder Krankenversicherung gibt und gab, seit die EU ihren "Rettungsschirm" über ihnen ausgebreitet hat. Vielleicht glaubte Tspiras eben nicht daran, dass das "Schuldenprogramm" seinem Land irgend einen Nutzen für die Zukunft bringt? Immerhin, wirtschaftlich gesehen hat er damit Recht behalten.
"Neben den Geldern für die Auslandsbanken und dem künstlich gestützten Konsum nennt Sinn vor allem die reicheren Griechen als Profiteure der Hilfskredite. „In der Tat gibt es anekdotische Berichte, dass Griechen in großem Umfang Bargeld ins Ausland transferiert haben, um dort Vermögenswerte zu erwerben, so zum Beispiel nach Bulgarien, wo sie als Immobilienkäufer in Erscheinung traten“, schreibt Sinn.“," https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/eurokrise/griechenland/griechenlands-schuldenkrise-wohin-die-kredite-wirklich-geflossen-sind-13686220.html Tja, die reichen Griechen haben, wie die reichen Norditaliener auch, weniger Sinn für ihre darbenden Mitmenschen.
Ezechiel 10.01.2019
5.
Zitat von EinhornInteressant, dass man die Griechen immer ins schlechtestmögliche Licht rücken will. Vielleicht war Tspiras gar nicht so "merkelfeindlich" - vielleicht wollte er einfach nur verhindern, dass die Bevölkerung Not leidet während die Banken gefüttert werden? Man vergisst ja so gerne, dass es Menschen ohne Wasser, Strom oder Krankenversicherung gibt und gab, seit die EU ihren "Rettungsschirm" über ihnen ausgebreitet hat. Vielleicht glaubte Tspiras eben nicht daran, dass das "Schuldenprogramm" seinem Land irgend einen Nutzen für die Zukunft bringt? Immerhin, wirtschaftlich gesehen hat er damit Recht behalten.
Was wäre denn die Alternative zum Schuldenprogramm gewesen. Noch mehr Schulden ? Zu den 107 Milliarden Schuldenschnitt ein weiterer ? Möglicherweise Griechenland zu Lasten der restlichen Mitgliedstaaten ganz entschulden ? Aber seien Sie getrost, ein weiterer großer Forderungsverzicht wird kommen und die BRD großzügig daran beteiligt sein. Möglicherweise ist es das Abschiedsgeschenk der Kanzlerin an die deutsche Bevölkerung.
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