Afrikareise der Kanzlerin Merkels Dilemma

Die Kanzlerin verspricht bei ihrem Besuch in Westafrika wirtschaftliche Hilfen - doch beim heiklen Thema Migration kommt sie kaum voran.

Ghanas Präsident Nana Akufo-Addo begrüßt Kanzlerin Merkel
AFP

Ghanas Präsident Nana Akufo-Addo begrüßt Kanzlerin Merkel

Aus Accra berichtet


Dass es nicht ganz leicht werden würde auf dieser Reise, zeigt sich schon gleich zu Beginn, als Angela Merkel neben dem senegalesischen Präsidenten Macky Sall steht, einem breiten Mann mit tiefer Stimme. Sall residiert mitten in Dakar in einem weißen Palast, der einst für den französischen Gouverneur von Westafrika gebaut wurde und in dessen Garten Pfauen stolzieren.

Sall hat Merkel nach ihrer Landung in Dakar schon vom Flughafen abgeholt, und auf der Pressekonferenz im Garten des Präsidentenpalastes spricht er zuerst Worte, zu denen die Kanzlerin nur freundlich nicken konnte: dass die Flucht vieler junger Afrikaner nach Europa eine Schande für seinen Kontinent bedeute; wie wichtig es sei, attraktive Arbeitsplätze in seinem Land zu schaffen.

Der Präsident bedankt sich dafür, dass Deutschland die Stromversorgung von 300 Dörfern mitfinanziert. Als es aber darum geht, wie Senegal dafür sorgen kann, dass seine rund tausend Staatsbürger, die ohne legalen Aufenthaltstitel in Deutschland leben, wieder zurückkehren, antwortet Saal sehr ausweichend.

Keine Abschottung Europas

Der Präsident spricht von der Würde der Menschen, die es zu berücksichtigen gelte und beruflichen Perspektiven, die man seinen Landsleuten ja auch in Deutschland anbieten könne. Und er schloss sein Statement mit den Satz, dass sich Europa nicht abschotten dürfe und mit seiner "Großzügigkeit" ja schon den richtigen Weg gegangen sei.

Merkel und Senegals Präsident Sall
REUTERS

Merkel und Senegals Präsident Sall

Da schaut Merkel schon weniger glücklich. Denn natürlich hat sie sich in dieser Woche auch deshalb auf den Weg nach Westafrika gemacht, um auszuloten, wie der Drang vieler Migranten nach Europa gebremst werden kann. Drei Länder bereist Merkel in drei Tagen, Senegal, Ghana und am Freitag noch Nigeria, das mit fast 200 Millionen Einwohner das bevölkerungsreichste Land Afrikas ist und gleichzeitig vom islamischen Terrorismus geplagt wird - weshalb sich viele Menschen auf den Weg nach Europa machen.

Man kann Merkel nicht vorwerfen, dass sie sich nicht um Afrika kümmern würde. Sie besuchte Mali und Niger, Ägypten und Tunesien, in zwei Wochen fährt sie nach Algerien. Merkel weiß, dass sie das Thema Migration nur in den Griff bekommt, wenn es Afrika wirtschaftlich besser geht.

Gratwanderung für Merkel

Merkel hat bei ihrer Reise eine große Wirtschaftsdelegation dabei, gerade Ghana und Senegal haben in den vergangenen Jahren ein beachtliches Wirtschaftswachstum hingelegt, doch viele Unternehmen sind wegen der allgegenwärtigen Korruption und Rechtsunsicherheit immer noch sehr zögerlich. Der schärfste Herausforderer des senegalesischen Präsidenten Sall sitzt im Gefängnis, was nicht gerade das Vertrauen in die Unabhängigkeit der senegalesischen Justiz gestärkt hat.

Es ist eine schwierige Gratwanderung: Merkel will Afrika nicht gänzlich China überlassen, das überall kräftig investiert und sich dabei nicht um Umweltstandards und Antikorruptionsregeln scheren muss. Deswegen will die Kanzlerin deutsche Mittelständlern für Afrika begeistern. Andererseits eröffnet ein bescheidener Wohlstand oft erst die Möglichkeit, sich mit dem Gedanken zu beschäftigen, ob Europa eine bessere Zukunft bietet.

Doppelstrategie der Kanzlerin

Merkel begegnet diesen Dilemma mit einer Doppelstrategie: Sie will die wirtschaftliche Entwicklung fördern, etwa durch Bürgschaften für deutsche Unternehmen, gleichzeitig soll es afrikanischen Studenten erleichtert werden, deutsche Universitäten zu besuchen.

Merkel wird in Dakar empfangen
REUTERS

Merkel wird in Dakar empfangen

Andererseits aber hätte die Kanzlerin auch gern die Zusage von Staaten wie Senegal oder Ghana, dass sie etwas aktiver sind bei der Aufnahme von Bürgern, die sich illegal in Deutschland aufhalten. Weil nicht selten der politische Wille fehlt, werden gern bürokratische Hürden aufgebaut. Wie unkompliziert es auch gehen kann, zeigte sich, als im vergangenen Jahr ein CNN-Bericht über Sklavenmärkte in libyschen Flüchtlingslägern ganz Afrika aufwühlte. Danach holten etliche afrikanische Regierungen ihre Bürger ganz unbürokratisch in die Heimat zurück.

Als am Donnerstagmittag der ghanaische Präsident Nana Akufo-Addo gefragt wird, ob er bereit sei, seine 4000 Landsleute aufzunehmen, die derzeit ohne Aufenthaltstitel in Deutschland leben, sagt er, natürlich werde seine Regierung mit den deutschen Behörden zusammenarbeiten. Aber er sei sich eben auch sicher, dass die Ghanaer "überglücklich" wären, wenn sie in Deutschland bleiben dürften.



insgesamt 26 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
dirkcoe 30.08.2018
1. Merkels Beweggründe
in allen Ehren - ernsthaft erreichen wird sie nichts. Weder werden Deutsche Unternehmen nennenswert investieren, noch werden einige Studenten mehr aus Afrika ernsthaft etwas verändern. Jetzt kann allenfalls ein Prozess angestoßen werden, der möglicher Weise in Jahrzehnten Früchte trägt. Trotzdem halte ich diese Gespräche für sinnvoll und richtig.
keine-#-ahnung 30.08.2018
2. "Der Präsident bedankt sich dafür ...
... dass Deutschland die Stromversorgung von 300 Dörfern mitfinanziert. Als es aber darum geht, wie Senegal dafür sorgen kann, dass seine rund 1000 Staatsbürger, die ohne legalen Aufenthaltstitel in Deutschland leben, wieder zurückkehren, antwortet Saal sehr ausweichend." Dann sollte Frau Merkel die Mitfinanzierung auf ein Modelldorf reduzieren. Die anderen Dörfer könnten sich dann ja im Modell anschauen, wie Elektrizität funktioniert.
herwescher 30.08.2018
3. Bisher gibt es keine Gründe, Flüchtlinge zurückzunehmen ...
1. Es gibt einen hungrigen Mund weniger zu füttern 2. Flüchtlinge überweisen Geld aus dem Ausland ins heimische Land Eine Änderung der Haltung dieser Staaten kann also nur auf zwei Arten geschehen: 1. Positiver Anreiz: Für jeden zurückgenommenen Flüchtling gibt es gutes Geld zur - sagen wir mal - "Wiedereingliederung" 2 Negativer Anreiz: Für jeden Flüchtling aus dem betr. Land, der sich hier befindet und nicht zurückgenommen wird, wird ein "Beitrag zur Lebenshaltung" desselben von den bisher gewährten Hilfen abgezogen. Das würde die betr. Länder verhandlungsbereit machen. Die presse hier bekäme natürlich Schnappatmung ...
fblars 30.08.2018
4. Wie soll Afrikas Wirtschaft auf die Beine kommen?
Wie soll Afrikas Wirtschaft auf die Beine kommen, wenn die fitten sich auf dem Migrationszug nach Norden befinden? Die Migranten die hier ankommen, könnten in Afrika wirtschaftliche Impulse setzen, da es sich um die intelligenten zupackenden Menschen handelt. Der sog. BrainDrain perpetuiert das Elend in Afrika, indem die Leistungsträger sich entfernen.
schnuerli 30.08.2018
5. Und Macron?
Sehen die ehemaliden Kolonialherren hier vielleicht auch noch etwas Verantwortung?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.