Merkel auf China-Reise Chili für die Kanzlerin. Vorsicht, nicht zu viel!

Zu Beginn ihrer bisher längsten Reise nach China schlenderte Kanzlerin Merkel über einen Wochenmarkt in Chengdu. Das Land fasziniert sie immer mehr.

DPA

Aus Chengdu berichtet


Einen halben Löffel von dem roten Chili, das reicht. Die knapp 1,50 Meter große Händlerin füllt das Pulver vorsichtig in ein Plastiksäckchen, Angela Merkel greift in die rechte Tasche ihres Blazers und zahlt. Beifall, Lächeln, Händeschütteln, Verbeugung - und immer laufen die Kameras. Eine Tüte Bohnenpaste hat sie schon.

Die Kanzlerin ist auf ihrer siebten und bislang längsten China-Reise. Das Riesenreich fasziniert sie vielleicht mehr als jedes andere Land auf dem Globus. Neben den politischen Gesprächen in der Hauptstadt Peking sucht sie sich jedes Mal ein anderes Gebiet aus, das sie zusätzlich sehen will. Dieses Mal ist es Chengdu.

Die Region und die 15-Millionen-Stadt sind unter anderem die Werkbank der internationalen Elektronik- und IT-Industrie. Apple lässt hier iPhones und iPads fertigen, die Chipindustrie aus aller Welt unterhält große Fabriken. Chengdus Geschichte reicht zwar 2000 Jahre zurück, die heutige Gestalt jedoch prägt moderner, austauschbarer Hochhausbau. Es liegt mitten in China, gilt aber als "Westen" und ist die Hauptstadt von Sichuan. Von hier stammt eine höllisch scharfe Küche, die zu den besten Chinas gehören soll.

Merkel kocht Gong Bao Jiding

Alles, was man dazu braucht, gibt es auf dem Wochenmarkt. Die Auslagen an den Ständen sind üppig, Zwiebeln, Kartoffeln, Ingwer, alle Arten Zitrusfrüchte, dazwischen Fleisch und Huhn. An den Fischständen geht es etwas rustikaler zu als in Deutschland: Wer kaufen will, deutet im gut gefüllten Bottich auf einen Fisch, und der Händler befördert das Tier mit einem entschlossen Wurf auf den Betonboden aus dem Leben.

"Die Gewürze sind sehr beeindruckend, aber man muss auch das Kochen dazu lernen", sagt Merkel bei ihrem morgendlichen Rundgang. "Das werde ich nicht so schnell schaffen." Immerhin bekam sie eine Einführung, wie man Gong Bao Jiding, das "Palastbeschützer-Huhn" kocht. (Nämlich so: Rezept hier.) In einer Garküche in der Nähe des Markts stehen die Zutaten vorbereitet parat, die Kanzlerin muss sie nur noch in die Pfanne werfen, Sichuan-Pfeffer inklusive.

Über den Gängen rund um den Markt hängen rote Plakate mit Parolen. Am häufigsten wird zum gemeinsamen Kampf für den "großen Traum der Renaissance des chinesischen Volkes" aufgerufen. Es ist das Leitmotiv des neuen Staatspräsidenten Xi, er verwende es inzwischen in fast jeder Rede, berichtet ein deutscher Diplomat. Xi wolle den Chinesen vor allem Wachstum bieten, einen gewissen Wohlstand und sie von der allgegenwärtigen Korruption befreien. Aber nicht etwa, weil er eine Demokratie nach westlichem Vorbild einführen will, da macht sich auch Kanzlerin Merkel keine Illusionen.

Von Xi erwartet sie keine Lockerung der ideologischen Vorgaben und des absoluten Machtanspruchs der Kommunistischen Partei. Was Xi unbedingt erreichen will, ist Stabilität in einem Land mit 1,4 Milliarden Einwohnern, die unter massiven Umweltproblemen, schlechten Arbeitsbedingungen und Willkür der Behörden leiden.

Die chinesische Mischung aus Plan- und Marktwirtschaft ist strategisch angelegt - und übt ganz offensichtlich einigen Reiz auf Merkel aus. Die Kanzlerin lässt im Gespräch Respekt für den neuen StaatschefXi Jinping und seinen Ministerpräsidenten Li Keqiang durchblicken, für ihre Art, in langen Linien zu planen und zu handeln. Ob die beiden damit der Probleme auch Herr werden, ist allerdings völlig offen. Am Montag trifft Merkel beide in Peking zu mehrstündigen Gesprächen.

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes hieß es, Li Peng sei Premier Chinas. Wir haben das korrigiert und bitten um Nachsicht.

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 14 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Kottan 06.07.2014
1.
"Die Gewürze sind sehr beeindruckend, aber man muss auch das Kochen dazu lernen", sagt Merkel bei ihrem morgendlichen Rundgang. "Das werde ich nicht so schnell schaffen." Immerhin bekam sie eine Einführung, wie man Gong Bao Jiding, das "Palastbeschützer-Huhn" kocht. Frau Merkel ist wirklich beeindruckend. Sie, die Weltenfrau, sollte vielleicht auch mal das Rezept für das "Schaden-vom-deutschen-Volk-Abwendungs-Huhn" ausprobieren. Und ihre Studienreise für einen zweiminütige klare und öffentliche Stellungnahme zu den aktuellen Ereignissen in ihrer Heimat unterbrechen. Aber da wartet sie lieber mal ab...
gorilla-star 06.07.2014
2. ich mag sie ja nicht aber....
aber sie ist schon irgendwie eine Erscheinung worauf man stolz sein kann.....
prieten 06.07.2014
3. Und Nobelpreisträger Liu Xiaobo...
sitzt weiter im chinesischen Gefängnis. Ob die Merkel genug Mut hat, etwas darüber zu sagen? Nicht wahrscheinlich. Lieber über Kochen und Gewürzen plaudern.
rpp2012 06.07.2014
4. Omg
Lieber SPON ... ist das nicht ein Artikel für die GALA ? Merkt ihr wirklich nicht, dass ihr Euch vom Sturmgeschütz der Demokratie zum Knallbonbon des Boulevards entwickelt ? Oder ist Herr Blome genau dafür eingestellt worden ?
barbarine 06.07.2014
5. @rpp2012: auch solche Artikel gehören hierher ...
... den Rest liest man dann eben in der kostenpflichtigen Ausgabe.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.