Saudischer Vizewirtschaftsminister "Merkel ist ein Vorbild für alle saudischen Frauen"

Mit großem Wirtschaftstross besucht Kanzlerin Merkel Saudi-Arabien. Hier spricht der Vizewirtschaftsminister Mohammad al-Tuwaijri über die Öffnung seines Landes und die umstrittenen Rüstungsdeals mit deutschen Firmen.

Vizewirtschaftsminister Mohammad al-Tuwaijri
picture alliance/ Rainer Jensen

Vizewirtschaftsminister Mohammad al-Tuwaijri

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Bundeskanzlerin Angela Merkel ist am Sonntag nach Saudi-Arabien abgeflogen. Mit im Regierungsflieger sitzt eine hochrangige Wirtschaftsdelegation. Was sind Ihre Erwartungen für die saudi-arabisch-deutsche Kooperation?

Al-Tuwaijri: Wir wollen Deutschland zu einem unserer wichtigsten Wirtschaftspartner überhaupt machen. In den letzten Jahren wurde eine große Analyse unserer möglichen Partner für die Zukunft durchgeführt. Sieben Länder wurden als zentrale Partner identifiziert, Deutschland ist eines dieser Länder.

Zur Person
    Mohammad al-Tuwaijri ist Vize-Minister für Wirtschaft und Planung, eines der zentralen Ministerien der saudischen Regierung. Erst 2016 wechselte der Banker von seinem Chefposten bei HSBC in die Politik. Der ausgebildete Militärpilot arbeitete gut zwei Jahrzehnte im Bankensektor und half westlichen Geldhäusern, im Nahen Osten Fuß zu fassen. Nun gilt er als eine der zentralen Figuren zur Umsetzung der "Vision 2030", mit der Saudi-Arabien von einer abgeschotteten, konservativ-islamisch geprägten Nation zu einem modernen Staat umgebaut werden soll.

SPIEGEL ONLINE: Was schwebt Ihnen vor?

Al-Tuwaijri: Deutsche Firmen waren immer hier, viele von ihnen haben sehr enge Verbindungen nach Saudi-Arabien. Das wollen wir ausbauen, verfestigen. Die deutsche Mentalität, die weltweit berühmt ist, hat auch hier viele Fans. Jeder wäre gern so wie Deutschland, also wollen auch wir viel von Deutschland lernen.

SPIEGEL ONLINE: Bis heute gibt es Streit um deutsche Rüstungsexporte nach Saudi-Arabien. Die Bundesregierung zögert, neue Waffen-Deals zu genehmigen, gleichzeitig gab es immer wieder Druck aus Riad, dies doch zu tun.

Al-Tuwaijri: Ich glaube, in der Sache hat sich in jüngster Zeit etwas getan. Die Beziehungen zwischen Deutschland sind uns sehr viel wichtiger als der Streit um Waffenexporte. Wir haben sehr viele Anbieter weltweit, was den Einkauf von Waffen oder anderen Rüstungsgütern angeht.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt wie eine Drohung.

Al-Tuwaijri: So ist es aber nicht gemeint. Wir akzeptieren die deutsche Zurückhaltung, was Exporte nach Saudi-Arabien angeht, wir kennen die politischen Hintergründe. Wir werden also bei Waffen-Deals nicht starrsinnig sein, wir werden nicht gegen die deutschen Vorbehalte anrennen. Kurz gesagt, wir werden der deutschen Regierung keine Probleme mehr bereiten mit immer neuen Wünschen nach Waffen.

SPIEGEL ONLINE: Also bestellt Saudi-Arabien keine Waffen mehr in Deutschland?

Al-Tuwaijri: Wir werden sie schon bald nicht mehr brauchen. Wir versuchen, hier eine eigene Rüstungsindustrie aufzubauen, natürlich mit dem Know-how ausländischer Firmen. Daran kann sich jeder beteiligen, auch Deutschland, aber wir werden niemanden zwingen.

SPIEGEL ONLINE: In Europa hört man viel über Ihre Vision 2030. Die Reformagenda sieht vor, die saudische Wirtschaft und Gesellschaft zu öffnen.

Al-Tuwaijri: Man kann es eigentlich auf einen Punkt bringen: Wir wollen endlich unser Potenzial richtig nutzen und nach vorne statt nach hinten schauen. Wir haben Öl, wir haben eine zentrale Position in einer Weltregion, die man besser nutzen muss. Vor allem aber hat Saudi-Arabien eine gut gebildete Bevölkerung, die arbeiten will. Deswegen müssen wir unser Land öffnen für Ideen von außen, für Investments.

SPIEGEL ONLINE: Hört sich nach einer großen Aufgabe an für ein Land, das als eins der konservativsten der Welt gilt.

Al-Tuwaijri: Wir haben schlicht keine andere Wahl. Saudi-Arabien wächst schnell, schon jetzt ist ein Großteil unserer Bevölkerung unter 30. Die jungen Leute werden keine Geduld haben mit Reformen. Sie wissen, wie der Rest der Welt aussieht. Jeder von ihnen ist auf Facebook und Twitter. Wir müssen uns also beeilen, sonst verlieren wir sie. Ich hatte gerade eine Schulklasse hier bei mir, die Jungs und Mädchen waren so um die zehn Jahre. Ihre Frage war simpel: Was ist drin für mich, wenn ich erwachsen bin?

SPIEGEL ONLINE: Bisher spielen Frauen in Saudi-Arabien kaum eine Rolle, per Gesetz werden sie sogar noch immer mehr oder weniger entmündigt. Das soll sich nun schnell ändern?

Al-Tuwaijri: Ohne Frauen kann Saudi-Arabien gar nicht mehr funktionieren. Wir können schlicht nicht mehr ohne ihre Arbeitskraft auskommen. Die Zeiten, wo wir gut die Hälfte aller Saudis - also die Frauen - vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen haben, sind endgültig vorbei. Niemand kann sich das mehr leisten. Also sind die Reformen nicht nur eine hehre Absicht, sie müssen kommen und zwar schnell. Die Öffnung, das wissen wir, wird ganz neue Potenziale freisetzen.

SPIEGEL ONLINE: Und doch muss es für viele Männer eine Revolution sein.

Al-Tuwaijri: Neue Dinge sind manchmal hart zu akzeptieren, doch das war immer so. Wir jedenfalls wissen durch Studien, dass die Öffnung des Arbeitsmarkts für Frauen sehr große neue Potenziale freisetzen wird. Sie sind extrem gut gebildet, sie wollen sich beteiligen, und sie wollen ihre Stimme einbringen in die Veränderungen unseres Landes.

SPIEGEL ONLINE: Angela Merkel ist eine der wenigen Frauen in politischen Führungspositionen weltweit. Ein Vorbild für Saudi-Arabien?

Al-Tuwaijri: Angela Merkel ist weltweit ein Vorbild, also auch für uns. Sie ist bescheiden und arbeitet hart. Viele Menschen hier schauen sich ihre Videos an, wie sie Menschen aus den verschiedensten Ländern einfach die Hand schüttelt, sie so akzeptiert, wie sie sind. Sie ist jemand, der die Idee von Demokratie verbreitet, das kommt hier in Saudi-Arabien an.

SPIEGEL ONLINE: In Saudi-Arabien wäre eine Frau in einer solchen Führungsrolle noch undenkbar.

Al-Tuwaijri: Genau deswegen ist der Besuch so wichtig. Angela Merkel ist ein Art Star, auch ein Vorbild für alle saudischen Frauen. Sie inspiriert weibliche Führungskräfte oder die Mädchen, die es noch werden wollen, mit ihrer Karriere, aber auch mit ihren Werten.

Das Interview führte Matthias Gebauer im Büro des Ministers in der saudischen Hauptstadt Riad.



insgesamt 84 Beiträge
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Seite 1
henry.miller 30.04.2017
1.
Leider ist Saudi-Arabien für niemand ein Vorbild. Als Frau ist es bestimmt sehr unterhaltsam dort, so ganz ohne Rechte. Seit Jahrhunderten sind die Saudis für ihren fanatischen Glauben bekannt, dank Erdöl konnten sie ihn ausleben. Und viele Dinge sind in der Tat noch wie im Mittelalter.
Ossifriese 30.04.2017
2. Frage
"...Ohne Frauen kann Saudi-Arabien gar nicht mehr funktionieren..." Man möchte lachen. Wenn man nicht genau wüsste, welche Rolle die Frauen in SA auch in Zukunft spielen werden. Denn die eigentlich wichtigste Frage lässt der Interviewer völlig aus: Was ist mit den Doktrinen des Islam, hier vor allem der salafistischen Variante, die noch radikaler und undemokratischer ist, als der Islam des so geschmähten Iran. Von Syrien ganz zu schweigen. Durfte Herr Gebauer nicht fragen, um seinen Gesprächspartner nicht in Verlegenheit zu bringen? Und vor allem die deutsche Wirtschaftspolitik nicht zu gefährden?
tkedm 30.04.2017
3.
Ich verstehe es nicht. Der Herr ist Teil der Regierung, der herrschenden Elite und spricht völlig gegensätzlich zur aktuellen Politik des Landes. Es gibt die Todesstrafe, u.a. für "Ehebruch". Und nun stellt er sich als weltoffener Demokrat und Feminist da? Das ist doch völlig unglaubwürdig. Sicher, dass der Herr in Saudi-Arabien tätig ist?
sabrina74 30.04.2017
4. Es ist erstaunlich ...
.... dass unser Land überall in der Welt so hoch angesehen wird - ja sogar beneidet wird. Nur hierzulande ist man immer nur am nörgeln und schlecht reden. Vielleicht sollte man sich in der Tat mehr mit den Lebensrealitäten anderer Staaten auseinandersetzen, um den Frieden, die Freiheit und die Entwicklung im eigenen Land ein wenig mehr zu schätzen ...
noalk 30.04.2017
5. Saudische Frauen brauchen keine Vorbilderinnen
Die Krux ist nicht die Einstellung der Frauen, sondern die der Männer.
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