Bleiberecht für Flüchtlinge Syrer preisen "die mitfühlende Mutter Merkel"

Während in Heidenau rechtsextreme Demonstranten Angela Merkel beschimpften, überschütten Syrer die Kanzlerin mit Dankbarkeit. In den sozialen Netzwerken feiern sie die Regierungschefin für die Aufnahme von Flüchtlingen.

Online-Lob für Kanzlerin Merkel: "Wir lieben dich"
Moustafa Jacoub

Online-Lob für Kanzlerin Merkel: "Wir lieben dich"

Von


Brennende Flüchtlingsheime, die Belagerung der Asylunterkunft in Heidenau, eine Flut fremdenfeindlicher Kommentare bei Facebook. Deutschland gibt im Sommer 2015 ein ziemlich hässliches Bild ab.

Doch viele Syrer haben einen ganz anderen Eindruck von der Bundesrepublik. Zumindest jene, die noch nicht nach Deutschland geflüchtet sind. Sie bejubeln Kanzlerin Angela Merkel dafür, dass das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) in dieser Woche das Dublin-Verfahren für Syrer ausgesetzt hat. Damit schickt die Bundesrepublik syrische Flüchtlinge nicht mehr in das EU-Land zurück, in dem sie zuerst registriert wurden - etwa Italien oder Griechenland.

Schon bisher wurden Syrer allerdings nur noch in seltenen Fällen nach den Dublin-Regeln in ein anderes EU-Land überstellt - bis Ende Juli 2015 passierte das laut Innenministerium nur in 131 Fällen. In den ersten sechs Monaten des Jahres stellten rund 44.000 Syrer einen Asylantrag in der Bundesrepublik.

Schon als das Bamf diese Entscheidung via Twitter bekannt machte, bedankten sich viele Syrer umgehend.

Doch eine Behörde hat kein Gesicht. Also überschütten syrische Aktivisten seither Kanzlerin Merkel mit Dankbarkeit. Während rechte Demonstranten die Regierungschefin bei ihrem Besuch in Heidenau ausbuhten und als Volksverräterin beschimpften, feiern Syrer sie bei Facebook und Twitter als "mitfühlende Mutter". Die Kanzlerin, die noch vor Wochen für ihren unbeholfenen Umgang mit dem palästinensischen Flüchtlingsmädchen Reem gescholten wurde, wird plötzlich zur deutschen Schwester von Mutter Teresa hochgelobt.

Welle der Sympathie für Merkel
Moustafa Jacoub

Welle der Sympathie für Merkel

Der syrische Künstler Moustafa Jacoub veröffentlichte eine Collage, die vielfach geteilt wurde. Ein Bild von Merkel, unter dem "wir lieben dich" in arabischer und deutscher Sprache geschrieben steht. Das ist nicht nur Dank für die Kanzlerin, sondern auch eine ironische Anspielung auf Pro-Assad-Poster in Syrien. Dort gehörten Plakate des Diktators mit eben diesem Schriftzug "Minhibbak" zum Straßenbild. Die Unterstützer des Despoten werden deshalb auch spöttisch als Minhibbakjis bezeichnet.

Das Merkel-Bild ist mit dem arabischen Hashtag #Merkel_DieÄthiopierin versehen. Das ist eine Referenz an den äthiopischen König Negus. Der Christ hatte zu Lebzeiten des Propheten Mohammed muslimischen Familien in seinem Reich Asyl gewährt, die vor der Verfolgung aus Mekka fliehen mussten.

Der in Frankreich lebende syrische Künstler Lukman Derky widmete Merkel sogar ein Gedicht. "Deine Liebe ist meine Karte, die Karte des Schleusers interessiert mich nicht mehr", lauten die Verse. Es ist die abgewandelte Version eines berühmten Liebesgedichts des verstorbenen syrischen Dichters Nizar Qabbani. Im Original lauten die Zeilen: "Dein Körper ist meine Karte, die Karte der Welt interessiert mich nicht mehr."

Gedicht für Merkel: "Deine Liebe ist meine Karte"
Lukman Derky

Gedicht für Merkel: "Deine Liebe ist meine Karte"

Für großes Erstaunen unter Syrern sorgt auch ein Video aus Oer-Erkenschwick: Syrische Flüchtlinge haben es aufgenommen, als sie per Bus in der nordrhein-westfälischen Stadt ankamen. Dort wurden sie nicht mit Steinwürfen oder brennenden Fackeln begrüßt, sondern von lächelnden und winkenden Menschen mit Sonnenblumen und einem Plakat, das sie auf Arabisch willkommen hieß. Das Video ist in den vergangenen Tagen tausendfach geteilt worden, mit Kommentaren wie: "Ich habe Tränen in den Augen. Die Deutschen sind barmherziger als unsere arabischen Brüder."

Was viele allenfalls ahnen: Das Video zeigt nur eine Seite von diesem Sommer in Deutschland.



© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.