Merkel in Paris Das Gelöbnis

Beim ersten Besuch der Kanzlerin nach ihrer Wiederwahl in Paris überließ Emmanuel Macron ihr die große Bühne, beide zelebrierten Einigkeit. Auch Finanzminister Scholz besuchte seinen Amtskollegen. Dort gab es weniger Übereinstimmung.

Emmanuel Macron, Angela Merkel
AP

Emmanuel Macron, Angela Merkel

Von , Paris


Es war alles wie immer, der Kolonial-Dekor und die Kronleuchter im ehrwürdigen Pariser Elysee-Palast, und doch nichts wie vorher: Selten zuvor dürfte der gewöhnliche Arbeitsbesuch einer deutschen Kanzlerin oder eines deutschen Kanzlers beim französischen Präsidenten so viel Weltpresse angelockt haben. Über viele dutzend Meter standen die Journalisten aus aller Welt vor dem Elysee-Palast Schlange: Spanier und Italiener, Japaner und Chinesen.

"In unserer Epoche, wo so viel durcheinander gerät, gibt es wenigstens dieses Duo, das funktioniert, auch wenn es nicht alle Probleme der Welt lösen kann", sagte die libanesische Reporterin Mona Es Said, die seit 1984 aus Paris für den Libanon berichtet.

Von einem Routinebesuch im Ausland, wie er jedes Mal zu Beginn einer neuen Regierungsperiode für Kanzlerin oder Präsident fällig ist, sollte dieses Mal keine Rede sein. "Wir haben so lange gewartet, dass wir uns jetzt stärker außenpolitisch engagieren können", sagte Merkel nach fast sechsmonatiger Regierungsbildung daheim. Für sie, die zuvor fast immer leise und zurückhaltend im Elysee-Palast auftrat, glich das einem Gelöbnis.

Die Kanzlerin wollte einen neuen Ton treffen: Die deutsch-französische Afrika-Strategie, sagte sie, sei "ein neuer Pfad, den Deutschland mit Enthusiasmus gehen will". Sie diagnostizierte einen "Multilateralismus unter Druck". Gegen diesen Trend aber wollte sie sich mit Frankreich stemmen, um "Aktivitäten der Weltgemeinschaft neu zu erkämpfen". Wann hat man Angela Merkel außenpolitisch je so kämpferisch und enthusiastisch reden hören?

Merkel darf die großen Reden halten

Hatte sich zuvor etwa jemand beschwert, dass Deutschland zu spät auf die Vorschläge des französischen Präsidenten Emmanuel Macron zur Vertiefung der Europäischen Union reagiere? Der neue deutsche Koalitionsvertrag beginne mit dem "neuen Aufbruch für Europa", sagte Merkel, das sei doch schon "eine erste Antwort auf Frankreich". Sie versicherte das in immer neuen Varianten: "Wir wollen jetzt einen gemeinsamen Weg finden. Es ist mir sehr wichtig, dass wir jetzt ein gemeinsames Bild abgeben."

Eigentlich, dachte man, beim Duo Merkel/Marcon hält er die großen Reden. Aber an diesem Abend war sie es.

Genau darauf hatte das Publikum gewartet: Macron stand die vergangenen Monate als einer der letzten namhaften westlichen Staatschefs gerade für die Werte des Westens. Jetzt sollte demonstriert werden, dass er nicht mehr allein ist und tatsächlich wieder eine namhafte Verbündete auf seiner Seite hat. In diesem Sinne tat Merkel ihr Bestes, übrigens mit seinem Beistand.

Macron fiel vor allem damit auf, dass er Merkel gleich mehrmals überschwänglich zu ihrer Wiederwahl als Kanzlerin gratulierte - wohlwissend, dass US-Präsident Donald Trump und der russische Präsident Wladimir Putines bisher nicht taten - zumindest nicht persönlich am Telefon. Damit habe nun alles "ein gutes Ende gefunden", sagte Macron - ganz so, als ob es eine Katastrophe gewesen wäre, wenn Merkel nicht wieder Kanzlerin geworden wäre.

Bei den Finanzministern knirschte es schon eher

Er jubilierte: "Die Kanzlerin hat viel gearbeitet, die Sache ist erledigt und die ganze Freude nun auf unserer Seite". Das nennt man französischen Stil. Der natürlich in der Sache nichts besagt, ebenso wie Merkels demonstrative deutsche Schnörkellosigkeit an diesem Abend. Der Sinn der Veranstaltung war, dass man wieder an das deutsch-französische Duo glaubt, am besten auch in Japan und China.

Auf die Dauer wird das nicht einfach sein. Ein paar Stunden zuvor trafen sich der neue deutsche Finanzminister Olaf Scholz und sein französischer Amtskollege Bruno Le Maire in Paris. Da traten dann die Differenzen hervor. Man müsse "Stück für Stück gemeinsame Ziele entwickeln, die wir verfolgen können", sagte Scholz.

Bruno Le Maire, Olaf Scholz
AP

Bruno Le Maire, Olaf Scholz

Aber hatte Macron in seinen Reden nicht viele Ziele bereits vorgegeben? Scholz wollte sie offenbar neu formulieren, mahnte zudem die Einsetzung von Experten an, bevor sich Deutschland und Frankreich gemeinsam weiter voran bewegen könnten. Gut, dass dort nicht die Weltpresse dabei war. Die Widersprüche bei den Auftritten von Scholz auf der einen und Merkel auf der anderen Seite wären Japanern und Chinesen sofort aufgefallen.

insgesamt 23 Beiträge
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sbv-wml 16.03.2018
1. Na ja
Merkel und Macron werden ihre Pläne wohl nicht durchsetzen können. Da dürften Schweden, Finnland, Dänemark, Niederlande und auch Österreich gegen sein. Und was machen wir dann? Ich bin gespannt.
alternativlos 16.03.2018
2. Schauen wir nicht zurück.
Im Namen der EU wird ein jeder seinen Beitrag liefern müssen. Ich träume von einer liebenswerten Gemeinschaft ganz im Sinne der Aufklärung.
MiniDragon 16.03.2018
3. Bin auch gespannt
Zitat von sbv-wmlMerkel und Macron werden ihre Pläne wohl nicht durchsetzen können. Da dürften Schweden, Finnland, Dänemark, Niederlande und auch Österreich gegen sein. Und was machen wir dann? Ich bin gespannt.
Zur Entspannung möchte ich diesen Vortrag empfehlen : https://www.youtube.com/watch?v=kRNX09IrjiU
hansriedl 16.03.2018
4. Seit wann wird eu-Politk von 2 leuten gemacht
Der postmoderne Neoliberale und die EU-Binnenmarkt Zerstörerin wollen den Weg vorgeben. Die EU brauch schnellstens eine Demokratisierung. Warum sich nicht ein Beispiel am nordsyrischen demokratischen Konföderalismus nehmen? Eine Vision die der Leopold Kohrs gar nicht unähnlich ist (der die Probleme der heutigen EU auch schon vorhersah) Aber wenigstens haben die marktkonformen Plutokraten schon die passenden Namen für ihre autoritäre Politik; "europäischer Sonnenkönig", absolutistischer ging's dann nicht mehr?
gnitze 16.03.2018
5. Meine Güte...
...es ist wie in all den zurück liegenden Merkel-Jahren. Merkel schwadroniert und präsidiert, und Ihre Mitarbeiter, die Fachminister - medial deutlich schwächer begleitet - sollen die Facharbeit im Sinne Deutschlands erledigen und die schlechten Nachrichten überbringen. Was für ein Albtraum. Das ist kein akzeptables oder wirksames Auftreten für einen Kanzler/eine Kanzlerin. Das ist Fatal - in der Außenwirkung und im Ergebnis.
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