Merkel und Macron Trügerische Mittelmeerromantik

Bei einem Treffen in Marseille demonstrieren Frankreichs Präsident Macron und Kanzlerin Merkel Einigkeit. Doch wie ehrlich sind sie miteinander?

Emmanuel Macron und Angela Merkel in Marseille.
DPA

Emmanuel Macron und Angela Merkel in Marseille.

Von Georg Blume , Paris


Die Kanzlerin im roten Jackett vor mediterraner Kulisse trug ungewöhnlich dick auf: "An der Souveränität Europas müssen wir weiter arbeiten", setzte Angela Merkel im Macron-Sprech den Ton für ihre Gespräche mit dem französischen Präsidenten in der südfranzösischen Hafenstadt Marseille. Gemeinsam fuhren die Kanzlerin und Präsident Emmanuel Macron zu einem Restaurant mit Meeresblick und passierten dabei das Flüchtlingsschiff "Aquarius", das derzeit im Hafen von Marseille liegt.

Das Schiff kreuzte in diesem Sommer lange Zeit mit Hunderten Flüchtlingen auf dem Mittelmeer, bevor es nach vielen Abweisungen endlich in Spanien anlegen konnte. Macron passte die Erinnerung an dieses Drama durchaus in die Regie: "Wir wollen aus dem Thema der Migration eine Chance machen, keine Furcht", sagte er. Weshalb sich Merkel dann auch sicher war: "Frankreich und Deutschland haben bei den Fragen der Migration dieselbe Herangehensweise an die Probleme". Doch daran gibt es durchaus Zweifel.

Offiziell hatten beide Seiten vorher von einem Arbeitstreffen gesprochen. Doch für die französischen Beobachter sah es von Anfang an eher wie ein Krisengipfel aus: "Das deutsch-französische Paar ist geschwächt", diagnostizierte noch zur Zeit des Abendessens zwischen Präsident und Kanzlerin der außenpolitische Kommentator Ulysse Gosset im französischen BFM-Fernsehen. "Ohne ein deutsch-französisches Aufbäumen wird der anstehende Europawahlkampf für die bislang EU-tragenden Parteien sehr schwierig werden", sagte Grosset.

Doch nichts sprach an diesem Abend für ein gemeinsames Aufbäumen der Regierungen in Berlin und Paris. Vieles sollte besprochen werden: Die Stärkung der Eurozone, der Brexit, die gemeinsame Verteidigung und natürlich auch die von Macron geforderten EU-Auffanglager für Flüchtlinge in Ländern wie Italien und Griechenland. Eher das Übliche also.

Oder ging es doch um die Europawahlen? "Man kann nicht gleichzeitig Merkel und Orbán unterstützen", hatte Macron am Vortag in Luxemburg gegen die Europäische Volkspartei (EVP) geätzt, der die CDU Merkels, aber auch die Regierungspartei des ungarischen Regierungschefs und EU-Kritikers Viktor Orbán angehört. Macron fange zu früh mit dem Europawahlkampf an, hatte ihm Merkels Berliner Statthalter, CDU-Fraktionschef Volker Kauder, zurückgegeben. Würden Merkel und Macron diesen Streit nun Auge in Auge in Marseille fortführen?

Merkel und Macron innenpolitisch geschwächt

Genau das riet ihnen einer der erfahrensten außenpolitischen Denker Frankreichs, Dominique Moisi. "Ich bin beunruhigt", erklärte Moisi gegenüber dem SPIEGEL. "Neu in diesem Herbst ist, dass nicht nur Merkel, sondern auch Macron innenpolitisch geschwächt ist. Dabei geht es um seine Person. Viele Franzosen dachten von seinem Vorgänger François Hollande, er mache nichts. Jetzt denkt man, Macron mache zu viel. Heute ist er im Ausland populärer als in Frankreich. Deshalb laufen er und Merkel nun das Risiko, sich gemeinsam weiter in den Abgrund zu ziehen", sagt der ehemalige Harvard-Lehrer und Gründer des französischen Instituts für internationale Beziehungen (IFRI) in Paris.

Moisi sieht aber noch eine entscheidende Veränderung: "Deutschlands historischer Impfschutz gegen den Nationalismus lässt nach und Deutschland läuft Gefahr, wieder ein Land wie alle anderen in Europa zu werden", analysiert Moisi unter dem Eindruck der Ereignisse in Chemnitz. Beide Trends müssten nach seiner Auffassung eigentlich zu einem stärkeren Schulterschluss zwischen Macron und Merkel führen. Doch er fürchtet, das Gegenteil könne eintreten.

Kanzlerin zwischen den Stühlen

Moisi erinnert an das historische Standardwerk des französischen Philosophen Julien Benda "Verrat der Intellektuellen" aus den Zwanzigerjahren, in dem der Philosoph beschreibt, wie damals politische Leidenschaften die demokratische Vernunft außer Kraft setzten. Ähnlich könnten Macron und Merkel heute ihre parteipolitischen Leidenschaften im Europawahlkampf dem Wohlergehen Europas vorziehen, glaubt Moisi.

Wie das Malheur passieren könnte, beschreibt Sebastien Maillard, Leiter des proeuropäischen Jacques-Delors-Instituts in Paris: "Merkel steht in der Mitte zwischen Orbán und Macron. Sie will sich nicht offen gegen Orbán stellen. Macron aber will genau das, weil er klare Fronten für und gegen Europa bei den Europawahlen braucht. Denn die Franzosen werden für Europa stimmen, aber nicht für ihn", erläutert Maillard.

Ob Kanzlerin und Präsident, deren persönliche Nähe und Zuneigung heute kaum noch jemand infrage stellt, im alten Hafen von Marseille all diese gegensätzlichen Interessen miteinander ansprachen? Dass davon nichts nach außen drang, dürfte eher ein gutes Zeichen sein. Alles andere aber - die Tagesordnung oder schweigende Blicke übers Meer - würde den neuen Umständen nicht mehr gerecht. "Berlin und Paris müssen begreifen, dass sie bei den Europawahlen nicht getrennt ins Ziel kommen können", mahnt Moisi.



© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.