Anglikaner und der Islam Hohepriester des Appeasements

Auf Londons Trafalgar Square wird heute für die Meinungsfreiheit demonstriert. Eine Darstellung des Propheten Mohammed gehört aber nicht dazu, findet die Staatskirche. Im Umgang mit Fundamentalisten zeigt sie sich bemerkenswert ängstlich.

Von Sebastian Borger, London


London - Die Kundgebung auf dem Trafalgar Square, Londons guter Stube, dient einem unverfänglichen Zweck. Am Nachmittag wollen einige hundert Briten für eine Gesellschaft eintreten, so sagt es Organisationschef Peter Reester, "in der wir miteinander streiten, uns gegenseitig nerven, sogar beleidigen, ohne uns Gewalt anzutun".

Klingt nach guter britischer Toleranz - bis die Rede auf die dänischen Mohammed-Karikaturen kommt, die vor knapp zwei Monaten die Welt in Atem hielten. Reester hält die Karikaturen "nicht für beleidigend", rät seinen Demo-Teilnehmern aber davon ab, sie öffentlich zu zeigen. Das sei "im derzeitigen öffentlichen Klima" nicht ratsam. Weil Reester seine Demonstration nicht von der neo-faschistischen British National Party vereinnahmt sehen will, arbeitet er eng mit der Polizei zusammen. Die ist denn auch "auf alles gut vorbereitet", wie Superintendent Dave George sagt.

Was darunter wohl zu verstehen ist? Über die Meinungsfreiheit und ihre Ausübung wird auf der Insel zwar viel gestritten. Vor kurzem etwa sorgte die gerade erst eingeführte Bannmeile rund ums Parlament für Aufregung. Unter Berufung auf die Sperrzone war die Polizei gegen eine junge Kriegsgegnerin strafrechtlich vorgegangen worden, die am zentralen Kriegerdenkmal in der Nähe des Unterhauses die Namen der mittlerweile 100 im Irak getöteten britischen Soldaten verlesen hatte.

Kritiklos in Khartoum

Was die Mohammed-Karikaturen angeht, gab es aber eine einheitliche, fast beängstigende Front aus Politik und Presse, die sich von Anfang an in Appeasement übten. Das Wort hat einen schlimmen Klang, seit die konservative Regierung damit in den dreißiger Jahren ihre Untätigkeit gegenüber der immer größer werdenden Nazi-Bedrohung rechtfertigte.

Dieser Tage hat auch die anglikanische Staatskirche ihre Teilhabe am Appeasement-Konsens demonstriert. Zunächst stattete der Erzbischof von Canterbury, der in Personalunion auch Chef der weltweiten Anglikanischen Gemeinschaft ist, dem Sudan einen Besuch ab. Das schwarzafrikanische Land erlebte jahrelang einen Bürgerkrieg zwischen dem muslimischen Norden und dem christlichen Süden. In der Hungerprovinz Darfur im Westen des riesigen Landes verüben die arabischen Dschandschawid-Milizen, offenbar geduldet von der muslimischen Zentralregierung in Khartum, Greueltaten an der einheimischen Bevölkerung; langjährige Beobachter wie der frühere Bundesinnenminister Gerhart Rudolf Baum sprechen schon längst von einem Völkermord.

Der frühere Erzbischof George Carey hatte sich 1994 einem Besuchsprogramm der Regierung verweigert und war über Uganda in den christlichen Süden des Landes gereist. Das hatte damals die Ausweisung des britischen Botschafters zur Folge. Der jetzige Erzbischof Rowan Williams ließ sich brav von der Regierung bewirten, der Völkermordsprovinz Darfur stattete er keinen Besuch ab. Im christlichen Süden des Landes erwies er sich offenbar als wohlinformiert über die jahrelange Zwangsislamisierung, die seit dem Sieg der christlichen Sudanesischen Volksbefreiungsarmee langsam rückgängig gemacht wird. In einem langen BBC-Interview nach seiner Heimkehr aber beschränkte sich Williams auf gedrechselte Floskeln: Die Islamisierungspolitik sei "nicht im Interesse vieler Einwohner des Sudans gewesen".

"Entsetzt" über harmlose Karikatur

Wer glaubte, der gelehrte Theologe sei zu eindeutigeren Aussagen nicht fähig, wurde im gleichen Interview eines Besseren belehrt. Für "eine aussergewöhnliche rechtliche Anomalie" hält der Erzbischof das US-Internierungslager Guantanámo Bay, wo seit Jahren Hunderte von Muslimen ohne rechtliches Gehör festgehalten werden. Das Vorgehen der Amerikaner gebe "Tyrannen weltweit, jetzt und in Zukunft" das falsche Signal. Dem tyrannischen Regime von Khartoum blieb Williams ein eindeutiges Signal schuldig.

Dafür sandte Williams' walisischer Kollege diese Woche eine Vielzahl von Signalen, eines devoter als das andere, an die Muslime von Wales. Anlass war "Y Llan", das Kirchenblättchen auf Walisisch mit einer Auflage von 400 Exemplaren. Dessen Chefredakteur hatte in der jüngsten Nummer wortreich für die Toleranz zwischen den auf Abraham zurückgehenden Religionen Judentum, Christentum und Islam plädiert. Illustriert war der Artikel mit einem eher harmlosen Exemplar der Mohammed-Karikaturen. Die Zeichnung zeigt den Propheten auf einer Himmelswolke neben Gott und Buddha, die zu ihm sagen: "Beschwer' Dich nicht - wir alle sind schon karikiert worden".

Als Erzbischof Barry Morgan die Karikatur sah, "war ich entsetzt", berichtete der Kirchenmann der BBC. "Ich habe persönlich einige Exemplare aus unseren Kirchen entfernt." Alle Abonnenten des obskuren Magazins erhielten einen Brief mit der Bitte um Rücksendung. Dem "Y Llan"-Chefredakteur warf Morgan öffentlich "einen schweren Fehler" vor, woraufhin der Geistliche pflichtgemäss seinen Rücktritt einreichte.

Damit nicht genug. Morgan beauftragte einen Bischof mit der genauen Untersuchung des Falles. Ohne das Ergebnis abzuwarten, wandte er sich unverzüglich telefonisch an den walisischen Muslimenrat, vereinbarte einen Termin und entschuldigte sich persönlich bei dessen Generalsekretär Saleem Kidwai. Der nahm die Entschuldigung grossmütig an: "Wir schätzen die Sorge des Erzbischofs um unsere Gefühle." Die Demonstration auf dem Trafalgar Square hat schon vorab die Gefühle eines wenig bekannten Muslimischen Aktionskomitees verletzt. Es ruft zu einer Gegendemonstration auf - zum Glück im 200 Kilometer entfernten Birmingham.



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