Von Hasnain Kazim, Islamabad
Islamabad/Rawalpindi - Armeehubschrauber kreisen über der pakistanischen Hauptstadt Islamabad und dem benachbarten Rawalpindi, wo am Sonntagmorgen ein Sonderkommando der Armee eine Geiselnahme beendet hat. Pakistan ist in Alarmbereitschaft, man rechnet mit weiteren Anschlägen. An den großen Ausfahrtstraßen haben Polizei und Paramilitärs ihre Posten verstärkt, vor allem Busse und Transporter werden gründlich auf Waffen und Sprengstoff kontrolliert. Selbst am Sonntag bilden sich an den großen Kreuzungen deshalb Staus.
Am Samstagvormittag gegen 11.30 Uhr waren vermutlich neun Terroristen in der Garnisonstadt Rawalpindi mit einem weißen Suzuki-Bus vor das streng bewachte Hauptquartier der pakistanischen Armee gefahren und hatten die Posten am ersten Kontrollpunkt überwältigt. Da der Bus mit Armeekennzeichen versehen war und die Insassen Uniformen trugen, hatten sich die Wachsoldaten zunächst nichts dabei gedacht. Die Terroristen eröffneten sofort das Feuer, töteten sechs Soldaten, darunter einen Brigadegeneral und einen Oberst. Erst an einem zweiten Kontrollpunkt wurden die Angreifer gestoppt. Vier von ihnen wurden erschossen, fünf gelang die Flucht ins Innere des Stützpunktes, wo sie insgesamt 42 Geiseln nahmen.
Eine Spezialeinheit beendete die Geiselnahme nun am Sonntagvormittag gewaltsam. Schon am Samstagabend hatten Soldaten den Raum am Rande des Hauptquartiers, in dem sich die Geiselnehmer und ihre Opfer verschanzt hatten, umstellt. Am Sonntag um 6 Uhr Ortszeit begann dann der Sturm auf die Angreifer. "39 Geiseln wurden gerettet", sagte ein Armeesprecher am Mittag. "Drei Geiseln, zwei Soldaten und vier Terroristen kamen bei der Befreiung ums Leben." Damit habe der Terror insgesamt 19 Menschenleben gefordert.
Pakistanische Taliban bekennen sich
Zu der Tat bekannte sich Berichten zufolge eine Untergruppe der Tehrik-i-Taliban (TTP), der pakistanischen Taliban-Organisation. Die Gruppe hatte nach dem Tod ihres Anführers Beitullah Mehsud bei einem US-Drohnenangriff im August Rache angekündigt, seitdem ist die Zahl der Anschläge in Pakistan weiter gestiegen.
Die Angreifer von Rawalpindi hätten Sprengstoff am Körper getragen, außerdem selbst gebaute Bomben und Granaten, hieß es. "Sie wollten sich und alle Geiseln in die Luft sprengen und größtmöglichen Schaden anrichten", sagte der Armeesprecher. "Das haben wir in einer wirklich meisterhaften Befreiungsaktion verhindern können", lobte er den Einsatz des Sonderkommandos.
Der mutmaßliche Anführer der Gruppe habe verletzt überlebt und sei festgenommen worden, berichteten pakistanische Fernsehsender. Bei ihm soll es sich um einen Mann namens Aqeel alias Dr. Usman handeln. Ein Mitarbeiter des Geheimdienstes, der anonym bleiben wollte, wird in Nachrichtenagenturen mit den Worten zitiert: "Er ist einer der gefährlichsten Terroristen und hat Verbindungen zu al-Qaida."
Aqeel sei der mutmaßliche Drahtzieher des Angriffs auf die sri-lankische Kricket-Nationalmannschaft im vergangenen März in der ostpakistanischen Stadt Lahore gewesen, bei dem mehrere Spieler verletzt und sechs Polizisten getötet worden waren. Er werde außerdem verdächtigt, an einem Anschlag auf den damaligen Präsidenten Pervez Musharraf im Juli 2007 beteiligt gewesen zu sein.
Terror kehrt zurück
Mit der Taliban-Attacke kehrt der Terror nach Monaten der Ruhe in die pakistanische Hauptstadt und die Schwesterstadt Rawalpindi zurück: Auch bei dem Selbstmordanschlag auf das Büro des Welternährungsprogramms in Islamabad vergangene Woche verkleidete sich der Terrorist als Soldat und bat um Einlass, um zur Toilette gehen zu dürfen. Wie jetzt in Rawalpindi schöpften die Sicherheitsleute keinen Verdacht, als sie den Uniformierten einließen.
In Pakistan dürfte nun die Debatte darüber beginnen, wie die Sicherheit vor allem in den bevölkerungsreichen Städten gewährleistet werden kann. Sicherheitskontrollen sind bisher vor allem Kosmetik, behaupten die Menschen: Polizisten und Paramilitärs würden lediglich Autofahrer schikanieren und wahllos Fahrzeuge stoppen und kontrollieren.
Die beiden Fälle in Islamabad und Rawalpindi offenbaren, wie einfach es ist, sich Zugang zu sensiblen Orten zu verschaffen: Das Tragen einer Uniform genügt. Sowohl das Büro des Welternährungsprogramms als auch das Armeehauptquartier sind eigentlich hoch gesichert. Die Anlage in Rawalpindi ist zudem ein Machtzentrum des nach wie vor einflussreichen Militärs in Pakistan. Das Land wurde bereits von vier Militärdiktatoren regiert, heute noch mischt die Armee mehr als in einer Demokratie üblich in der Politik mit.
Kampfansage an das pakistanische Volk
Der Anschlag auf das Hauptquartier ließ die Sympathien der Bevölkerung mit den Militärs jedoch steigen. Menschen jubelten am Sonntagmittag den Soldaten zu, die die Kaserne nach dem Ende der Geiselbefreiung verließen. Manche lobten die Armee für das robuste Zugreifen. "Wenn sich die Attentäter in die Luft gesprengt hätten, hätte es noch mehr Opfer gegeben", sagte ein Augenzeuge vor dem Eingang zum Hauptquartier.
Dennoch sendet der Anschlag ein Besorgnis erregendes Signal: Die Taliban sind wieder da, und trotz aller Sicherung und Kontrolle sind selbst die sensibelsten Machtzentralen vor ihnen nicht sicher. Wenn selbst das Hauptquartier des Militärs nicht davor gefeit ist, angegriffen zu werden, wer ist es dann?
Der Angriff ist eine erneute Kampfansage an die pakistanische Regierung, die auf der Seite der USA gegen Terroristen kämpft, aber auch eine Kampfansage an die pakistanische Bevölkerung, die zwar mehrheitlich anti-amerikanisch eingestellt ist, aber zugleich auch den Anti-Terror-Kurs unterstützt und genug von Anschlägen und Selbstmordattentaten hat.
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