Washington - Von Tunesien bis Pakistan - in vielen muslimischen Ländern ist es aus Empörung über einen in den USA produzierten islamfeindlichen Film zu einer Welle der Gewalt gegen Einrichtungen der USA gekommen. Die Vereinigten Staaten haben inzwischen auch eine schnelle Eingreiftruppe der Marineinfanterie in den Sudan entsandt, wie aus US-Regierungskreisen verlautete. Am Freitag hatte es nach dem Angriff auf die deutsche Botschaft auch die US-Vertretung in Khartum getroffen.
Der Schritt sei als Reaktion auf die Gewalt und als Vorsichtsmaßnahme erfolgt. Derartige Teams der Marineinfanterie sind bereits am Mittwoch nach Libyen und am Freitag in den Jemen entsandt worden. Bei einer Trauerfeier für die beim Angriff auf das US-Konsulat in Bengasi getöteten Diplomaten sagte US-Präsident Barack Obama: "Wir werden standhalten angesichts der Gewalt gegen unsere diplomatischen Missionen." In der libyschen Stadt hatten wütende Demonstranten am Dienstag den US-Botschafter, drei weitere Diplomaten sowie libysche Sicherheitskräfte getötet. Danach erfasste der Zorn über den Film, der den Propheten Mohammed als Mörder, Kinderschänder und Frauenheld verunglimpft, Muslime in mehr als 20 Staaten.
Bei dem Gedenken auf dem Luftwaffenstützpunkt Andrews sagte Obama: "Ihr Opfer wird niemals vergessen werden, wir werden diejenigen, die sie uns genommen haben, zur Rechenschaft ziehen." Die Regierung werde weiterhin "alles in ihrer Macht" Stehende tun, um US-Bürger im Ausland zu schützen, versicherte der Präsident. US-Verteidigungsminister Leon Panetta sagte dem Magazin "Foreign Policy": "Wir müssen darauf vorbereitet sein, dass diese Demonstrationen außer Kontrolle geraten." Erste Vermutungen, das Terrornetzwerk al-Qaida stecke hinter der Attacke auf das Konsulat in Bengasi, hätten sich aber nicht erhärtet, so das Weiße Haus.
Merkel: Gewalt kein Mittel der politischen Auseinandersetzung
Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen hat die Gewalt gegen diplomatische Einrichtungen in der arabischen Welt scharf verurteilt. Die Angriffe seien "nicht zu rechtfertigen", kritisierten die 15 Mitglieder des höchsten Uno-Gremiums in einer am Freitagabend beschlossenen Erklärung. Sie zeigten sich "zutiefst beunruhigt" über die Lage. Diplomatische Vertretungen seien von Natur aus friedlich. "Zu den zentralen Aufgaben von Diplomaten gehört es, ein besseres Verständnis zwischen Ländern und Kulturen zu fördern", erklärte der Sicherheitsrat weiter.
Die EU-Chefdiplomatin Catherine Ashton verurteilte "jene, die Religion nutzen, um Extremismus anzustacheln". Ähnlich äußerte sich Bundeskanzlerin Angela Merkel. "Gewalt darf nie Mittel der politischen Auseinandersetzung sein", erklärte sie am Freitagabend. EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso nannte die Attacken "absolut inakzeptabel".
Bei den Protesten nach den traditionellen Freitagsgebeten sind mehrere Menschen ums Leben gekommen, viele wurden verletzt. Im Sudan gab es bei den Zusammenstößen mit Sicherheitskräften vor der US-Botschaft nach Informationen des TV-Senders al-Arabija einen Toten. In Tunis kamen beim Sturm aufgebrachter Muslime auf die US-Botschaft mindestens drei Menschen ums Leben, 28 wurden nach Berichten der tunesischen Nachrichtenagentur TAP verletzt. In Tripolis im Libanon, wo seit Freitag Papst Benedikt XVI. zu Besuch ist, kam ein Mensch ums Leben, 25 wurden nach Angaben aus Sicherheitskreisen verletzt.
Auch in Kairo wurde ein Demonstrant erschossen. Auf der Halbinsel Sinai stürmten Extremisten einen Posten der internationalen Friedenstruppe. Nach Angaben eines Sprechers der Truppe wurden vier kolumbianische Soldaten verletzt. Der ägyptische Präsident Mohammed Mursi rief im staatlichen Fernsehen zur Ruhe auf, nachdem er sich tagelang nur zurückhaltend geäußert und damit die US-Regierung aufgebracht hatte. Am Freitag telefonierte US-Präsident Barack Obama mit Mursi.
Imame in Deutschland rufen zur Besonnenheit auf
Die wütenden Proteste in der islamischen Welt hatten sich auch gegen Deutschland gerichtet. Tausende Demonstranten steckten am Freitag die deutsche Botschaft in Sudans Hauptstadt Khartum in Brand - der Anschlag war allerdings seit mehreren Tagen geplant und geschah in erster Linie nicht aus Wut über den Film. Botschaftsmitarbeiter kamen nicht zu Schaden. Das Auswärtige Amt riet deutschen Staatsbürgern, das Gebiet um die Botschaft in Khartum bis auf Weiteres zu meiden. Das Ministerium mahnte auch grundsätzlich zur Vorsicht bei Reisen in muslimische Länder.
Bundeskanzlerin Angela Merkel äußerte angesichts der Übergriffe "große Sorge". "Ich verurteile die Angriffe auf die deutsche Botschaft in Khartum sowie auf mehrere amerikanische Botschaften in aller Schärfe", erklärte sie am Freitagabend. Außenminister Guido Westerwelle verurteilte das Video erneut in aller Schärfe. Das "Schmähvideo" sei eine "Beleidigung von vielen Millionen Menschen, aber auch dieses törichte und schreckliche Video rechtfertigt keine Gewalt", sagte er in den ARD-"Tagesthemen".
In Deutschland blieb es rund um die Freitagsgebete ruhig. In vielen Städten hatten Imame die Gläubigen zu Besonnenheit aufgerufen. Muslime in aller Welt sollten die Provokation ignorieren und auf keinen Fall mit Gewalt reagieren, sagte der Vorsitzende der islamischen Gemeinde im bayerischen Penzberg, Benjamin Idriz. Die größte Berliner Moschee machte das Schmähvideo über den Propheten spontan zum Thema des Freitagsgebets.
abl/dapd/dpa
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