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Angriff auf Bundeswehr-Patrouille: Deutscher Soldat in Afghanistan getötet

Von , und Shoib Najafizada

Neuer Angriff auf die Bundeswehr in Afghanistan: In der Nähe von Kunduz ist bei einer Attacke auf eine Patrouille ein deutscher Soldat getötet worden. Vier Soldaten wurden verletzt. Es ist bereits der zweite Anschlag während des Besuchs von Außenminister Steinmeier am Hindukusch.

Der Überraschungsbesuch von Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) in Afghanistan ist am Mittwoch von zwei schweren Anschlägen auf die Bundeswehr überschattet worden. Dabei kam ein Soldat ums Leben, insgesamt neun wurden verletzt.

Eine Patrouille geriet am Abend in der Nähe des deutschen Feldlagers Kunduz in einen Hinterhalt, wie das Verteidigungsministerium am Mittwochabend in Berlin mitteilte. Die Soldaten wurden demnach bei dem Angriff gegen 19 Uhr Ortszeit mit Handfeuerwaffen und Granaten angegriffen. "Nach derzeit vorliegenden Informationen ist bei diesem Feuergefecht ein deutscher Soldat gefallen, vier weitere deutsche Soldaten wurden leicht verletzt", hieß es in einer Erklärung des Ministeriums. Wegen der einbrechenden Dunkelheit waren weitere Ermittlungen schwierig. Nähere Details lagen zunächst nicht vor.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier verurteilte den Anschlag. "Die Ereignisse erfüllen mich mit Trauer", sagte er nach Informationen von SPIEGEL ONLINE. "Wir verurteilen diesen Anschlag auf das Schärfste. Es ist ein feiger, heimtückischer Anschlag, der zeigt, dass die Feinde Afghanistans auch vor so einer gemeinen Aktion nicht zurückschrecken. Für mich gilt: Auch solche Anschläge dürfen uns nicht davon abhalten, diesem geschundenen Volk zur Seite zu stehen."

Die Taliban bekannten sich am späten Mittwochabend zu dem tödlichen Anschlag. Per Satellitentelefon sagte ein Taliban-Sprecher zu SPIEGEL ONLINE, Kämpfer der Islamisten hätten am Abend einen "Konvoi der Feinde" nordwestlich von Kunduz angegriffen. Dabei hätten die Kämpfer die Fahrzeuge mit Maschinengewehren beschossen und Raketen auf die Soldaten geschossen.

Am Mittwoch war Steinmeier überraschend nach Afghanistan gereist. Bereits kurz nach seiner Ankunft gab es einen ersten Anschlag auf die Bundeswehr, bei dem fünf Soldaten leicht verletzt wurden.

Die Taliban unterrichteten SPIEGEL ONLINE nur eine halbe Stunde nach der Tat telefonisch von dem Angriff. Wie bereits bei früheren Angriffen brüsteten sie sich mit der Attacke und übertrieben den Schaden, den sie angerichtet hatten.

Bemerkenswert an dem Anschlag und der Propagandaaktion war aber das Timing der Taliban. So teilte der Sprecher mit, der Anschlag stehe im direkten Zusammenhang mit Steinmeiers Besuch. "Wir wussten von der Visite", so der Sprecher, "und der Anschlag ist ein Zeichen für den deutschen Außenminister."

Das Verteidigungsministerium erklärte dagegen, es gebe keine Erkenntnisse, dass ein Zusammenhang zwischen dem Anschlag und dem Besuch Steinmeiers bestehe. Diese Position vertritt auch der Außenminister.

Steinmeier setzte trotz der beiden Anschläge seinen Besuch am Donnerstag fort. Er verstehe dies als Signal, vor der Gewalt nicht zu kapitulieren, sagte er.

In Masar-i-Scharif wollte der Außenminister einen renovierten Flugplatz eröffnen. Dort sagte Steinmeier in einer Ansprache vor deutschen Soldaten in einem Hangar: "Ich bin zu ihnen gekommen, um Ihnen meinen Respekt zu erweisen. Mein Mitgefühl gilt den Angehörigen und Ihnen, den Kameraden des Verstorben." Wenn man über den Aufbau in Afghanistan spreche, dürfe man "nie vergessen, dass viele dafür Gefahren für Leib und Leben auf sich nehmen. Die Anschlägwe haben gewzeigt: Die Täter schrecken aiuch vor kaltblütigem Mord nicht zurück."

"Nie wieder" dürfe Afghanistan zu einem "Hort für weltweit operierenden Terrorismus werden", sagte Steinmeier. "Deshalb müssen wir bei aller Trauer auch nach vorne sehen. Der Auftrag bleibt. Wir stehen nicht alleine, auch nicht mit diesem Verlust. Auch nicht an diesem Tag der Trauer.

Deutschland hat die Wiederherstellung des Airports mitfinanziert. Dies ist nach Ansicht Steinmeiers ein "Leuchtturmprojekt" für die Entwicklung der Infrastruktur in Afghanistan. Das Auswärtige Amt und der Abu Dhabi Entwicklungsfonds investieren zusammen 35 Millionen Euro in den Bau eines neuen Kontrollturms und neuer Hangars.

Der Außenminister wollte mit seinem zweitägigen Besuch eigentlich das Signal geben, dass es aufwärts gehe mit Afghanistan. Am Mittwochnachmittag besuchte er den Babur-Garten im Zentrum der Hauptstadt Kabul, eines der wichtigsten Naherholungsziele der Bevölkerung, dessen Wiederherstellung Deutschland mitfinanziert hat.

Danach besuchte er die Deutsche Botschaft in Kabul, die am 17. Januar dieses Jahres von einer 100 Kilogramm schweren Sprengstoffbombe stark beschädigt wurde. Den Mitarbeitern der Botschaft dankte er bei einem Empfang auf der Terrasse der Residenz dafür, "dass sie mutig ausgehalten haben". Man dürfe sich von den hinterhältigen Anschlägen nicht entmutigen lassen. "Nach vier Jahren der intensiven Beschäftigung mit diesem Land spüre ich neben allen Rückschlägen auch die Verbesserungen", sagte Steinmeier.

Zuvor hatte Steinmeier bereits Afghanistans Präsident Hamid Karzai getroffen. Dieser rief den Außenminister nach dem zweiten Anschlag an und sprach Deutschland sein Mitgefühl aus.

Die zuvor nicht öffentlich angekündigte Reise ist der vierte Besuch des Außenministers in Afghanistan. Zuletzt war er im Juli vergangenen Jahres an den Hindukusch gereist.

Nach Angaben des Ministeriums sind seit Beginn des Bundeswehreinsatzes am Hindukusch 32 deutsche Soldaten ums Leben gekommen. In Afghanistan sind mehr als 3800 deutsche Soldaten stationiert.

Karzai und Afghanistan
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Hamid Karzai
AFP
Hamid Karzai ist der derzeit amtierende Präsident Afghanistans. Nach der ersten Phase des Afghanistan-Kriegs hatten ihn die USA und die Uno auf der Petersberger Afghanistan-Konferenz im Dezember 2001 als Regierungschef einer afghanischen Interimsregierung durchgesetzt. Die Loya Jirga wählte Karzai 2002 zum Präsidenten einer Übergangsregierung, und nach Verabschiedung einer neuen Verfassung bestimmten ihn die Afghanen 2005 in direkter Wahl zu ihrem Präsidenten. Durch den Einfluss der Warlords blieb Karzais Macht jedoch beschränkt. Zuletzt verlor er auch die Unterstützung der USA.

Hamid Karzai wurde 1957 in Kandahar geboren. Er gehört dem mächtigen Paschtunen-Stamm der Popalzai an, der mehrere afghanische Könige hervorbrachte. Karzai studierte in Indien und hielt sich immer wieder in den USA auf. Zusammen mit den Mudschahidin kämpfte er in den achtziger Jahren gegen die sowjetische Besetzung Afghanistans . Aus dem Exil in Pakistan unterstützte Karzai die Taliban zunächst, wandte sich dann aber gegen das Regime, dem auch die Ermordung seines Vaters zugeschrieben wird. Nach Beginn der amerikanischen Militäraktion in Afghanistan kehrte Karazi 2001 in seine Heimat zurück und stellte sich an die Spitze der Anti-Taliban-Bewegung in der Region Kandahar.

Präsidentschaftswahlen
dpa
Am 30. August 2009 wählten die Afghanen ihren neuen Präsidenten. Doch es kam zu massiven Fälschungen, insbesondere zugunsten Karzais. Die Auszählungsergebnisse in 210 Wahllokalen wurden anschließend für ungültig erklärt. Karzai, der sich zuvor als Sieger gesehen hatte, verfehlte nach dem um manipulierte Stimmen bereinigten Endergebnis die absolute Mehrheit: Er erreichte nur 49,67 Prozent der Stimmen.

Eine Stichwahl zwischen Karzai und Ex-Außenminister Abdullah Abdullah sollte die Entscheidung bringen. Doch der Herausforderer zog seine Kandidatur zurück mit der Begründung, es könne wie im ersten Durchgang erneut zu Unregelmäßigkeiten kommen. Die afghanische Wahlkommission rief Karzai daraufhin erneut zum Präsidenten aus.

Isaf-Einsatz
DDP
Nach Beginn des Afghanistan-Kriegs 2001 und dem Sturz der radikal-islamischen Taliban beschloss der Uno-Sicherheitsrat , eine internationale Schutztruppe im Land ( Isaf ) einzusetzen. Sie soll den Wiederaufbau Afghanistans zu einer Demokratie absichern, auch indem sie zivile Wiederaufbauteams (PRTs) schützt, von denen derzeit 26 tätig sind.

Der Einsatz war zunächst auf die Hauptstadt Kabul und deren Umgebung beschränkt und wurde bis 2006 auf das ganze Land ausgeweitet. Seit 2003 führt die Nato die Isaf. Derzeit gehören ihr mehr als 119.000 Soldaten aus 46 Nationen an, darunter auch aus Nicht-Nato-Staaten wie Australien und Neuseeland.
Deutschland übernahm 2006 das Isaf-Kommando für den Norden Afghanistans. 2007 bestellte die Bundeswehr sechs Aufklärungsflugzeuge vom Typ Tornado ab, die Luftbilder aus ganz Afghanistan für Isaf liefern. Die Bundesrepublik stellt derzeit mit mehr als 4000 Soldaten die drittgrößte Truppe nach den USA und Großbritannien.

Probleme in Afghanistan
AFP
Da die Taliban inzwischen wieder an Stärke gewonnen haben, nehmen die militärischen Auseinandersetzungen zu. Besonders hart umkämpft ist der Osten des Landes, wo die meisten US-Soldaten stationiert sind. Die schwer kontrollierbaren Stammesgebiete Pakistans gelten als Rückzugsgebiet und Nachschubbasis der Taliban.

Die Stabilisierung Afghanistans wird durch Korruption, die bis in höchste Regierungskreise verbreitet ist, sowie durch Drogenproduktion und -schmuggel erschwert.

Opium-Wirtschaft
REUTERS
Obgleich die afghanische Übergangsregierung unter Karzai im Januar 2002 den Schlafmohnanbau verboten hat, ist der Drogenanbau rasch wieder zum dominierenden Wirtschaftszweig Afghanistans geworden. Das Land ist der weltweit größte Produzent von Rohopium .

Mit Einnahmen aus dem Drogenschmuggel finanzieren die Taliban ihren Kampf gegen Karzais Regierung und die ausländischen Truppen. Die Bekämpfung ist problematisch, weil viele Menschen von dem Handel leben. Isaf -Soldaten sind inzwischen befugt, gegen Drogenhändler vorzugehen und Laboratorien zu zerstören, in denen Schlafmohn zu Opium verarbeitet wird.

Afghanistan-Krieg
REUTERS
Der Afghanistan-Krieg der USA und ihrer Verbündeten war die erste große militärische Reaktion auf die Terroranschläge vom 11. September 2001 . Er richtete sich sowohl gegen das Terrornetzwerk al-Qaida , das für die Anschläge verantwortlich gemacht wird, als auch gegen das seit Mitte der neunziger Jahre in Afghanistan herrschende islamisch-fundamentalistische Taliban -Regime.

Die Taliban wurden bezichtigt, Osama Bin Laden und andere hochrangige Mitglieder von al-Qaida zu unterstützen und zu beherbergen.

Die erste Kriegsphase endete mit dem Fall der Hauptstadt Kabul und der Provinzhauptstädte Kandahar und Kunduz im November und Dezember 2001. Auf der Petersberger Afghanistan-Konferenz im Dezember 2001 wurde eine Interimsregierung unter Präsident Hamid Karzai eingesetzt und die Einberufung einer verfassunggebenden Loya Jirga beschlossen. Gleichzeitig erteilte der Uno-Sicherheitsrat den Nato-Staaten und mehreren Partnerländern das Isaf -Mandat zur Unterstützung des Wiederaufbaus.

Mit Material von dpa und AP

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