Angriff auf Gaza-Konvoi Israels zweifelhafter Krieg der Bilder

Armeevideos und Soldaten, die von einem Lynchmob sprechen: Israel versucht mit allen Mitteln zu beweisen, dass die Gewalt auf den Gaza-Hilfsschiffen von den Aktivisten an Bord ausging. Doch der Kampf um die Deutungshoheit der blutigen Aktion offenbart Schwächen.

Aus Aschdod berichtet Ulrike Putz


Der Feldwebel spricht leise, er hält sich den Unterarm, als ob er schmerze: "Wir dachten, wir würden auf Leute treffen, die den Frieden wollen", sagt er in einen Strauß von Mikrofonen. "Stattdessen haben wir den Krieg gesehen." Der Soldat, der der internationalen Presse im israelischen Aschdod vorgeführt wird, scheint tief beeindruckt, als er von seinem Einsatz auf dem Hilfsschiff "Mavi Marmara" berichtet. Bei der Aktion waren am Montagmorgen bis zu neun Aktivisten getötet, Dutzende Passagiere und sieben israelische Soldaten verletzt worden .

Der Feldwebel in Olivgrün erzählt auf dem Marine-Stützpunkt im Hafen, was er vom ersten israelischen Hubschrauber aus beobachtete, als sich die Einsatzkräfte auf das Deck der Fähre abseilen. Wie er noch vom Helikopter aus beobachtet, dass zwei Männer mit Stangen auf einen seiner Kameraden einschlagen. "Ich bin runter, mit bloßen Händen, ich hatte ja keine Waffe dabei", sagt der Feldwebel, dessen Name von der israelischen Armee mit Y. abgekürzt wird. Er habe seinen Kameraden befreit, sei dann selbst von "Männern mit Wahnsinn in den Augen" angegriffen worden. "Da habe ich meine Paintball-Pistole gezogen und sie damit in Schach gehalten."

Paintball? Was macht ein israelischer Elitesoldat in einem absehbar gefährlichen Einsatz mit einer Spielzeug-Farbpistole als einziger Waffe? Es sollte nicht die einzige Frage bleiben, die an diesem von der israelischen Armee (IDF) organisierten Informationsabend unbeantwortet blieb. Einen Soldaten "frisch vom Schiff, noch in Einsatzuniform", hatte Armeesprecherin Avital Leibovich versprochen. Er sollte den Anwesenden berichten, was wirklich geschehen war auf der "Mavi Marmara": "Der Mob wollte uns lynchen, hat uns mit Schweizer Armeemessern, Scheren und Pfefferspray angegriffen", erzählt Y.

Während er noch spricht, geht an die israelischen Medien ein Video heraus, das die Marine gefilmt hat: Rechtzeitig zu den Hauptnachrichten haben Israels TV-Sender so die Bilder, die Y.s Geschichte untermauern. Der kurze Clip zeigt, wie sich israelische Soldaten auf die "Mavi Marmara" abseilen, wie sie dort von etwa 20 Männern mit Gewalt empfangen werden. Die Zivilisten schwingen Stöcke und Plastikstühle, schubsen die Soldaten, einen werfen sie über die Reling auf ein tieferes Deck des Schiffs. Nach einer Minute dann fuchtelt ein Soldat mit einer an ihrem Munitionsaufsatz erkennbaren Paintball-Pistole herum: Es liegt nahe, dass es sich dabei um Y. handelt.

Keine Fragen, keine Frontalaufnahmen, Bilder nur von hinten. Die israelische Armee versucht bei Y.s Auftritt die Kontrolle wiederzuerlangen, die sie im Laufe des Montags fast vollständig verloren zu haben schien: Erst beim Einsatz auf der "Mavi Marmara", bei dem ihre Soldaten unter noch ungeklärten Umständen neun Menschen erschossen. Später, als die krisenerprobte PR-Abteilung die weltweite Empörung nicht mehr in den Griff bekam.

Trotz der abendlichen Versuche der IDF, die Deutungshoheit der Ereignisse noch an sich zu reißen, herrschte am Dienstag schlechte Stimmung in Jerusalem. Israel habe eine PR-Schlacht verloren, analysieren die Kommentatoren der großen Medien einmütig. Die Zeitung "Jedioth Ahronoth" erklärte das Versagen der Propagandamaschine mit einer Reise des Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu: Da der zum Zeitpunkt der israelischen Kommando-Aktion mit großer Entourage in Kanada auf Staatsbesuch gewesen sei, seien die besten Spin-Doktoren außer Landes gewesen und hätten so den Schaden nicht eindämmen können.

Ursachenforschung dazu, wie es an Bord der "Mavi Marmara" zu einem Blutbad kommen konnte, betrieben nur ganz wenige in Israel. Die Mehrheit der Bevölkerung teilte anscheinend die Meinung des Stabschefs Gabi Aschkenazi, der am Dienstag bei einem Besuch verwundeter Soldaten sagte, seine Männer hätten "ganz großartig" gehandelt.

Dem jedoch widerspricht, was Soldat Y. gesagt hatte. "Wir waren auf all das nicht vorbereitet", hatte er seinen Bericht über den Paintball-Einsatz abgeschlossen. Warum nicht? Diese Frage darf man einer Armee, die so viel auf ihre gut ausgebildeten Spezialkräfte hält wie die israelische, stellen.

Einer der wenigen, der sie stellt, ist Reuven Pedatzur von der linksliberalen Zeitung "Haaretz". Er nennt die Vorfälle ein "schweres Debakel". Die Panik, die die Einsatztruppen übermannt und zum Tod so vieler geführt habe, werfe Fragen über die Qualifikation der Soldaten auf. Man müsse sich ernsthafte Sorgen machen. Der Geheimdienst habe genügend Zeit gehabt, sich im Vorfeld zu erkundigen, mit wem man es an Bord der Schiffe zu tun habe, schreibt Pedatzur. Sollten die Dienste tatsächlich Erkenntnisse gehabt haben, dass sich unter den Aktivisten gewaltbereite Provokateure befänden, sei die gewählte Taktik bei dem Einsatz absolut falsch gewesen. "Wieso wurden keine Tränengas-Granaten auf Deck geworfen, bevor die Soldaten an Bord gingen?"

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