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23. Mai 2011, 12:06 Uhr

Angriff auf Marinestützpunkt

Taliban erklären Pakistan den Krieg

Von , Islamabad

Sie kamen im Schutz der Nacht, ausgerüstet mit modernen Waffen: Taliban-Krieger haben eine Marinebasis in Karatschi angegriffen, mindestens zwölf Menschen sind tot. Ein Sprecher der Extremisten bezeichnet die Attacke als Auftakt zum Krieg gegen Pakistan.

Eine gespenstische Ruhe umgibt den Marinefliegerstützpunkt Mehran in der südpakistanischen Hafenmetropole Karatschi. Schwer bewaffnete Soldaten haben die Anlage umstellt. Auf den Gebäuden in der Umgebung liegen Scharfschützen auf den Dächern. Autos mit Soldaten, die Gewehre im Anschlag, passieren im Schritttempo die Wache am Eingang. Dann rückt die Verstärkung an: 230 Mitglieder eines Sondereinsatzkommandos. Niemand weiß, was sie drinnen erwartet.

In der Nacht auf diesen Montag war eine Gruppe von mindestens zehn Terroristen in den Stützpunkt eingedrungen. Andere Quellen berichten von 15 bis 20 Bewaffneten. Die Männer drangen durch drei verschiedene Eingänge in die Kaserne ein und griffen gleichzeitig mehrere Ziele im Inneren an. Eine Gruppe fand den Weg zu den Flugzeughallen und zerstörte drei Flugzeuge der pakistanischen Marine.

Bis zum Montagmorgen waren 25 Explosionen zu hören, die ganze Nacht wurde geschossen. Mehrere Flugzeuge starteten in der Nacht und verließen den Stützpunkt. Anwohner sprachen von "gigantischen Erschütterungen" und einem "Höllenlärm". Nach jüngsten Informationen starben mindestens zwölf Menschen, allesamt Angehörige der pakistanischen Streitkräfte. 14 Menschen wurden verletzt.

"Wir sind in höchster Alarmbereitschaft"

Zuletzt jedoch herrschte Ruhe, nur einmal waren Gewehrschüsse zu hören. Polizei und Armee haben im weiten Umkreis des Stützpunktes die Straßen blockiert, seit der Nacht ist der Strom ausgefallen. Wohl durch die Explosionen, vermuten die Anwohner.

"Wir haben keine Information, ob die Angreifer gefangengenommen oder getötet wurden oder ob sie sich verschanzt haben", sagte ein Militärsprecher SPIEGEL ONLINE. "Wir sind in höchster Alarmbereitschaft und rechnen jederzeit damit, dass unsere Soldaten auf dem Stützpunkt erneut angegriffen werden."

Nach Angaben des Sprechers haben die Terroristen mehrere Personen in einem Gebäude auf dem Gelände als Geiseln genommen, darunter mehrere chinesische Arbeiter. Es sei möglich, dass es weitere Geiseln gebe, sagt er. Die unheimliche Stille wird immer wieder von Sirenen unterbrochen, Krankenwagen rasen herbei, bleiben dann aber vor der Kaserne stehen. Militär und Polizei gehen jetzt davon aus, dass nach wie vor Terroristen auf dem Gelände sind. Nach neuesten Angaben sind 13 Soldaten getötet worden. Außerdem sollen zwei Militante getötet worden sein, als sie versuchten, vom Stützpunkt zu fliehen.

Erst gegen Mittag die erlösende Nachricht: "Der Einsatz ist beendet, das Gebäude befreit", wie der Militärsprecher sagt. Über 16 Stunden lang haben Soldaten und Extremisten sich ein Gefecht geliefert.

Die pakistanischen Taliban, die Organisation Tehrik-e-Taliban Pakistan (TTP), beanspruchten am Montagmorgen die Täterschaft für sich. Der Angriff sei eine Rache für die Tötung von Qaida-Chef Osama Bin Laden am 2. Mai in der nordpakistanischen Stadt Abbottabad, tönten sie. Ein Taliban-Sprecher sagte SPIEGEL ONLINE am Telefon, man werde Pakistan in nächster Zeit mit Angriffen überziehen. "Wir erklären Pakistan den Krieg. Dies ist nur der Auftakt. Pakistan ist unser Feind Nummer eins, erst dann kommen die USA."

Gerüchte über Tod von Mullah Omar

Diese Kriegserklärung ist noch brisanter vor dem Hintergrund einer anderen Meldung: Am Montagmorgen kursierte das Gerücht, Taliban-Chef Mullah Omar sei in Pakistan getötet worden. Das meldete ein afghanischer Fernsehsender.

Auf dem angegriffenen Marinestützpunkt in Karatschi waren in der Nacht auf den Montag meterhohe Flammen zu sehen. Ein Militärsprecher im Hauptquartier in Rawalpindi sagte, ein Aufklärungsflugzeug vom Typ P-3C Orion sei von den Angreifern zerstört worden, zwei weitere seien "beschädigt, aber nicht zerstört". Vermutlich hatten die Terroristen Sprengstoff an den Maschinen angebracht. Spekulationen, sie hätten Raketen auf die Flugzeuge abgefeuert, ließen sich nicht bestätigen.

Marinesprecher Irfan ul-Haq sagte, noch sei unklar, wie die Terroristen auf den Stützpunkt gelangt seien. "Unsere Kräfte reagierten, sobald sie die erste Explosion hörten", sagte er. Soldaten, Paramilitärs und Terroristen hatten sich in der Nacht stundenlange Feuergefechte geliefert. Einige der Angreifer verschanzten sich daraufhin in einem Gebäude. "Wir wissen, dass sie hochmoderne Waffen haben", sagte ul-Haq. Berichte, wonach sechs Angreifer getötet worden seien, wollte er nicht bestätigen.

In den vergangenen Tagen hatten Terroristen mehrfach Angehörige von Militär und Polizei, aber auch Zivilisten angegriffen.

"Warum kannten sie sich so gut in der Anlage aus?"

Die pakistanische Regierung verurteilte den jüngsten Angriff auf den Marinestützpunkt, Premierminister Yousuf Raza Gilani schickte Innenminister Rehman Malik nach Karatschi, "um die Bemühungen zur Wiederherstellung der Sicherheit vor Ort zu koordinieren".

"Wir müssen unbedingt herausfinden, wie es sein kann, dass eine so große Gruppe von Terroristen in eine Kaserne gelangen und sich so lange Gefechte liefern kann", sagte der pensionierte General Talat Masood. "Warum kannten sie sich so gut in der Anlage aus? Wer hat ihnen Munition und Waffen geliefert?"

Wieder einmal steht der Verdacht im Raum, Soldaten selbst, die mit den Extremisten sympathisieren, könnten zumindest Informationen weitergegeben haben. Dieser Verdacht kam schon im Oktober 2009 auf, als sich Terroristen knapp 24 Stunden lang im hochgesicherten Armeehauptquartier in Rawalpindi verschanzten. Auch aus den von WikiLeaks veröffentlichten US-Botschaftsberichten geht hervor, dass Washington einzelnen Akteuren in pakistanischem Militär und Geheimdienst Verbindungen zu Islamisten nachsagt.

Die USA verlangen von Pakistan, nach den Einsätzen gegen Taliban im Swat-Tal und in Süd-Waziristan, nun auch in Nord- Waziristan militärisch gegen Extremisten vorzugehen. Dort sollen sich Taliban aus anderen Teilen Pakistans, aber auch aus Afghanistan aufhalten, sowie Mitglieder des Haqqani-Netzwerks, das Washington für tödliche Angriffe auf US-Soldaten in Afghanistan verantwortlich macht. Pakistan zögert mit einem militärischen Vorgehen und verweist darauf, dass das Militär mit den bisherigen Operationen und mit den Folgen der Flutkatastrophe vom vergangenen Sommer ausgelastet sei.

Außerdem, heißt es in der pakistanischen Regierung, rechne man mit noch mehr Anschlägen, sollte die Armee in Nord-Waziristan einmarschieren.

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