Angriff auf russischen Journalisten Wahrheitskämpfer im künstlichen Koma

Sein Vergehen waren offenbar Berichte über Staatskritiker und eine umstrittene Autobahn. Der brutale Überfall auf den Journalisten Oleg Kaschin löst Empörung in Russland aus - auch im Kreml. Dabei haben vor allem offizielle Organisationen gegen den 30-Jährigen gehetzt, der womöglich nie wieder gesund wird.

Von , Moskau

Oleg Kaschin (2009): Die Ärzte versetzten ihn in ein künstliches Koma
AFP/ Kommersant

Oleg Kaschin (2009): Die Ärzte versetzten ihn in ein künstliches Koma


Es habe keine Warnung geben. Auch keine Drohungen, sagt die Frau von Oleg Kaschin, 30, Reporter der renommierten Tageszeitung "Kommersant". Natürlich, die üblichen Schmähungen im Internet, denen zufolge der "Verräter des russischen Volkes" nun "bestraft werden" müsse.

Nun liegt Kaschin mit einem doppelten Kieferbruch, gebrochenen Beinen und einem Schädeltrauma im Krankenhaus. Die Ärzte haben den Journalisten in ein künstliches Koma versetzt. Kollegen gehen davon aus, dass er zusammengeschlagen wurde, weil er ein kritischer Reporter ist. Von einer "demonstrativen Brutalität" spricht "Kommersant"-Chefredakteur Michail Michailin. Kaschins Hausmeister sagt: "Sie haben ihn nicht mit Fäusten zusammengeschlagen, sondern mit irgendwelchen Gegenständen."

Laut Aussagen einer Nachbarin haben zwei Männer dem Journalisten in der Nacht auf Samstag aufgelauert. Er war auf dem Weg nach Hause, sie warteten nach Mitternacht am Zaun - mit einem Blumenstrauß als Tarnung, als warteten sie auf die Damen ihres Herzens. Dann schlugen sie zu.

Die Jugend der Putin-Partei hetzte offen gegen Kaschin

Die Tat ist auch eine Warnung an die kritischen Journalisten in Russland generell. Kaschin berichtet seit 2009 für "Kommersant", vor allem über Russlands außerparlamentarische Opposition. Die "Junge Garde" der Putin-Partei Einiges Russland hetzte deshalb gegen ihn. Er gehöre zu einem "faschistisch-journalistischen Untergrund-Zentrum", wurde behauptet. Auch auf der Internetseite dieser Organisation kann man bis heute nachlesen, der "Journalisten-Verräter" müsse bestraft werden.

Den Zorn der kremltreuen Jungaktivisten zog sich Kaschin zuletzt vor allem deshalb zu, weil er ausführlich über einen Konflikt vor den Toren Moskau berichtete. Im Vorort Chimki soll ein Waldstück einer achtspurigen Autobahn weichen, und Umweltschützer widersetzen sich seit Jahren dem Bauvorhaben. Im Sommer eskalierte der Konflikt. Erst attackierten vermummte Schlägertrupps ein Zeltlager von Umweltschützern, dann feuerte eine Hundertschaft Anarchisten und Aktivisten der "Antifaschistischen Bewegung" Salven aus Gaspistolen auf das Rathaus in Chimki und schleuderte Steine und Rauchgranaten in die Fenster. Kaschin veröffentlichte danach ein Interview, in dem er einen der Organisatoren der Attacke von links anonym zu Wort kommen ließ:

"Wenn sie den Wald abholzen, werden Späne fliegen."
"Wer sind diese 'Späne'?"
"Die Bullen."

Kritiker werden faktisch für vogelfrei erklärt

Nach dem Überfall jetzt hat sich die "Junge Garde" beeilt, das "barbarische Verbrechen" zu verurteilen. "Jene, die den Journalisten Oleg Kaschin überfallen haben, müssen mit der ganzen Härte des Gesetzes bestraft werden", heißt es auf ihrer Seite. Man bevorzuge die Mittel der "politischen Auseinandersetzung".

In dieser Auseinandersetzung sind sie allerdings keineswegs zimperlich. Für die Kreml-Jünger machen sich Journalisten wie Kaschin selbst des "Extremismus" schuldig, auch wenn sie bloß Berichte schreiben. Die Jugendgruppen überziehen Menschenrechtler, kritische Reporter und Oppositionelle mit Hasstiraden, erklären sie zu "Feinden des russischen Volkes" und damit faktisch für vogelfrei.

Im Sommerlager der Putin-Jugend am Seliger See diffamierten die "Naschi - Die Unsrigen" politische Gegner als Handlanger des Faschismus. Sie stellten Puppen mit Wehrmachtsuniform aus, die das Konterfei von Oppositionellen und Menschenrechtlern trugen - freilich erst, als man sich unter seinesgleichen wähnte und internationale Gäste und Berichterstatter das Lager verlassen hatten.

Medwedew fordert Aufklärung der Tat

Russlands Präsident Dmitrij Medwedew hat sich nun persönlich in den Fall Kaschin eingeschaltet und Generalstaatsanwalt Juri Tschaika und Innenminister Raschid Nurgalijew befohlen, den Fall mit höchster Priorität zu untersuchen: "Die Täter müssen gefunden und bestraft werden." Medwedew fordert seit langem eine Modernisierung des Riesenreiches und betreibt eine vorsichtige Liberalisierung. Zuletzt hielten auch internationale Experten Fortschritte bei der Pressefreiheit fest. Im Ranking der Organisation "Reporter ohne Grenzen" verbesserte sich Russland um 13 Plätze, liegt aber immer noch auf Rang 140 und damit hinter Äthiopien.

Außerdem gibt es kaum Fortschritte bei der Aufklärung von Angriffen auf Regimekritiker. Bislang wurden weder der Mord an der Journalistin Anna Politkowskaja an Wladimir Putins Geburtstag 2006 aufgeklärt, noch der Tod der Menschenrechtsaktivistin Natalia Estemirowa im Juli 2009. Auch der Journalist und Umweltschützer Michail Beketow, 52, wird sich nie wieder von dem Attentat gegen ihn erholen. Der Gründer der "Wahrheit von Chimki" berichtete wie Oleg Kaschin über den umstrittenen Autobahnbau. Im November 2008 lauerten ihm Unbekannte vor seinem Wohnhaus auf und schlugen ihn halb tot.

Die Angriffe auf Medienvertreter trügen inzwischen "systematischen Charakter", klagt Wladimir Lukin, der Menschenrechtsbeauftragte des Kreml. "Wir können nicht jedem Journalisten eine Wache zur Seite stellen", sagt er. Es gebe nur einen Weg, Überfälle wie diesen zu verhindern: "Wir müssen die Qualität der Arbeit der Rechtsschutzorgane verbessern - und für unabwendbare Bestrafung sorgen."



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creativefinancial 07.11.2010
1. Rechtsstaat
Zitat von sysopSein Vergehen waren offenbar Berichte*über Kreml-Kritiker und eine umstrittene Autobahn. Der brutale Überfall auf den Journalisten Oleg Kaschin löst Empörung in Russland aus - auch im Kreml. Dabei haben vor allem offizielle Organisationen gegen den 39-Jährigen gehetzt, der womöglich nie wieder gesund wird. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,727727,00.html
Sicherlich werden die Täter ermittelt und verurteilt---- schliesslich ist Russland doch ein REchtsstaat---hahaha
hegelotl 07.11.2010
2. Diktator Putin
Zitat von sysopSein Vergehen waren offenbar Berichte*über Kreml-Kritiker und eine umstrittene Autobahn. Der brutale Überfall auf den Journalisten Oleg Kaschin löst Empörung in Russland aus - auch im Kreml. Dabei haben vor allem offizielle Organisationen gegen den 39-Jährigen gehetzt, der womöglich nie wieder gesund wird. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,727727,00.html
Rußlands Nazi-Diktator Putin hat sich seine Nazi-Putin-Jugend geschaffen so wie sich einst Hitler seine Hitler-Jugend geschaffen hat. Diese kriminellen jungen Leute machen jetzt das, wofür sie geschaffen und auf ihren Sommerlagern trainiert wurden: kritische Journalisten halb tot prügeln. Wer die Verantwortlichen für die Verbrechen an Kaschin und anderen kritischen Geistern finden will, muß beim Nazi-Diktator Putin selbst anfangen.
recardo, 07.11.2010
3. .
Zitat von sysopSein Vergehen waren offenbar Berichte*über Kreml-Kritiker und eine umstrittene Autobahn. Der brutale Überfall auf den Journalisten Oleg Kaschin löst Empörung in Russland aus - auch im Kreml. Dabei haben vor allem offizielle Organisationen gegen den 39-Jährigen gehetzt, der womöglich nie wieder gesund wird. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,727727,00.html
Dieses Putin-Rußland ist ein korrupter Polizeistaat, wo nur der etwas zählt, der Geld hat. Mit Rechtssystem ist da nichts und wenn ihnen ihre Bürger zu kritisch werden, passiert eben soetwas.
Anton T 07.11.2010
4. nicht wundern
In den Sommerlagern von "Naschi" und "Molodaja Gvardija" haben die Teilnehmer/innen in der Vergangenheit den Umgang mit der Kalaschnikow trainiert, ausdrücklich mit dem Ziel, um eine mögliche farbige Revolution wie in Georgien oder der Ukraine gewaltsam niederzuschlagen. Die jungen Anhänger Putins wurden also dafür trainiert, mit der Opposition brutal umzugehen. Genau das ist jetzt wieder einmal passiert. Kein Grund also sich zu wundern. Das war abzusehen. Und es gibt nicht den geringsten Anlaß zu der Annahme, daß die Jung-Putinisten mit ihren blutigen Machenschaften in Zukunft etwa aufhören würden. Im Gegenteil. Je größer die Unruhe im Volk wird- und das wird sie- desto brutaler wird mit der Opposition und kritischen Journalisten abgerechnet werden.
glad07 07.11.2010
5. Kein Titelzwang
Zitat von Anton TIn den Sommerlagern von "Naschi" und "Molodaja Gvardija" haben die Teilnehmer/innen in der Vergangenheit den Umgang mit der Kalaschnikow trainiert, ausdrücklich mit dem Ziel, um eine mögliche farbige Revolution wie in Georgien oder der Ukraine gewaltsam niederzuschlagen. Die jungen Anhänger Putins wurden also dafür trainiert, mit der Opposition brutal umzugehen. Genau das ist jetzt wieder einmal passiert. Kein Grund also sich zu wundern. Das war abzusehen. Und es gibt nicht den geringsten Anlaß zu der Annahme, daß die Jung-Putinisten mit ihren blutigen Machenschaften in Zukunft etwa aufhören würden. Im Gegenteil. Je größer die Unruhe im Volk wird- und das wird sie- desto brutaler wird mit der Opposition und kritischen Journalisten abgerechnet werden.
Ich würde mich auf Ihrer Seite lieber freuen, dass in Russland kein solcher Chaos wie in Georgien oder Ukraine in Folge der vom Westen finanzierten und eingesetzten "demokratischen" Regierungen herrscht. Man kann leider nicht alles auf einmal haben: Stabilität, Demokratie, starke Wirtschaft etc...
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