Angriff auf Saddam "Das ist der dicke Fisch"

Der Luftangriff auf Saddam Hussein war eine Blitzaktion aus heiterem Himmel. Nur 45 Minuten nach der Information über Saddams angeblichen Aufenthaltsort legten vier Bomben das Gebäude in Schutt und Asche, doch der irakische Präsident scheint davon gekommen zu sein.


Der B1-Bomber wurde ins Zentrum der Stadt umdirigiert
AP

Der B1-Bomber wurde ins Zentrum der Stadt umdirigiert

Bagdad - Eigentlich sollte Fred Swann seine tödliche Fracht in einer ganz anderen Gegend abwerfen. Doch dann kam der dringende Einsatzbefehl. "Das ist der dicke Fisch" - mit diesen Worten, sagte der Waffenoffizier des amerikanischen B-1-Bombers, sei seine Maschine umdirigiert worden. Das neue Ziel war ein Restaurant in der Innenstadt Bagdads: der angebliche Aufenthaltsort des irakischen Präsidenten Saddam Hussein sowie seiner Söhne Kussei und Udai.

Nach Angaben der US-Luftwaffe schlugen die Bomben nur zwölf Minuten nach dem Angriffsbefehl in das Restaurant ein. Offenbar sollte sichergestellt werden, dass nichts und niemand überlebte. Zwei 900 Kilogramm schwere Bomben des Typs GBU-31 bohrten sich metertief in die Erde, ehe sie explodierten. Sekunden später detonierten zwei weitere Bomben gleicher Größe unmittelbar nach ihrem Aufschlag. Wo zuvor das Restaurant stand, klaffte nach dem Angriff ein 18 Meter tiefer rauchender Krater.

Helfer vermuten 14 Tote nach Luftangriff

US-Panzer im Zentrum von Bagdad
AP/ Atlanta Journal-Constitution

US-Panzer im Zentrum von Bagdad

Der Angriff richtete in dem wohlhabenden Stadtteil Mansur schwere Schäden in einem Umkreis von 300 Metern an. Irakische Rettungssanitäter bargen zunächst zwei Tote, vermuteten aber bis zu zwölf weitere Menschen unter den Trümmern. Nach dem Luftangriff ging ein Hagel aus Geschossen von Kampfflugzeugen, Panzern und Artillerie auf das Zentrum der Hauptstadt nieder.

"Wir erhielten den Befehl, dass es sich um ein Ziel der feindlichen Führung mit hoher Priorität handelt", sagte US-Luftwaffenoberst Fred Swan, ein Mitglied der vierköpfigen Besatzung des B-1-Bombers. Sein Flugzeug habe gerade ein Auftank-Manöver in der Luft beendet. Kurz darauf habe er die Bomben abgeworfen. "Ich weiß nicht, wer in dem Gebäude war", sagte Swann. "Und ehrlich gesagt ist es mir auch egal."

Immer unwahrscheinlicher wird allerdings, dass Saddam und seine Söhne unter den Toten sind. Offenbar waren kurz nach dem Angriff bereits US-Kräfte vor Ort. Gentests sollen endgültig Aufschluss geben. "Es wird viel gegraben, und es werden DNS-Tests vorgenommen", sagte ein Gewährsmann mit Kontakten zum militärischen Geheimdienst gegenüber der Nachrichtenagentur AP.

Bagdad: Trümmer nach dem Angriff auf das Wohngebiet Mansur
AP

Bagdad: Trümmer nach dem Angriff auf das Wohngebiet Mansur

Die britischen Geheimdienste halten es laut BBC für unwahrscheinlich, dass Saddam getötet wurde. Der Sender berichtete, der irakische Machthaber sei der Bombardierung vermutlich um Minuten entkommen.

Das Pentagon gab sich zunächst optimistisch, Saddam getötet zu haben. Es sei bekannt, dass der Staatschef das Restaurant mehrfach besucht und es wegen seiner Lage in einem Wohnviertel für sicher gehalten habe. Später revidierte das US-Verteidigungsministerium seine Einschätzung. Generalmajor Stanley McChrystal sagte am Abend in Washington, der irakische Regierungschef kontrolliere offenbar noch immer Einheiten der Republikanischen Garde und Todesschwadrone.

Das Risiko für Zivilisten steigt

US-Truppen auf dem Flugplatz Raschid, wo ein amerikanisches A-10-Flugzeug abgeschossen wurde
REUTERS

US-Truppen auf dem Flugplatz Raschid, wo ein amerikanisches A-10-Flugzeug abgeschossen wurde

Amerikanische Truppen stießen unterdessen am Dienstag erstmals auch von Norden aus nach Bagdad vor. US-Brigadegeneral Vincent Brooks sprach von teilweise heftigem Widerstand der irakischer Elitetruppen und paramilitärischer Verbände in mehreren Teilen der Hauptstadt. Die meisten der etwa 300 Iraker seien getötet und ihre bis zu 50 Panzer zerstört worden. Dabei komme es auch zu Häuserkämpfen, womit das Risiko für die Zivilbevölkerung steige.

Nach heftigen Kämpfen am nördlichen Stadtrand bewegten sich US-Einheiten des 5. Korps in Richtung Zentrum. Nach den Vorstößen von Süden und Südosten gebe es damit eine zusätzliche Stoßrichtung, sagte Brooks im US-Hauptquartier in Bagdad.

In mehreren Teilen der Hauptstadt flammten am Dienstag immer wieder Gefechte auf. US-Truppen wehrten nach eigenen Angaben einen größeren irakischen Angriff auf die Umgebung des Neuen Präsidentenpalastes ab, der am Vortag von US-Truppen besetzt worden war. Dabei seien mindestens 50 Iraker getötet worden, sagte ein US-Offizier.

Im Südosten von Bagdad kämpften sich Marineinfanteristen auf den Militärflugplatz Raschid vor. Der Flugplatz liegt laut Brooks in einem strategisch wichtigen Gebiet zwischen den Flüssen Diala und Tigris. In der Umgebung des internationalen Flughafens wurde ein Erdkampfflugzeug des Typs A-10 "Warthog" von einer irakischen Rakete abgeschossen. Der Pilot überlebte und wurde von US-Truppen geborgen.

Ein US-Fallschirmjäger in den Quartieren der Republikanischen Garde nahe dem Bagdader Flughafen
DPA

Ein US-Fallschirmjäger in den Quartieren der Republikanischen Garde nahe dem Bagdader Flughafen

Bei den Kämpfen vom Montag wurden nach Schätzungen der US-Streitkräfte 600 bis 1000 irakische Kämpfer getötet. Das US-Oberkommando gab die Zahl der eigenen Toten seit Kriegsbeginn mit 89 an.

Weitere Ereignisse des Tages:

  • Im Süden des Irak begannen das britische und das US-Militär damit, das durch den Fall der Gebiete entstandene Machtvakuum zu füllen. Die britischen Truppen arbeiteten dabei eigenen Angaben zufolge in Basra mit einem lokalen Repräsentanten zusammen. Die USA leiteten erste Schritte zum Aufbau einer Zivilverwaltung im Südirak ein. Zunächst sollten 20 Mitarbeiter der von den USA geführten Behörde zum Aufbau einer Zivilverwaltung in der südirakischen Stadt Umm Kasr den Bedarf an humanitärer Hilfe feststellen.
  • Im Nordirak kamen die alliierten Verbände nur langsam voran. Rund um die Stadt Kirkuk wurden schwere Bombardements gemeldet. Ein irakische Soldat sagte der Nachrichtenagentur Reuters, die irakischen Truppen seien "psychologisch ruiniert". Zahlreiche Offiziere hätten ihre Waffen und Rangabzeichen weggeworfen.
  • Die Lage in den Krankenhäusern Bagdads hat sich weiter zugespitzt. "Mehrere Kliniken haben kaum noch Wasser und keinen Strom", sagte ein Sprecher des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK). Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO mangelt es in den Kliniken an medizinischen Gütern zur Behandlung von Brand- und Splitterwunden sowie Wirbelsäulenverletzungen. Zudem mangele es an sauberem Wasser. Mit steigenden Temperaturen steige auch die Gefahr von Cholera-Erkrankungen bei Kindern.

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