Angriff auf Uno-Posten Blauhelm-Soldaten flehten stundenlang um Hilfe

Der Tod von vier Blauhelm-Soldaten belastet die Beziehungen zwischen der Uno und Israel. Ministerpräsident Olmert zeigte sich befremdet über Vorwürfe, nach denen es sich um einen gezielten Angriff gehandelt habe. Allerdings: Die Uno-Soldaten warnten das israelische Militär mehrfach, bevor die Bomben sie töteten.


Jerusalem - War es ein tragisches Versehen oder blutige Absicht? Der israelische Luftangriff, bei dem am Dienstagabend vier Blauhelm-Soldaten der Vereinten Nationen ums Leben kamen, sorgt für Ärger zwischen der Uno und Israel. Den Worten eines Uno-Offiziers zufolge riefen die Blauhelme auf ihrem Beobachterposten in der Nähe der Stadt Chijam in den sechs Stunden vor dem Angriff zehn Mal einen israelischen Verbindungsoffizier an, um ihm mitzuteilen, dass die Bomben der israelischen Luftwaffe ihnen bedrohlich nahe kamen. Das berichtet der US-Nachrichtensender CNN.

Nach jedem Anruf habe der israelische Offizier versprochen, die Bombardierung stoppen zu lassen, sagte der Uno-Offizier der Beobachtermission Unifil in Noqoura laut CNN. Doch tatsächlich verhallte der Hilferuf ungehört. Ein Unifil-Sprecher erklärte, der Posten sei von einer Bombe direkt getroffen worden.

Dem Sender CNN liegt nach eigenen Angaben eine Uno-Chronik der Ereignisse der Nacht vor. Danach explodierte um 13.20 Uhr eine erste Bombe nur rund 200 Meter entfernt von dem später getroffenen Uno-Posten. Daraufhin hätten sich die Beobachter zum ersten Mal telefonisch bei ihrem Kontaktmann bei der israelischen Armee gemeldet. Schon zu diesem Zeitpunkt sei ihnen versichert worden, die Angriffe würden gestoppt.

In den folgenden Stunden schlugen jedoch rund neun weitere Bomben im Umkreis von 100 bis 400 Metern ein. Nach jeder Explosion riefen die Blauhelme aufs Neue bei den Israelis an. Um 19.40 Uhr Ortszeit verlor das Unifil-Hauptquartier den Kontakt zu dem Posten. Dies sei offensichtlich der Zeitpunkt des genauen Treffers gewesen, sagte der Uno-Offizier laut CNN.

Schwere Vorwürfe der Uno

Zuvor hatte bereits Uno-Generalsekretär Kofi Annan schwere Vorwürfe gegen die israelische Armee erhoben. Geschockt und zutiefst beunruhigt sprach Annan von einem "anscheinend vorsätzlichen" Angriff der israelischen Streitkräfte auf den Uno-Posten im Südlibanon. Der Stützpunkt existiere schon seit geraumer Zeit und sei klar gekennzeichnet gewesen. Er verwies darauf, dass Uno-General Alain Pelligrini am Dienstag mehrfach in Kontakt mit der israelischen Armee gewesen sei, um darauf hinzuwirken, dass speziell der nun zerstörte Posten geschützt werden müsse.

"Ich fordere die israelische Regierung zu einer umfassenden Untersuchung dieses überaus beunruhigenden Vorfalls auf und verlange, dass alle Angriffe auf Uno-Stellungen und Angehörige aufhören müssen", sagte Annan.

Israels Ministerpräsident Ehud Olmert zeigte sich angesichts der Anschuldigungen befremdet. "Der Regierungschef sagte, es könne nicht sein, dass ein Versehen von der Uno als absichtliche Tat definiert wird", hieß es in einer Erklärung der israelischen Regierung. Der israelische Uno-Botschafter Danny Gillerman sagte, er sei "schockiert" über die "hasserfüllten" Äußerungen von Annan. "Ich bin überrascht über die voreiligen und falschen Behauptungen", sagte Gillerman weiter.

Israels Botschafter spricht von Verleumdung

Auch Israels Botschafter in Deutschland, Schimon Stein, wies Annans Äußerung scharf zurück. "Diese Äußerung ist eine Verleumdung, die wir wirklich nicht akzeptieren können, und wir werden den UN-Generalsekretär auch um Entschuldigung für diese Verleumdung bitten, jenseits des bedauerlichen Ereignisses, das passiert ist", sagte Stein dem Nachrichtensender N24.

Olmert bekundete Annan seine "tiefe Trauer" über die vier getöteten Uno-Beobachter im Südlibanon. Bei dem Vorfall habe es sich um einen tragischen Unfall gehandelt, teilte die israelische Regierung mit. In einem Telefongespräch mit Annan habe Olmert eine umgehende Untersuchung zugesagt.

Einer der Toten ist ein Chinese, bei den anderen Opfern handelt es sich nach libanesischen Angaben um einen Österreicher, einen Kanadier und einen Finnen. China verurteilte den Angriff der israelischen Luftwaffe und forderte eine sofortige Waffenruhe. Zudem bestellte China den israelischen Botschafter ein und verlangte eine Entschuldigung für den israelischen Angriff. China sei "tief schockiert" und erwarte, dass alle Konfliktparteien - "besonders Israel" - alles täten, um die Sicherheit von Uno-Friedenssoldaten zu gewährleisten, hieß es.

Der finnische Außenminister Erkki Tuomioja sprach von einem "schrecklichen" und "völlig inakzeptablen" Vorfall. Der Tod der Soldaten werde "vermutlich den Druck (auf Israel) erhöhen, einer Waffenruhe zuzustimmen. Finnland hält zurzeit turnusgemäß die EU-Ratspräsidentschaft.

Uno-Generalsekretär Annan forderte heute bei der internationalen Libanonkonferenz in Rom ein "sofortiges Ende" der Kämpfe. Die humanitäre Lage sei "entsetzlich und gefährlich", sagte Annan laut Redetext. Durch eine Waffenruhe könnten "wichtige Stunden und Tage" für Gespräche über Hilfeleistungen gewonnen werden.

Annan forderte die Schiitenmiliz Hisbollah auf, ihre Angriffe auf die israelische Bevölkerung zu beenden. Israel solle seinerseits Luftangriffe, Blockaden und Bodenoperationen einstellen. Annan wiederholte seinen Vorschlag einer internationalen Truppe, die eine "entscheidende Rolle" in der Region spielen könne.

Schwere Gefechte im Südlibanon

Bei Gefechten mit Kämpfern der Hisbollah-Miliz sollen in der südlibanesischen Stadt Bint Dschbeil mehrere israelische Soldaten getötet worden sein, wie arabische Medien berichteten. Der Fernsehsender al-Arabija meldete mindestens zwölf getötete Israelis. Die Streitkräfte in Jerusalem sprachen lediglich von mehreren Verwundeten.

Auf den Norden Israels wurden erneut mehrere Raketen vom Libanon aus abgefeuert, dabei wurde nach Angaben von Ärzten mindestens fünf Menschen zum Teil schwer verletzt. Hisbollah-Führer Scheich Hassan Nasrallah drohte mit Raketenangriffen, die über die Stadt Haifa hinaus tiefer ins Landesinnere reichen sollen.

Auf dem Beiruter Flughafen landete ein jordanisches Militärflugzeug, das Verwundete ausfliegen sollte. Der Flughafen ist seit dem 13. Juli geschlossen, nachdem die israelische Luftwaffe alle drei Landebahnen bombardiert hatte. Von der Hauptstadt aus machte sich der erste Uno-Konvoi mit Hilfsgütern auf den Weg nach Tyrus. Laut dem Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) sollten die zehn Lastwagen den Flüchtlingen in der Hafenstadt Hilfsgüter und Medikamente bringen, die von der libanesischen Regierung und verschiedenen Uno-Organisationen gespendet wurden.

Bei israelischen Luftangriffen im Gaza-Streifen wurden mindestens zwölf Palästinenser getötet, wie Sicherheitskräfte und Mediziner mitteilten. Unter den Opfern war neben mindestens acht Extremisten auch ein kleines Mädchen.

phw/Reuters/dpa/AP/AFP/CNN



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