Angriff in Lahore: Taliban richten Blutbad in Moscheen an
Die Terroristen kamen mit Sprengstoffwesten und Handgranaten. Taliban-Milizen haben in Lahore zwei Moscheen überfallen und mindestens 70 Gläubige der Ahmadi-Gemeinde getötet, die in Pakistan nicht als Muslime anerkannt sind. Erst nach stundenlangen Schießereien befreite die Polizei 2000 Geiseln.
Shahid Mehmood war spät dran am Freitag. Das rettete ihm das Leben - er kam nicht mehr in die Moschee hinein. Kurze Zeit später stürmten mit Pistolen und Handgranaten bewaffnete Männer das Gotteshaus in Lahore, schossen um sich und warfen Granaten in die Menge. Viele Menschen waren sofort tot, andere starben erst später im Krankenhaus.
"Ich hörte plötzlich Krankenwagen und Polizeisirenen in der Nähe der Moschee", erzählt Mehmood SPIEGEL ONLINE. "Daraufhin fuhr ich sofort ins Jinnah-Krankenhaus, um den Menschen zu helfen, die dort eingeliefert wurden."
Gleichzeitig mit dem Angriff auf die Moschee im Stadtteil Model Town griffen Terroristen eine weitere Moschee im Stadtteil Garhi Shahu an. Auch hier das gleiche Vorgehen: Schüsse in die Menge, Handgranaten. An beiden Orten des Grauens waren Explosionen zu hören. Fernsehbilder zeigten einen Extremisten, der vom Dach aus auf die anrückende Polizei feuerte. Einige Terroristen sollen auch Sprengstoffwesten getragen und sich in die Luft gesprengt haben. Die Polizei konnte später, nach dem Blutbad, eine dieser Westen entschärfen.
Fünf Stunden blieb Mehmood im Krankenhaus, sah, wie Menschen mit abgerissenen Gliedmaßen und blutenden Wunden sowie leblose Körper eingeliefert wurden. "Ich bin nach Hause gegangen, als ich das Gefühl hatte, dass die Lage unter Kontrolle ist." Er hörte, dass die Polizei nach langen Schusswechseln in die Moscheen eingedrungen und die Terroristen verhaftet beziehungsweise getötet habe. Ein Polizeisprecher erklärte, man habe "alles im Griff". Doch auch am späten Nachmittag waren noch Schießereien zu hören.
Mindestens 70 Menschen haben an diesem blutigen Freitag ihr Leben in den Gotteshäusern verloren, mehr als hundert wurden verletzt. Die Polizei befreite aus beiden Moscheen insgesamt 2000 Menschen, die sich dort zu Gebeten eingefunden hatten.
Angriff während des Freitagsgebets
Es war ein typisches Vorgehen der Terroristen, ein Angriff zur Zeit des Freitagsgebets, wenn die Moscheen voll besetzt sind und ein Gewaltakt möglichst viele Opfer zur Folge hat. Die Polizei teilte mit, in Garhi Shahi hätten sich drei Attentäter in die Luft gesprengt, über den Angriff in Model Town machten sie keine Angaben.
Doch anders als bei bisherigen Terroranschlägen, bei denen die Taliban scheinbar wahllos irgendeine Moschee attackierten, suchten sie sich diesmal gezielt die Gebetshäuser einer Minderheit aus, nämlich die der Ahmadi-Sekte.
Zu der Tat bekannten sich die pakistanischen Taliban. Sie warfen den Mitgliedern der Glaubensgemeinschaft in einem Schreiben vor, keine echten Muslime zu sein, weil sie Mohammed nicht als letzten Propheten anerkennen würden. Sie würden den Heiligen Krieg nicht unterstützen und "gemeinsame Sache mit den Juden" machen. Deshalb sollten sie Pakistan verlassen, andernfalls würde man sie töten. Der heutige Angriff sei nur der Anfang, berichteten pakistanische Fernsehsender.
Ein Sprecher der Ahmadi sagte SPIEGEL ONLINE, er befürchte "eine neue Welle der Gewalt gegen unsere Gemeinschaft". Sollte das der Fall sein, werde sich die ohnehin "gespaltene pakistanische Gesellschaft noch weiter spalten". Dabei wolle man doch nur friedlich miteinander leben, ohne Gewalt. "Wir haben die Menschen aufgerufen, friedlich gegen die Gewalt gegen uns zu demonstrieren", sagte er. Am Nachmittag, noch während in den beiden von der Polizei weiträumig abgeriegelten Moscheen geschossen wurde, strömten Menschen zusammen und bildeten eine Menschenkette.
Verfolgt und diskriminiert
Tatsächlich lehnt die 1891 gegründete Ahmadi-Gemeinde jegliche Form von Gewalt ab. Weltweit gehören ihr schätzungsweise 20 Millionen Mitglieder an, mehrere Millionen davon in Pakistan. Hier jedoch werden sie verfolgt und diskriminiert. Auf Druck sunnitischer Konservativer wurde ihnen Mitte der siebziger Jahre unter der Herrschaft von Zulfikar Ali Bhutto verboten, sich als Muslime zu bezeichnen - obwohl in Pakistan offiziell die Religionsfreiheit gilt.
Die Wut der Sunniten - und auch der anderen großen Strömung der Muslime, der Schiiten - ziehen sich die Ahmadi zu, weil ihr Gründer, der gläubige Muslim Mirza Ghulam Ahmad aus dem nordwestindischen Dorf Qadian Ende des 19. Jahrhunderts behauptete, eine Offenbarung von Gott erhalten zu haben, wonach er der vom Propheten Mohammed verheißene Messias und zudem die Reinkarnation von Jesus, Buddha und Krishna zugleich sei. "Ich bin von Gott als eine Manifestation seiner Macht erschienen, und ich bin eine Verkörperung seiner Macht", schrieb er - und ernannte sich zum ersten Kalifen der Ahmadi-Bewegung. Sunniten und Schiiten verweisen dagegen auf das islamische Glaubensbekenntnis, wonach es "keinen Gott außer Allah" gibt, "und Mohammed ist sein Prophet". Warum also verehren die Ahmadi den Gründer ihrer Bewegung als Propheten, lautet der Vorwurf der Mainstream-Muslime.
Immer wieder bleibt es allerdings nicht bei der Kritik, sondern werden Ahmadis Opfer von Gewalt. Tausende sind inzwischen ins Ausland geflohen, auch in Deutschland lebt eine große Ahmadi-Gemeinde. 2008 haben sie in Berlin - nach heftigen Protesten und Debatten über das zwölf Meter hohe Minarett - einen Moschee-Neubau eingeweiht.
Auch Shahid Mehmood, der Mann, der zu spät in die Moschee kam, hat Verwandte in Deutschland. Er selbst will aber vorerst in Lahore bleiben, sagt er am Abend, als er, erschöpft von den Szenen im Krankenhaus, wieder zu Hause ist. Warum? Um seinen Glaubensbrüdern und -schwestern im Land zu helfen.
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