Von Ann-Dorit Boy, Moskau
Schon wieder ist in Russland ein Menschenrechtsaktivist auf brutale Weise zum Schweigen gebracht worden. Unbekannte schossen dem Antikorruptionsaktivisten Albert Ptschelinzew vor seiner Wohnung im Moskauer Vorort Chimki ein Gummigeschoss in den Mund. Der 38-Jährige überlebte schwerverletzt mit zertrümmertem Kiefer. Ptschelinzew ist Vorsitzender der Überregionalen Bewegung gegen Korruption, im vergangenen Jahr hatte er in Chimki eine öffentliche Sprechstunde gegen Korruption eingerichtet. Zuletzt soll ihm gedroht worden sein, wenn er seine Arbeit nicht einstelle, werde man dafür sorgen, dass er für lange Zeit nicht mehr sprechen könne.

Russlands Präsident Medwedew (am Gewehr) bei einem Besuch in Dagestan (zweiter von rechts: der Machthaber Tschetscheniens, Ramsan Kadyrow)
Der Mord an Estemirowa hat international besonders viel Aufmerksamkeit erregt, weil die Mitarbeiterin der Organisation Memorial Entführungen und Morde im ehemaligen Kriegsgebiet Tschetschenien dokumentiert hatte, dem rechtsfreien Reich des Ramsan Kadyrow, eines Schützlings von Ministerpräsident Wladimir Putin.
Estemirowa, die eine Freundin der 2006 ermordeten Tschetschenien-Reporterin Anna Politkowskaja war, hatte kurz vor ihrem Tod die Hinrichtung eines angeblichen Rebellen durch Milizionäre im Internet publik gemacht. Der Menschenrechtsbeauftragte des tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow teilte der Leitung des Memorial-Büros in Grosny daraufhin mit, dass man mit der jüngsten Publikation Estemirowas sehr unzufrieden sei, und dass sie den Stil ihrer Arbeit dringend ändern müsse.
Vier Tage später wurde die 50-Jährige von Unbekannten in ein Auto gezerrt, über die Grenze nach Inguschetien gebracht und mit mehreren Schüssen in Kopf und Brust getötet. Der Leiter der Organisation Memorial, Oleg Orlow, machte sofort den tschetschenischen Präsidenten für die Tat verantwortlich. Dieser revanchierte sich mit einer Verleumdungsklage gegen Orlow und kündigte an, die Mörder von Estemirowa verfolgen zu wollen, mit seinen eigenen, "volkstümlichen Methoden".
Als Reaktion auf den Tod ihrer Mitarbeiterin hat die Organisation Memorial das Büro in Grosny vorerst geschlossen. Man müsse in Ruhe nachdenken, ob und wie man weiterarbeiten könnte, sagte Orlow. Die laufenden Fälle wolle man aber auf jeden Fall weiterverfolgen und niemanden im Stich lassen. Orlow gestand auch, dass er sich schwere Vorwürfe mache, Estemirowa nicht rechtzeitig in Sicherheit gebracht zu haben. "Zumindest hätten wir die Drohung, die sie kurz vor dem Mord erhalten hat, veröffentlichen müssen. Das war unser Fehler."
Medwedew bestürzt
Wie stets nach Morden und Übergriffen auf russische Menschenrechtsaktivisten gab es reichlich internationale Solidaritätsadressen und Entsetzensbekundungen von Brüssel bis Washington. Neu war diesmal, dass auch der russische Präsident Dmitrij Medwedew sich bei seinem Treffen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel in München bestürzt zeigte. Er würdigte die Arbeit der ermordeten Estemirowa und versicherte, dass die Täter bestraft würden. Außerdem ließ Medwedew umgehend ein Beileidsschreiben an das Memorial-Büro in Grosny senden. Nach der Ermordung von Anna Politkowskaja hatte der damalige Präsident Wladimir Putin, ebenfalls zu Besuch in Deutschland, lediglich bemerkt, dass der Tod der kritischen Reporterin Russland mehr schade, als es ihre Veröffentlichungen getan hätten.
Medwedew schlägt schon seit dem Amtsantritt im vergangenen Jahr einen liberaleren Ton an als sein Vorgänger Putin. Er hat mehrfach bekundet, den russischen Rechtsstaat stärken und die Korruption bekämpfen zu wollen. Nachdem im Januar der Menschenrechtsanwalt Stanislaw Markelow und die junge Journalistin Anastasija Barburowa in Moskau auf offener Straße erschossen worden waren, hatte sich Medwedew mit dem Chefredakteur der Oppositionszeitung "Nowaja Gaseta" getroffen, für die Barburowa, Politkowskaja und auch Estemirowa tätig waren. Wenig später gab er dem Kreml-kritischen Blatt sogar sein erstes großes Zeitungsinterview als Präsident.
Außer der Gestik hat Medwedew in den vergangenen Monaten auch reale Maßnahmen ergriffen: Er richtete einen Menschenrechtsrat ein, liberalisierte das Gesetz für die Nichtsregierungsorganisationen und räumte somit eine Vielzahl bürokratischer Erschwernisse und Hürden aus dem Weg.
Die aktuellen Morde und Übergriffe zeigen jedoch, dass sich die Menschenrechtssituation in Russland trotz dieser Bemühungen nicht verbessert hat - im Gegenteil. "Man hat den Eindruck, dass die Übergriffe häufiger werden, geradezu regelmäßig passieren", sagt Simon Cosgrove von der Organisation Amnesty International in Russland. Die Regierung beschütze die Aktivisten nicht und sie verfolge auch nicht die Mörder. "Die russische Regierung ergreift keine effektiven Maßnahmen, um die Menschrechtssituation zu verbessern", urteilt Cosgrove. "Medwedew sagt zwar in vielen Fällen Dinge, die uns gefallen, aber wir hätten gern, dass den Worten auch Taten folgen."
Amnesty International hatte erst im Mai einen erschütternd negativen Bericht über Russland veröffentlicht. Presse- und Meinungsfreiheit seien nach wie vor stark eingeschränkt, hieß es darin. Minderheiten wie Lesben und Schwule würden unterdrückt, ethnische Minderheiten von Rechtsextremen bedroht. Die Justiz sei nicht unabhängig, sondern verlängerter Arm der Macht.
Vor allem im Kaukasus sei die Rechtslage katastrophal verunsichernd, hieß es weiter. Willkürliche Tötungen, Folter und "Verschwindenlassen" gehörten dort zur Tagesordnung. Das russische Außenministerium bezeichnete diesen Bericht als "tendenziös" und warf Amnesty International eine "antirussische Ausrichtung" vor.
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