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Angriffe der Hamas: In Reichweite der Kassam-Raketen

Aus Nir Am berichtet Henryk M. Broder

Ausgebrannte Dächer, verrammelte Läden und ständige Angst, die nächste Rakete könnte weit mehr als nur Sachschaden anrichten: In den israelischen Städten rund um Gaza ist der Alltag dem Ausnahmezustand gewichen - die Menschen beten, die nächste Kassam möge nicht ihr Haus treffen.

Man hört nichts, man sieht nichts, erst wenn die Kassam am Boden aufschlägt, macht es Bumm und eine Druckwelle breitet sich aus. Etwa 500 Meter neben uns ist eine jener "primitiven, selbstgebauten, selbstgebastelten" Raketen explodiert. Falls sie dem Kibbutz Nir Am galt, ist sie zu weit geflogen, sollte sie in Sderot ankommen, war die Flugbahn zu kurz berechnet. Jetzt liegt sie im freien Feld und eine schwarze Rauchwolke weist einem Polizeiwagen den Weg zu der Einschlagstelle.

Die Überreste des Projektils werden eingesammelt und zur labortechnischen Untersuchung gebracht. Man muss wissen, welcher Sprengstoff benutzt wurde, Dünger oder Dynamit, um daraus Schlüsse über die Kapazitäten und Fertigkeiten der Raketenbauer ziehen zu können. Im Innenhof der Polizeistation von Sderot lagern Hunderte solcher Projektile, die in und rund um Sderot eingesammelt wurden, Anschauungsmaterial für Fachleute und Amateure, die sich fortbilden wollen.

"Wir leben hier vom Glück", sagt Itzik, der "Tourismusdirektor" von Nir Am. Normale Touristen hat er freilich lange nicht mehr gesehen, nur Reporter, die möglichst nahe an der Grenze zu Gaza logieren möchten. Seit einer Woche sind die 20 Gästezimmer wieder ausgebucht, denn nebenan in Sderot gibt es kein Hotel und keine Herberge. "Es würde sich nicht lohnen", sagt Aaron, der im alten Zentrum von Sderot eine kleine koschere Fleischerei und einen Hamburger-Laden betreibt, "80 Prozent aller Geschäfte haben zu".

Früher kamen die Palästinenser - heute nur noch die Raketen

Aaron ist ein frommer Mann, über der Theke hängt ein Bild des "Lubavitcher Rebbe", dessen Anhänger darauf vertrauen, dass er sie in allen Lebenslagen beschützen und behüten wird. Deswegen hat Aaron keine Angst, dass eine Kassam auf sein Restaurant stürzen könnte. Um ganz sicher zu gehen, hat er allerdings das Dach mit einer Betonschicht verstärkt. Schaden kann es nicht.

Der "Makolet" von Sasson dagegen sieht aus, als wäre eben eine Bombe eingeschlagen. Das Dach ist ausgebrannt und drinnen sind alle Grenzen zwischen den Produkten aufgehoben, wie in einem umgestürzten Laster. Tatsächlich ist vor einem Jahr eine Kassam auf dem Dach gelandet und seitdem wartet Sasson darauf, dass die Stadt den Schaden repariert. Aber irgendwie fühlt sich niemand für ihn zuständig. Und so steht er vor dem Geschäft und verkauft Zigaretten und Soft Drinks.

"Mein Vater hat den Laden 1958 aufgemacht, es war das erste Geschäft in Sderot überhaupt." Sassons Eltern waren aus Marokko eingewandert, er selbst ist schon in Israel geboren. Früher, sagt er, kamen auch Palästinenser aus Gaza nach Sderot, um hier einzukaufen, jetzt kommen nur noch die Kassams. Seine fünf Kinder hat er in den Norden des Landes zu Bekannten geschickt, da sind sie wenigstens sicher. Ob er von seinem Gemischtwarenladen jemals wieder leben kann, weiß Sasson nicht, denn inzwischen hat gegenüber ein riesiger "Russenmarkt" aufgemacht, in dem alles angeboten wird, was eine Familie zu Hause und in der Küche braucht.

Beratungsstellen sind die einzigen Betriebe, die boomen

Die Sorgen, die Eli plagen, sind von anderer Qualität. Er hat seinen Job verloren, weil die Firma schließen musste, dann konnte er die Hypothek für seine Wohnung nicht mehr abzahlen, jetzt will die Bank über 100.000 Schekel von ihm haben und droht, ihn auf die Straße zu setzen, falls er nicht zahlt. Aber Eli hat nicht einmal das Geld, um seine Kinder zu einem privaten Psychologen zu schicken, denn die städtischen Beratungsstellen sind auf Monate ausgebucht. Es sind die einzigen "Betriebe" in Sderot, die derzeit Konjunktur haben.

Wir fahren zurück in den Norden, vorbei an Ashkelon, Ashdot, Javne, und hören im Radio, wo überall Raketen eingeschlagen sind: in Ashkelon, Ashdot, Jawne, rund um Sderot und Beerscheba. Es hat keine Toten gegeben, nur Sachschaden und einige Verletzte. In Jawne hat das Alarmsystem nicht funktioniert, in Beerscheba nur zum Teil.

Es ist nicht einfach, in einer solchen Situation an die Menschen in Gaza zu denken, die vermutlich gerne mit den Menschen in Sderot tauschen würden. Denn auch Sicherheit ist relativ. Während die Medien über die eskalierende "humanitäre Katastrophe" in Gaza berichten, wo Verletzte nicht versorgt werden können, warten 40 ägyptische Ambulanzen am Grenzübergang von Rafah auf den Einsatzbefehl. Am Flughafen von El-Arish lagern Tonnen von Arzneimitteln.

Derweil machen sich Ägypten und die Hamas gegenseitig für die Lage verantwortlich. Ägypten würde die Ambulanzen und die Arzneimittel über Rafah nach Gaza lassen, wenn der Grenzübergang, wie vereinbart, von der PLO kontrolliert würde. Davon will die Hamas nichts wissen und lässt nicht einmal Verletzte über Rafah nach Ägypten ausreisen. Die Ägypter würden ihre Ärzte und Ambulanzen auch über den benachbarten israelischen Kontrollpunkt Karni schicken, wenn die Hamas nicht darauf bestehen würde, dass sie über Rafah kommen, was die Ägypter wiederum ablehnen, solange die Hamas die Grenze kontrolliert - und so weiter und so fort.

Die Lage ist kompliziert, aber dennoch überschaubar. Die "humanitäre Katastrophe" ist schlimm; ums Leben zu kommen, ist noch schlimmer. Am schlimmsten aber wäre, dabei das Gesicht zu verlieren.

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