Angriffe im Südlibanon Auch kanadische Familie getötet

Als Vergeltung für den Hisbollah-Angriff auf Haifa hat die israelische Armee eine neue Offensive im Südlibanon gestartet. Bei dem Bombardement von Dörfern wurden nach Krankenhausangaben mindestens 17 Menschen getötet und Dutzende verletzt.


Beirut/Kairo/St. Petersburg - Bei einem israelischen Luftangriff auf ein Gebäude des Zivilschutzes in der südlibanesischen Hafenstadt Tyrus sind nach Angaben aus Sicherheitskreisen mindestens neun Menschen getötet worden. Mehr als 40 wurden bei dem Angriff am Sonntag verletzt, wie die libanesischen Sicherheitskräfte weiter mitteilten. In Rundfunkberichten war von 20 Toten die Rede. Allein im Dorf Aitaroun im Südlibanon wurden acht Zivilisten getötet. Mehrere der Opfer hätten sowohl die libanesische als auch die kanadische Staatsbürgerschaft, teilte ein Vertreter des Gesundheitsministeriums mit. Laut TV-Berichten war die Familie aus Kanada zum Urlaub nach Aitarun gekommen, um dort Urlaub zu machen. Unklar war, welches Ziel die israelische Armee in dem Dorf treffen wollte.

Laut libanesischer Polizei wurden die meisten Menschen in ihren Häusern getötet. Die israelische Luftwaffe hatte zuvor Flugblätter über Dörfern im Südlibanon abgeworfen und die Einwohner zur Flucht aufgefordert. Die neuen Opfer eingerechnet, stieg die Zahl der Toten seit Beginn der israelischen Angriffe im Libanon auf 116.

Der Befehlshaber der israelischen Armee in Nordisrael, Generalmajor Udi Adam, kündigte laut einem Bericht des US-Senders CNN weitere schwere Angriffe in den kommenden Stunden an. Tausende von Libanesen machten sich in Minibussen und Lastwagen auf die Flucht. Auch Zehntausende Europäer flüchten aus dem Land.

Die Raketen, die heute Morgen in der israelischen Hafenstadt Haifa einschlugen, sind nach Einschätzung des stellvertretenden israelischen Ministerpräsidenten Schaul Mofas in Syrien hergestellt worden. "Das sind syrische Waffen", sagte der frühere Verteidigungsminister bei einem Rundgang durch das Bahndepot in Haifa, in dem bei dem Raketenangriff acht Menschen ums Leben gekommen waren. Aus israelischen Sicherheitskreisen hatte es zuvor geheißen, die Hisbollah habe für den Angriff Raketen aus dem Iran eingesetzt.

Irans Außenamtssprecher Hamid Resa Assefi wies diesen Vorwurf postwendend zurück. Weder hielten sich iranische Soldaten im Libanon auf noch habe sein Land der Hisbollah Waffen geliefert. Die Hisbollah-Miliz hatte sich dagegen gerühmt, neuartige Raketen mit größerer Reichweite zu besitzen. "Unsere Kämpfer haben Raketen vom Typ Raad 2 und Raad 3 auf Haifa gefeuert", hieß es in einer in Beirut verbreiteten Erklärung der Hisbollah. Die ersten Raketen vom Typ Raad ("Donner") wurden 2004 im Iran hergestellt. Auf Expertenseiten im Internet wird ihre Reichweite auf 120 bis 350 Kilometer geschätzt.

Das geistliche Oberhaupt Irans, Ayatollah Ali Chamenei, lobte die libanesische Hisbollah-Miliz heute für ihren Kampf gegen Israel und prophezeite ihr den Sieg. "Dank der Stärke der Hisbollah hat der libanesische Widerstand den Traum der Zionisten zerstört", sagte er in einer vom iranischen Fernsehen übertragenen Ansprache. Die Hisbollah werde ihre Waffen nicht niederlegen. "Das libanesische Volk kennt den Wert der Hisbollah."

Die libanesische Regierung hat nach eigenen Angaben von Israel Bedingungen für eine Einstellung der Militäroffensive erhalten. Israel fordert demnach die Freilassung der von Hisbollah-Kämpfern entführten Soldaten und einen Rückzug der Miliz von der gemeinsamen Grenze.

Weitere Einzelheiten sind bislang nicht bekannt. Libanons Ministerpräsident Fouad Siniora hatte gestern von den Vereinten Nationen gefordert, sich für eine Waffenruhe einzusetzen.

Rice: "Waffenstillstand wäre falsches Signal"

US-Außenministerin Rice äußerte sich ablehnend zu der Forderung. Dies würde das Problem in Nahost nicht lösen, sagte sie heute beim G8-Gipfel in St. Petersburg. Es wäre ein falsches Signal an Hisbollah und Hamas, wenn diese nach einem vorübergehenden Schweigen der Waffen weiterhin in der Lage wären, ihre Raketenangriffe auf Israel fortzusetzen. Notwendig sei eine nachhaltige Lösung der Probleme, die zu einem dauerhaften Ende der Gewalt führe und die moderaten Kräfte im Nahen Osten stärke.

Gleichzeitig stärkte Rice Israel erneut den Rücken. "Ich werde nicht versuchen, jeden einzelnen Angriff Israels zu bewerten." Die USA unterstützten vehement das Recht der Regierung in Jerusalem auf Selbstverteidigung.

har/dpa/afp/ap

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.