Drohender Militärschlag: Syriens Reiche setzen sich ab

Aus Beirut und Masnaa berichten Ulrike Putz und

Syrien: Exodus der Wohlhabenden Fotos
AP

Am Grenzübergang Masnaa zum Libanon stauen sich die Autos. Vor allem wohlhabende Syrer flüchten ins Nachbarland. Sie fürchten einen US-Luftschlag - denn die Häuser der Reichen liegen oft in der Nähe möglicher Ziele.

Der Strom der Autos mit Damaskus-Kennzeichen, die über den Grenzübergang Masnaa in den Libanon fahren, reißt nicht ab. "So geht es schon seit Dienstag", erzählt ein Grenzbeamter. Die Autos stauen sich zurück, so weit sich sehen lässt. Drei junge syrische Schwestern haben ihren Taxifahrer im Stau zurückgelassen und spazieren zu Fuß voraus den Straßenrand entlang in den Libanon.

Ganz vorne, mit regenbogenfarbenem Kopftuch und enger Jeans, spaziert Lina, mit 23 Jahren die Älteste des Schwesterntrios und Rädelsführerin. Ihr folgen die 17-jährige Alija, die nicht weiter auffallen würde, wenn nicht an ihrer Kette ein Porträt von Baschar al-Assad im Herzrahmen baumeln würde, und die 19-jährige Dalia, die als einzige der drei kein Kopftuch trägt. Ihre schwarze Haare reichen bis zum Gürtel.

Zusammen sind die drei Schwestern kaum zu übersehen. Immer wieder halten fassungslos Autofahrer an, um nachzufragen, warum diese drei dort zu Fuß unterwegs sind. Schon von weitem weisen elegante Kleidung und schicke Sonnenbrillen sie als Töchter aus gutem Hause aus.

"Unser Fahrer kommt gleich nach", antwortet Lina immer auf Nachfrage. Sie hat ihn einfach an der Grenzkontrolle stehen lassen. Nur für sich und ihre zwei Schwestern hat sie dem syrischen Kontrolleur das Bestechungsgeld zugeschoben, was dafür sorgte, dass sie statt drei Stunden Schlangestehen gar nicht warten mussten, sondern sofort durchgewunken wurden. Lina konnte es nicht abwarten. "Es ist das erste Mal, dass ich in den Libanon reise!", erzählt sie aufgeregt.

Die Armen warten ab, die Reichen flüchten

Der Auslöser für den Exodus der drei Schwestern ist der womöglich bevorstehende Militärschlag, als Antwort auf den Giftgasangriff von Damaskus. Linas Eltern haben sich schon im Sommer 2011 nach Jordanien abgesetzt. Nun sollen die Töchter, die bei Verwandten geblieben sind, sofort nachkommen.

Eigentlich wären es nur ein paar Stunden Autofahrt. Doch weil der Landweg von Damaskus nach Jordanien höchst gefährlich ist, ordnete Linas Mutter an: sofortige Ausreise über die sichere Damaskus-Beirut-Fernstraße und dann von Beirut aus mit dem Flugzeug nach Amman. Offenbar dachten noch andere so. Der Flughafen von Beirut ist überfüllt mit wartenden Syrern. Alle Flüge aus dem Libanon ins Ausland sind bis Mitte kommender Woche ausgebucht.

Die neue Lage hat mit einem Schlag das Kalkül jener Wohlhabenden verändert, die Syriens Hauptstadt bisher noch nicht verlassen haben. Ein Großteil hat sich schon in den vergangenen zwei Jahren abgesetzt.

Die Reichen leben in Teilen von Damaskus, die bisher als recht sicher galten, weil sie direkt an Einrichtungen des Militärs angrenzen. Es sind Hochsicherheitsgebiete. Rebellen können dort kaum Anschläge verüben. Vor allem ist man dort geschützt vor den Attacken des syrischen Militärs. Lina sagt: "Wir machen uns keine Sorgen über Giftgas. Das trifft die Vororte von Damaskus. Die werden zerstört, nicht wir."

Dementsprechend trifft man kaum ärmere Syrer am libanesischen Grenzübergang an. Es sind nur wenige darunter, die zum Arbeiten von Syrien in den Libanon pendeln. Einer davon sagt: "Wir haben Angst vor Assad, nicht vor Amerika." Das syrische Regime bombardiert seit über einem Jahr Wohngebiete, die nicht mehr seiner Kontrolle unterstehen, auch mit den unpräzisen, schweren Scud-Raketen. Da verlieren israelische oder amerikanische Angriffe mit vermeintlichen Präzisionswaffen ihren Schrecken.

Der Flughafen von Beirut ist das letzte sichere Schlupfloch

Doch die Aussicht, dass die USA Ziele in Syrien angreifen könnten, ändert dramatisch die Perspektive der Wohlhabenden. Plötzlich wohnt die Ober- und Mittelklasse nicht mehr in der Hochsicherheitszone, sondern am Rande der Zielscheibe.

Am meisten allerdings fürchten die Reichen die Konsequenzen eines möglichen US-Angriffs. Wie würde die libanesische Hisbollah reagieren, wie Iran? Für sie ist vor allem die Frage wichtig: Schließt sich der einzig verbliebene sichere Fluchtweg ins Ausland, nämlich der über den Beiruter Flughafen?

Nur die besser gestellten Syrer können so überhaupt noch entkommen. Nur sie haben das Geld und die teils dafür nötigen Visa oder sogar doppelte Staatsbürgerschaften. Der Rest bleibt in Syrien zurück. "Natürlich mache ich mir Sorgen, aber wo soll ich denn hin?", fragt der 32-jährige Ahmed, der am Donnerstag nur für ein paar Stunden für einen Geschäftstermin von Damaskus nach Beirut fährt. Am Abend kehrt er wieder nach Syrien zurück.

Ein paar hundert Meter hinter dem Grenzübergang holt Linas Taxifahrer die drei Schwestern wieder ein. Er ist wütend, dass die jungen Frauen ihn zurückgelassen haben. Lina lässt sich davon nicht beirren. Für sie ist die Reise ein großes Abenteuer, an deren Ende Sicherheit und ein Wiedersehen mit ihren Eltern steht. Den Fahrer fragt sie scherzend: "Wo warst du denn so lange, bist du zur Pilgerfahrt nach Mekka?" - "Mit dir rede ich nicht mehr", antwortet er.

Die drei Schwestern steigen ins Taxi ein, Lina will direkt zum Beiruter Flughafen fahren, auch wenn sie und ihre Schwestern dann noch 16 Stunden auf den Abflug warten müssen. Lieber kein Risiko eingehen. Beirut, die fremde Stadt, ist Lina doch ein wenig unheimlich.

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insgesamt 18 Beiträge
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1. unbeschwert, wohlhabend, und auf Vorteil bedacht
Heike111 30.08.2013
wir machen uns keine Sorgen um Giftgas, das trifft die und nicht uns, sagt die Lina da? Meint sie das noch kommende oder was. Ich denke sie hat Angst, und ich hätte die wäre ich in Syrien aber mit 100%iger Sicherheit auch. Lauf schnell über die Grenze da Lina, rette dich. Das Leben ist kostbar. Alles was da jetzt raus kann, geht weg. Und ich verstehe das. Die ärmsten und schwästen kriegen Assads Giftgas. Irgendwie ist mir zum heulen.
2. Feige Reichen
FairPlay 30.08.2013
Das ist immer so. Wenns brenzlig wird packen die Reichen ihre Millionen in ihre Taschen, steigen in ihre Nobel Karossen und verlassen das Land. Das ist doch mal Solidarität der Reichen. Die Gearschten sind die Armen die zurück bleiben müssen. Sie sind es dann auch die das Land mit ihrer Arbeit wieder aufbauen müssen. Wenn dies dann geschehen ist kommen die Reichen wieder zurück.
3. Dürftig
moisdemai 30.08.2013
Zitat von sysopAm Grenzübergang Masnaa zum Libanon stauen sich die Autos. Vor allem wohlhabende Syrer flüchten ins Nachbarland. Sie fürchten einen US-Luftschlag - denn die Häuser der Reichen liegen oft in der Nähe möglicher Ziele. Angst vor Angriff: Viele wohlhabende Syrier flüchten - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/angst-vor-angriff-viele-wohlhabende-syrier-fluechten-a-919484.html)
Also alles was Recht ist, die Photos zeigen nichts von einer Fluchtwelle: 1 Familie,auf 2 von 5 Photos die selbe Familie...ein paar Autos nur eines mit grossem Gepäck - das soll dafür herhalten, dass die Reichen flüchten? Sieht eher wie ein kleiner Grenzverkehr in der rushhour aus, um im Libanon einkaufen zu fahren...
4.
stefansaa 30.08.2013
Zitat von FairPlayDas ist immer so. Wenns brenzlig wird packen die Reichen ihre Millionen in ihre Taschen, steigen in ihre Nobel Karossen und verlassen das Land. Das ist doch mal Solidarität der Reichen. Die Gearschten sind die Armen die zurück bleiben müssen. Sie sind es dann auch die das Land mit ihrer Arbeit wieder aufbauen müssen. Wenn dies dann geschehen ist kommen die Reichen wieder zurück.
Glauben Sie nich auch, dass alle die können das selbe tun? Selbst derjenige, der jeden Tag arbeiten ging und sich mit mühe ein Auto leisten konnte und eine Wohnung / Haus, der eine Frau, zwei Kinder und ein einfaches aber doch erfülltes Leben hatte wird dieses Land verlassen. Bei dem was sich dort anbahnt. Wenn die Nato oder USA wird Syrien die nächsten 30 Jahre wenn nicht mehr, wird Syrien ein dritte Welt Land sein, wenn der Rest der Welt mit diesem Krieg dort fertig ist. Das schlimme daran ist, dass dieser Konflikt nur der Zündfunke an einer riesigen Bombe sein wird, denn viele gieren mittlerweile danach wieder nach der absoluten Katastrohpe. Die Katastrophe die schon das 20te Jahrhundert nachhaltig geprägt hat. Man kann nur hoffen, dass die Politiker und mächtigen und reichen mal einsehen was Sie dort anrichten. Man könnte ja ausnahmsweise mal aus Geschichte lernen... Viel Glück an alle die die Möglichkeit haben dort weg zu kommen. Der Rest ebenfalls und noch mehr Glück, dass das irgendwie ein gutes oder schnelles Ende nimmt.
5.
mesopotamien00 30.08.2013
Ich habe die arabische Übersetzung gelesen frau Salloum ist der arabische Sprache nicht mehr mächtig genug oder sie hat selber gefuscht bei der Übersetzung . Sie (Lina) sagte ledeglich das ihr Wohnorte von Bomben verschont blieben und das irbin mit Gas angegriffen wurde und es die Terroristen waren nicht assad . Meine Güte selbst assad Anhänger haben den Angriff auf de Zivil Bevölkerung verurteilt
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